Auf den Spuren von Tschingis Aitmatow

Einladung zu einer Reise durch Kirgistan zu jenen Orten, die mit seinen Werken verbunden sind

Von Irmtraud Gutschke

Wer von den Erzählungen und Romanen Tschingis Aitmatows mitgerissen war, hat sich wahrscheinlich schon immer mal gewünscht, in Wirklichkeit jene Landschaften zu sehen, die er uns in seinen Texten so eindrucksvoll vor Augen führt. Tatsächlich wurzeln die Werke des weltberühmten kirgisischen Schriftstellers viel tiefer in seiner heimatlichen Realität, als seine große Kunst es vielleicht vermuten lässt.

Als ich 1977 als erste Ausländerin seinen Geburtsort Scheker besuchen durfte, war ich überrascht zu erfahren, dass es dort eine Djamila und einen Danijar, einen Iljas, eine Altynai, einen Tanabai mit seinem Pferd Gülsary tatsächlich gegeben hat und dass Sultanmurat aus »Frühe Kraniche« ein Schulkamerad Aitmatows war. Damals flog noch zweimal die Woche ein kleines Flugzeug nach Talas. Jetzt nicht mehr. Mit Kleinbussen werden wir dorthin über den Töö-Aschuu-Pass und den Ötmök-Pass fahren - beide 3300 Meter hoch - und unterwegs im »Manas-Museum« haltmachen, das auch ich noch nicht kenne. Der legendäre Held Manas soll ja aus dem Nordwesten Kirgistans stammen. Das gleichnamige Epos ist für jeden Kirgisen heilig - und Aitmatow hat sich mehrmals darauf bezogen.

Bis heute lebt »Manas« im mündlichen Vortrag, wie überhaupt die mündliche Literaturtradition lange lebendig war. Erst in den 1920er Jahren entwickelte sich eine gedruckte Literatur, aber auch damals waren noch viele Menschen Analphabeten. Da war das gesprochene Wort voller Macht und Magie - Aitmatow hat das als Kind noch erlebt, und es hat seine Werke geprägt. Er zog mit den Nomaden in die Berge, hörte von seiner Großmutter Märchen und Legenden, die später in seine Werke Eingang fanden. Wir werden in einer Jurte speisen, wenn es das Wetter zulässt. Im Hotel in Talas wird auch Gelegenheit sein, dass ich Ihnen von meinen Begegnungen mit Aitmatow erzähle. Ohnehin werde ich die ganze Zeit zusammen mit einem örtlichen Reiseleiter an Ihrer Seite sein.

Weitere Stationen der Reise sind Bischkek und der See Issyk-Kul. In der kirgisischen Hauptstadt, die früher Frunse hieß, kann es sogar sein, dass Sie Aitmatows Frau Maria und seinen Sohn Eldar kennenlernen. Im Wohnhaus der Familie haben sie ein privates Museum eingerichtet, das wir besuchen werden, ebenso wie die Gedenkstätte Ata-Bejit, etwa 30 Kilometer entfernt im Vorgebirge. Nicht nur Aitmatow selbst ist dort begraben, auch sein Vater Torekul, über dessen Tod er lange nichts wusste. Ach, wie hat er sich als Kind nach seinem Vater gesehnt! Erinnern Sie sich an den kleinen Jungen aus »Der weiße Dampfer«, der sich in einen Fisch verwandeln wollte, um zum Vater zu schwimmen?

Schon möglich, dass wir auf dem Issyk-Kul einen »Weißen Dampfer« sehen. Aitmatow hat gern dort gearbeitet, an jenem für die Kirgisen heiligen Ort. Und er liebte es, auf 1608 Metern in diesem tiefen See zu schwimmen. Das wird uns bei herbstlichen Temperaturen nicht möglich sein, aber Sie werden eine großartige Landschaft bestaunen. Wir werden in einem Hotel am See übernachten, vorher Beizjäger sehen und am nächsten Tag am Ortotokoi-Stausee ein traditionelles Pferdespiel beobachten. So etwas habe ich selbst noch nie erlebt. Auch ich, die ich schon mehrfach in Kirgistan war, werde manches zu entdecken haben. So freue ich mich, an Ihrer Seite zu sein und den »Reisen in Aitmatows Welt«, die ich in meinem Buch »Das Versprechen der Kraniche« beschrieben habe, noch viele lebendige Eindrücke hinzuzufügen.

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