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Passen Sie auf!

Seit zehn Jahren brilliert die Lautten Compagney mit dem Barockfestival «Aequinox» in Neuruppin

  • Von Wolfgang Hübner
  • Lesedauer: 3 Min.

Passen Sie auf!«, raunt Sigmund Freud, auf dem Sofa lümmelnd, ins Publikum, »passen Sie auf. Sie werden manipuliert. Das ist Musik! Kein Inhalt, keine Analyse. Sie werden manipuliert. Passen Sie auf!« Die Warnung der Freud-Puppe, geführt von der famosen Suse Wächter, läuft allerdings ins Leere. Denn um das Publikum ist es längst geschehen.

Der Psychoanalytiker ist Teil eines grotesken Spektakels sehr frei nach Shakespeare: »Sommernachtstraum!« Kein Theaterstück, sondern eine Revue mit Dominique Horwitz als allgegenwärtigem Zeremonienmeister, Mehrfachdarsteller, Conferencier. Eine Mischung aus Klamotte und Konzert, mit nicht immer tieferer Bedeutung. Genau das, was die Besucher des Aequinox-Musikfestivals im brandenburgischen Neuruppin seit Jahr und Tag so faszinierend finden, dass sie in Massen in die Säle pilgern.

Zum zehnten Mal veranstaltete die Berliner Lautten Compagney, eines der gefragtesten Ensembles für Alte Musik, und ein Verein um die kulturbesessene Hotelinhaberin Gabriele Lettow die Musiktage zur Tag- und Nachtgleiche, und Ermüdungserscheinungen sucht man vergeblich. Jedes Jahr aufs Neue bringen die Musiker um Wolfgang Katschner und die organisierenden Freizeitenthusiasten mit schmalem Budget sowie Herz, Fantasie und Ausdauer ein Drei-Tage-Programm zustande, das Unterhaltung, Bildung, Hochkultur und Überraschung vereint. Eine großartige Werbung für Neuruppin, wie sie das Stadtmarketing nicht besser hätte erfinden können.

Das Festival spiegelt die Philosophie der Lautten Compagney: künstlerische Akribie und Perfektion auf der einen Seite; Spaß, Risikobereitschaft, Grenzüberschreitungen auf der anderen Seite. In der Shakespeare-Revue treffen Henry Purcell und Michael Jackson aufeinander, Schnulze folgt auf Arie, Musik begegnet Literatur. Es ist dies eine Form, die die Lautten Compagney seit Jahren konsequent weiterentwickelt. Namen wie Don Quichote und Marco Polo stehen dafür - wer immer landauf, landab Gelegenheit hat, eines dieser Programme zu sehen, sollte sich schleunigst Karten sichern. Denn immer arbeitet die Lautten Compagney mit brillanten Schauspielern zusammen, und mit Christian Filips sorgt ein Mann für Drehbücher und Regie, der den großen Werken mit so viel Respekt wie nötig und so viel Respektlosigkeit wie möglich gegenübertritt.

Das führt beispielsweise dazu, dass ein verstrubbelter Salonlöwe mitten in die Shakespeare-Revue platzt (abermals Suse Wächter), der sich als der Apothekersohn Theodor Fontane entpuppt und - dem Starrummel abhold - die »Capri-Fischer« röhrt: »Vergiss mich nie!« Überhaupt Fontane: An dem führt in diesem Jahr, zumal in Neuruppin, kein Weg vorbei. Brandenburg könnte vielleicht ohne Dietmar Woidke auskommen, ohne Fontane keinesfalls. Es wird fontanisiert nach allen Regeln der Kunst.

So auch bei der zehnten Auflage von Aequinox. »Effi Briest«, das Drama eines von Konventionen zerstörten Lebens, vielen als quälende Schullektüre in Erinnerung, gerät in der Bühnenfassung der Lautten Compagney mit Eva Matthes und Christian Filips am Lesepult zu einer ganz und gar nicht langatmigen, ja unterhaltsamen Story, in der Heiterkeit und Tragik eng beieinander liegen. Auch hier wieder vorzügliche Musiker und Sänger - neben der Lautten Compagney die spanische Sopranistin Aurora Pena und das Leipziger Calmus Ensemble -, eine kongeniale Textauswahl, musikalische Querverbindungen von Monteverdi über Händel bis zu Kreisler und Sting. Was sie verbindet: Sie alle sind Songwriter erster Güte.

Legen die Aequinox-Macher ansonsten ihren Ehrgeiz in den Anspruch, beständig mit Neuem zu überraschen, so haben sie sich zum zehnten Geburtstag ein paar Wiederaufnahmen erfolgreicher Programme geleistet. Die daran erinnern, welche Kulturtat dieses Festival darstellt: Spitzenkunst in die Stadt und ihre Umgebung zu holen; stets neue Aufführungsorte zu entdecken, damit selbst Alteingesessene zu überraschen und so angewandte Heimatkunde zu betreiben. Und aus dem Erwartbaren auszubrechen: Laute vierhändig gespielt, Bach auf chinesischen Instrumenten, Renaissancemusik auf Schalmei, Pommer und Dulzian, Freud am Klavier - dem kann man sich schwerlich entziehen. Widerstand zwecklos. Da mag der alte Wiener raunen, wie er will.

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