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Von der Pike auf Gewerkschafter

Der neue ver.di-Landesbezirksleiter Frank Wolf will den Mitgliederschwund stoppen

  • Von Jörg Meyer
  • Lesedauer: 4 Min.

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Frank Wolf
Frank Wolf

»Große Ländereien besitzen wir als abhängig Beschäftigte in der Regel nicht. Wir haben unsere Arbeitskraft, und die werden wir so teuer wie möglich verkaufen«, sagt Frank Wolf, der neue Landesbezirksleiter von ver.di Berlin-Brandenburg. Es kommt gut an, wenn Spitzenfunktionäre klassenkämpferische Sätze parat haben. Das gewerkschaftliche Rüstzeug hat er in seiner Neuköllner Familie in Berlin von klein auf mitbekommen.

Der Vater sei Arbeiter - »auf die Bezeichnung besteht er« - und Gewerkschafter, auch nach dem Ruhestand. Und Sohn Frank? Der ist Bänker und von der Pike auf gelernter Gewerkschafter. Zusammengefasst: geboren 1962, ab 1981 Ausbildung zum Bankkaufmann bei der gewerkschaftseigenen Bank für Gemeinwirtschaft, Vorsitzender der Jugend- und Auszubildendenvertretung, Vertriebsmitarbeiter, Betriebsratsmitglied, Gewerkschaftssekretär. Seinen ersten Job in der Hauptamtlichkeit trat Wolf bei der Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen (HBV) im Jahr 1991 an. Mit der ver.di-Gründung 2001 endete die Geschichte der HBV, Wolf wurde Gewerkschaftssekretär im ver.di-Fachbereich Finanzdienstleistungen.

Die Leitung des Landesfachbereichs übernahm er 2004. Er hat etliche Tarifverhandlungen und Arbeitskämpfe hinter sich. Die alle vier Jahre stattfindende Landesbezirkskonferenz wählte Wolf am vergangenen 22. Februar zum neuen Leiter. Amtsübernahme: unverzüglich. Seine Stellvertreterinnen sind Andrea Kühnemann und Gabi Lips.

Frank Wolf ist der erste Mann an der Spitze des Landesbezirks. Das ist ein Satz mit Seltenheitswert im gewerkschaftlichen Kontext. Vorgängerin Susanne Stumpenhusen hatte die Zügel seit ver.di-Gründung in der Hand. »Würde ich mich jetzt erneut aufstellen lassen und die gesamte Wahlperiode durchhalten, wäre ich am Ende 67 Jahre alt. Das möchte ich genauso wenig wie zur Mitte der Wahlperiode aufhören«, hatte Stumpenhusen im vergangenen Herbst der »Berliner Morgenpost« gesagt.

Durch den Jobwechsel ändert sich für Wolf einiges. Seinen berufslebenslangen Fokus auf die Finanz- und Versicherungsbranche muss er ausdehnen. Zu den Aufgaben des Chefs gehört, sich öffentlich einzumischen, Lobbyarbeit, die Gewerkschaft in aktuellen Debatten ins Gespräch zu bringen und nicht zuletzt ein größerer Apparat, den er zu leiten hat. Dem begegnet er »mit Respekt«, ist aber auch bereit dafür, sagt er. »Führungserfahrung stand auch in meinem Bewerbungsschreiben für die Stelle als Leiter.«

Die Wahl des neuen Chefs der größten Gewerkschaft in Berlin und Brandenburg wurde in der Politik wahrgenommen. Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke und Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (beide SPD) gratulierten herzlich. Er sei sicher, so Müller, dass Wolf die gute und vertrauensvolle Zusammenarbeit seiner Vorgängerin fortführen werde und weiter: »Wir befinden uns am Beginn einer starken Veränderung in der Arbeitswelt, die mit der Digitalisierung einher geht und die von uns allen neue Lösungen verlangt.«

Ein Freundschaftsangebot vom Regierenden oder droht Unbill wie so oft, wenn die Arbeitgeber Offenheit von den Beschäftigten verlangen? »Ich verstehe das nicht als Kampfansage«, sagt Wolf, »sondern eher als Angebot, wie wir gemeinsam mit der Digitalisierung umgehen und wie wir sie im Sinne der Beschäftigten gestalten. Dass sie mit einer unglaublichen Dynamik passiert, ist real.«

Wie viel Gemeinsamkeit sollte es denn zwischen Gewerkschaft und Politik geben? »Die Politik kann man nur bewegen, wenn man in Kontakt ist«, ist die Antwort des Landesbezirksleiters. Aber er sieht sich auch »auf zwei Hochzeiten tanzen«. In den jüngst zu Ende gegangenen zähen Tarifverhandlungen für den öffentlichen Dienst, waren die Landesregierungen Arbeitgeber und saßen auf der anderen Seite des Verhandlungstisches.

Zu tun hat der Neue in den nächsten vier Jahren genug. Dass so viel Beschäftigte in den kommenden Jahren in den Ruhestand gehen, ist ein Schlag ins Kontor. Die Mitgliederzahlen sinken seit Jahren stetig, zuletzt von rund 160 000 auf rund 157 000 zwischen 2015 und 2018. »Da müssen wir gegensteuern.« Neue Branchen müssten organisiert werden, die Hochburgen gehalten werden. Besonders im Gesundheitsbereich und besonders bei jüngeren Beschäftigten kann ver.di Zuwächse verzeichnen. Der Fachkräftemangel ist für Wolf ein »vor Jahren hausgemachtes Problem durch den Senat. Bei der geringen Bezahlung, die es im öffentlichen Dienst teilweise gibt, brauchst du die Jobs doch gar nicht auszuschreiben«, sagt er.

Doch auch nach innen sind bei ver.di dicke Bretter zu bohren. Wir treffen uns in einem Büro in der Landesverwaltung - nicht in seinem Büro, das muss erst seine Amtsvorgängerin räumen. Der Mietvertrag für das Haus läuft 2023 aus, Zukunft unsicher. Bei der derzeitigen Immobiliensituation in Berlin, scheint es unwahrscheinlich, dass ver.di in der Innenstadt ein geeignetes Haus in geeigneter Größe zu einem bezahlbaren Preis findet. »Ich zitiere mal meinen Großvater: Der Arbeitergroschen muss auch vernünftig für die Arbeiter eingesetzt werden«, sagt Frank Wolf.

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