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Reagans Gesetz

»Blue Bloods« - wie eine Polizistenfamilie New York von Kriminellen befreit

  • Von Suzanne Marlé
  • Lesedauer: 5 Min.

Bis in die 1990er hinein war New York die Hauptstadt des Verbrechens, kein Tag verging ohne Mord, Raub, Totschlag, Vergewaltigung. Als »No-go Areas« galten vor allem die Viertel der Afroamerikaner und Latinos. Auch wenn Touristen laut dem Rat von Reiseführern bestimmte Gegenden heute noch meiden sollten, ist die Kriminalitätsrate am Hudson River tatsächlich rapide gesunken. Dies sei ein Verdienst von Bürgermeister Rudolph »Rudy« Giuliani, heißt es gemeinhin. Er habe in seiner Amtszeit (1994- 2001) die Gesetzlosigkeit mit einer »Null Toleranz«-Politik drastisch eingedämmt. Wer indes die US-amerikanische Serie »Blue Bloods - Crime Scene New York« kennt, weiß es besser: Nicht »Rudy« war’s, sondern die Reagans sind es, die Big Apple vor allerlei Übel und üble Typen bewahren.

Es handelt sich hier nicht um die Familie des ehemaligen Western-Helden und hernach gegen den bösen Kommunismus streitenden Präsidenten Ronald Reagan, auch wenn der Patriarch der TV-Familie mit jenem viel gemeinsam hat. Gemimt wird Raubein Henry Reagan von Len Cariou (»Prisoners«), seinen Sohn Francis »Frank« Reagan verkörpert Tom Selleck (»Magnum«). Das New Yorker Police Department (NYPD) scheint ein Erbhof zu sein. Nahtlos übernahm von Vater Henry, Veteran des Korea-Krieges, Sohn Frank, der natürlich im Vietnamkrieg war, den Posten des Commissioners. Während Ersterer, ein rüstiger, aber schon etwas tütteliger Rentner, eine Frohnatur ist, blickt Letzterer überwiegend grimmig drein und kann Untergebenen gegenüber sehr rigide sein. Er rüffelt auch gern seinen überaus loyalen Pressechef, der ein Bedenkenträger ist. Von der Vierten Gewalt hält der Commissioner nicht viel, obwohl er sie sich ab und an ins Bett holt, zeitweise gar eine feste Liaison mit einer Fernsehreporterin unterhält, von der er aber hintergangen wird. Sie hat angeblich vertrauliche Informationen ausgeschlachtet. Nach Ansicht von Frank Reagan wollen die Medien nur seine blauen »Jungs« verunglimpfen, die täglich ihr Leben riskieren, im Kampf gegen Mafiosi, Gangs und Kleinkriminelle. Das NYPD sieht er als seine Familie an, die er vor der skrupellosen Journaille schützen muss.

Besonders gern streitet der Commissioner mit dem Bürgermeister, einem Afroamerikaner, dem seine Wähler wichtig sind und der nicht begreift, dass er sich dem obersten Gesetzeshüter unterzuordnen hat. Maskuliner Machtkampf. Ein besonders schwarzes Schaf aber ist für Frank Reagan ein schwarzer Priester, der seine Schäfchen gegen die Polizei aufhetzt, einmal sogar zum Sturm auf das Polizeipräsidium bläst. Im Nachhinein stellt sich - na klar - heraus, dass die Meldung, ein weißer Polizist habe einen wehrlosen schwarzen Jungen erschossen, in den Bereich der Fake News gehört. (Rassistische Willkür gibt’s in den USA nicht.)

Der Witwer Frank Reagan hat zwei leibliche Jungs. Der älteste Sohn, Daniel »Danny« Reagan, ist Detective, hat selbstredend seine Pflicht im Irak-Krieg erfüllt (die Reagans schwelgen gern in Kriegserinnerungen) und schreckt - wie einst Vater und Großvater - nicht vor dubiosen Methoden zurück. Da geht es bei Festnahmen zuweilen äußerst rabiat zu und wird bei Verhören auch mal kräftig ausgeteilt. Jamison »Jamie« Reagan, der jüngere Sohn, ist von sanfterem Wesen, nimmt es mit den Vorschriften genauer und hat etwas mehr Grips. Trotzdem und trotz Harvard-Abschluss in Jura bleibt er der Familientradition verhaftet. Die Gebrüder geraten in etliche Schlamassel, müssen die Suppe, die sie sich oder andere ihnen eingebrockt haben, jedoch nicht immer selbst auslöffeln. Denn da ist Daddy, der sich kraft seines Amtes mutig mit den »Internen« von der innerpolizeilichen Ermittlungsbehörde anlegt.

Weil offenbar den Producern der Crime-Serie so viel blauuniformierte Selbstherrlichkeit selbst unheimlich war, gibt es zwei Frauen zur Besänftigung und Schlichtung. Dannys Frau, Mutter zweier halbwüchsiger Söhne, die bestimmt auch eines Tages Polizisten werden, arbeitet in einem Krankenhaus und hat dadurch durchaus Gespür für die Sorgen und Nöten normaler Menschen. Wichtiger aber ist Erin Reagan, die Tochter des Commissioners, alleinerziehende Mutter und Staatsanwältin. Ihre Aufgabe ist es, die männlichen Familienmitglieder zu ermahnen, wenn sie Gefahr laufen, das Gesetz zu überschreiten, das sie vertreten sollen. Mitunter gibt sie aber selbst - indirekt - trickreich Tipps, wie kodifizierte Rechte umgangen werden könnten, damit Kriminelle dingfest gemacht werden. Da ist sie ganz eine Reagan.

Exekutive und Judikative in einer Familie vereint, die New York regiert zum Wohle aller New Yorker, ob schwarz, gelb, braun oder weiß, hetero- oder homosexuell, jung oder alt, Männlein oder Weiblein. Gemäß dem Motto des NYPD: »Courtesy, Professionalism, Respect« (Höflichkeit, Professionalität, Respekt). Gleichwohl spricht man unter sich nicht selten offen aus, was man denkt: »Wir können den Fall sofort abschließen und keinen würde es stören.« Oder: »Gangsterkriege ersparen den Papierkram.« Unterschwellig wird zudem deutlich, dass der streng katholischen Familie mit irischen Wurzeln, die das Tischgebet nie vergisst, Schwule und Lesben irgendwie unheimlich sind, ebenso wie Bürgerrechtler und Linke. Ein wahres Spiegelbild von Trumps Paradies.

Die Pilotstaffel lief 2010 in den USA unter dem treffenden Titel »Reagan’s Law«. Inzwischen ist die 9. Staffel von »Blue Bloods« im Kasten. In den USA hat die Serie ein Millionenpublikum, in Deutschland, wo sie seit 2012 irrlichtert, hält sich das Interesse in Grenzen. Jedoch sicher nicht, weil die »Tatorte« qualitativ besser seien, in ihrer Einstellung zu Law and Order, Ruhe und Ordnung, ticken die meisten Deutschen wohl doch anders.

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