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Miese Dinge auf edle Weise treiben

Robert Redford in seiner vermutlich letzten Filmrolle: Die stille Krimikomödie »Ein Gauner & Gentleman«

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Vermutlich war der notorische Bankräuber Forrest Tucker einfach ein glücklicher Mann - wenn nämlich Glück bedeutet, zu tun, was man kann, und zu können, was man tut. Auch Robert Redford kann, was er tut, tut aber künftig nicht mehr, was er kann. Jener Tucker soll, wie man hört, die letzte Rolle seiner Laufbahn werden. Dass der große Schauspieler aufhört mit der Rolle eines Mannes, der nicht aufhören konnte, ist die erste Pointe dieses provokativ gemütlichen Films. Der Originaltitel (»The Old Man & the Gun«) übrigens erinnert gleichfalls an eine Figur, die in ihrer Berufung kein Ende finden wollte: Hemingways ewiger Fischer Santiago.

Als der reale Tucker im Alter von 79 Jahren das letzte und endgültige Mal ins Gefängnis wanderte, lag eine 64 Jahre währende Karriere als Dieb und Bankräuber hinter ihm, in deren Verlauf er es überdies auf unglaubliche 18 Gefängnisausbrüche brachte.

Der Film »Ein Gauner & Gentleman« erzählt nun seine letzten Monate in Freiheit, und mit Fug. Der freche Witz dieses Gauners hätte am nimmermüden, umtriebigen Fluchtverhalten gewiss einen dankbaren Stoff gehabt, dennoch wäre etwas ganz Anderes, sehr viel Turbulenteres herausgekommen als dieser Film hier, der das sichere Gespür des Regisseurs David Lowery für Tempo, Atmosphäre und Spiel verrät. Tucker steht an einem Punkt im Leben, an dem der Gedanke des Ruhestands eine späte, nie geplante Faszination erhält. Indem er zufällig Jewel (Sissy Spacek) begegnet und sich verliebt, entfaltet sich der klassische Konflikt zwischen Trieb und Selbstverwirklichung, denn Tucker raubt keine Banken aus, um auf diese Art reich zu werden; er tut es aus Vergnügen.

Diese entspannt-ironische Altersunruhe, die sanfte Kollision steter Distanz und Verbindlichkeit, warmherziger Zuneigung und entschlossener Setzung eigener Interessen überträgt der Film auf alle Ebenen. Ohne so peinlich auf die Tube zu drücken wie etwa »Captain Marvel« zur Zeit in den Kinos, wird ein Retro-Setting geschaffen, das es nicht nötig hat, sich an einer Kanonade von Anspielungen kenntlich zu machen. Gedreht wurde im nostalgischen 16-mm-Format, die Beleuchtung gibt sich bescheiden, bei den Farben dominieren mattes Gold, Beige-, Braun- und Sepia-Töne. Club- und Jazz-Musik bleiben stets dem Temperament der Szene angemessen und treiben die Handlung gleichmäßig voran. Nicht nur dieser Griff erinnert an klassische Heist Movies und Gauner-Filme.

Redford und Spacek, dazu Tom Waits, Danny Glover, Casey Affleck - ein solches Ensemble könnte kraft Charismas leicht über mögliche Unstimmigkeiten hinwegspielen. Nur ist das hier gar nicht nötig. Die Darsteller werden organisch: wie der Ermittler Hunt (Casey Affleck) seine Kinder in die Deduktion einbezieht, wie das herausfordernd flirtende Liebespaar (Redford/Spacek) glänzt, wie das skurrile Gaunertrio (Redford/Glover/Waits) sein beiläufiges Miteinander spielt, das die gemeinsamen Jahre verrät, wie Hunt und Tucker als Antipoden in einer brillant komponierten Begegnungsszene zwischen Piss- und Waschbecken Eindruck machen ohne großes Wortgepäck, das selbst Al Pacino und Robert de Niro in »Heat« (1995) noch benötigten.

Dieser Vergleich ist fordernd, aber in einer anderen als filmischen Hinsicht. Gerade die Erinnerung an das Bankraub-Movie »Heat« oder das Ausbrecher-Drama »Der Unbeugsame« (1967) - der reale Forrest Tucker, wie gesagt, war Spezialist für beides - deckt die manipulative Seite des Films auf. So entzückend, stilsicher und intelligent der Film sich darstellt, das Bild des ehrbaren Gauners wird einfach überdehnt. Wo Neil McCauley im Zweifel über Leichen geht und Luke Jackson an infantilem Starrsinn scheitert, wird Forrest Tuckers asoziale Seite retuschiert. Das Ganze mag als Vorschein des wahrhaft freien Menschen angedacht sein, aber es muss in sich zurückfallen, weil diese Freiheit auch bloß auf Verbrechen beruht. Diese Spannung hält der Film nicht aus und bedient stattdessen den Wunsch nach prinzipieller Überschreitung ziviler Prinzipien. Im Bild des Gentleman-Gauners ist die gefühlte Bevormundung durch den Staat verarbeitet, mit seiner Gleichheit der Bürger vor dem Gesetz. Der Staat als Einrichtung wäre erst dort überflüssig, wo das Zusammenleben der Menschen sich von selbst zum Besten regeln könnte, also nirgends je. Das gemütliche Postulat des ehrbaren Gauners ist folglich zänkisch. Dass er miese Dinge auf edle Weise treibt, soll mitteilen: Er bricht durchaus das Gesetz, aber nur, weil er besser als es ist.

»Ein Gauner & Gentleman«, USA 2018. Regie/Drehbuch: David Lowery; Darsteller: Robert Redford, Casey Affleck, Tom Waits. 93 Min.

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