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Feministisch oder absurd?

An der Frage, was vom Boys’ Day als Ergänzung zum Girls’ Day zu halten ist, scheiden sich die Geister

  • Von Lotte Laloire
  • Lesedauer: 5 Min.

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Erwähnt man den Boys’ Day, sind die Reaktionen extrem gespalten: Kritiker gehen schier an die Decke, andere finden ihn toll. Doch was steckt eigentlich hinter dem eintägigen Schülerpraktikum?

Der Aktionstag existiert seit 2011. Er findet zeitgleich zum Girls’ Day statt, als »Pendant«, wie die Veranstalter des Kompetenzzentrums Technik-Diversity-Chancengleichheit aus Bielefeld sagen. Sonderlich bekannt scheint dieser Aktionstag nicht zu sein. In acht Jahren haben sich nur rund 250 000 Jungen beteiligt, wie das Bundesministerium Familie und Jugend mitteilte. Am Girls’ Day, den es bereits seit 2001 gibt, haben 1,8 Millionen Schülerinnen teilgenommen, also sehr viele mehr.

Beide Events für Jugendliche von der 5. bis zur 13. Klasse, die auch »Zukunftstage« heißen, fördert das Familienministerium mit Unterstützung von Unternehmerverbänden und Gewerkschaften. Ein Ziel beim Boys’ Day ist, dass »überholte Rollenbilder überwunden und neue Perspektiven für Jungen eröffnet werden, die sich an ihren individuellen Interessen und Stärken orientieren«, heißt es seitens des Ministeriums. Interessierte können sich über boys-day.de und girls-day.de anmelden; freie Plätze sind auf virtuellen Landkarten eingezeichnet; die für Jungen heißt »Boys’ Radar«.

Einer der Boys ist Paul. Seine blonden Haare lugen unter einem gestreiften Hut hervor, dazu trägt er ein kariertes Hemd. Er hat schon zweimal das durchweg weibliche Team im Seniorenstift Albertinum Regensburg unterstützt, wie er auf der Website berichtet. »Die Nintendo Wii, die ich vor zwei Jahren installiert hatte, funktionierte schon seit einiger Zeit nicht mehr.« Seine erste Aufgabe habe darin bestanden, die Spielkonsole wieder zum Laufen zu bringen. Außerdem habe er die alten Menschen auf Spaziergänge begleitet, so Paul.

Über Beispiele wie das von Paul sagt die frauenpolitische Sprecherin der Linksfraktion im Bundestag, Cornelia Möhring, »nd«: »Der Boys’ Day könnte einen wichtigen Beitrag zur Gleichberechtigung leisten, indem er Jungen die Perspektive eröffnet, dass Pflege-, Erziehungs- und Serviceberufe wertvolle Aufgaben sind.«

Jungen können an diesem Tag neben Praktika auch Workshops besuchen. Warum dieses Angebot für Mädchen nicht gilt, erschließt sich nicht auf Anhieb. Die Inhalte der Workshops für Jungen dürften dennoch den meisten Feminist*innen gefallen: Darunter ist ein Haushaltsparcours mit praktischen Übungen oder ein Kurs mit dem Titel »Daddy be Cool« zu den Themen Sexualpädagogik, Kinderwunsch und Lebensplanung. Im Seminar »Sportler oder Youtuber« setzten sich die Jungen kritisch mit alten und neuen Rollenbildern sowie Schönheitsidealen für Männer auseinander.

Dass auch Jungs dafür einen Tag schulfrei bekommen, findet die 14-jährige Sonja nicht schlimm. »Wir Frauen müssen ja nicht dieselben Fehler wie die Männer machen und die anderen von irgendetwas ausschließen«, sagt sie »nd«. Für die Brandenburgerin, die dieses Jahr zum ersten Mal teilnimmt, geht es in eine Tierarztpraxis. »Im ersten Moment wollte ich mitmachen, damit ich nicht in die Schule muss«, gibt sie zu. »Aber vor allem will ich mich auf meinen künftigen Beruf vorbereiten«, so Sonja, die schon sehr genau weiß, was sie werden möchte.

Doch was nützt es, wenn Mädchen in Berufe schnuppern, die überdurchschnittlich häufig von Frauen ausgeübt werden? In der Veterinärmedizin waren je nach Statistik zuletzt zwischen 60 und 85 Prozent der Studierenden weiblich. Umgekehrt besuchen Jungen diesen Donnerstag auch Orte, die ohnehin von Männern dominiert werden - etwa das Auswärtige Amt. Auf Nachfrage des »nd« liefert das Ministerium Zahlen, die den »Boys’ Day« in diesem Haus absurd erscheinen lassen: Im höheren Dienst arbeiten nur 36 Prozent Frauen. Von 218 Auslandsvertretungen Deutschlands leiten nur 21 Diplomatinnen - ein Frauenanteil von gerade einmal 15,6 Prozent. Dazu sagt Möhring: »Wenn Jungen am Boys’ Day wieder nur klassische Männerdomänen besuchen, ist das zwar zur beruflichen Orientierung jedem freigestellt, sollte aber nicht unter dem Deckmantel der Gleichstellung passieren.«

Schon als der Boys’ Days eingeführt wurde, sagte Mechthild Koreuber: »Das ärgert mich sehr.« Die Frauenbeauftragte der Freien Universität Berlin wolle die Probleme der Jungen nicht kleinreden. Doch mit Programmen zu deren Förderung gehe unter anderem die Vorstellung einher, Lehrerinnen seien schuld an schlechteren Noten von Jungen.

Tatsächlich dürfte auch die soziale Schicht, aus der Jungen kommen, Einfluss auf ihre Noten und Prioritäten bei der Berufswahl haben. Dieser Aspekt wird bei dem Tag für Boys jedoch nicht besonders thematisiert.

Auch Möhring kritisiert den Hintergrund des Aktionstags: »Der Boys’ Day entspringt tendenziell einer falsch verstandenen Gleichstellungspolitik, die verkennt, dass Mädchen strukturell mehr Förderung und Ermutigung benötigen.« Die Abgeordnete betont, dass Frauen in ihrer Karriereentwicklung Hürden gegenüberstehen, die für Männer einfach nicht existieren.

Dem fügt Lisa Mense vom Netzwerk Frauen- und Geschlechterforschung Nordrhein-Westfalen hinzu: Zwar würden auf diese Weise typisch liberale Forderungen nach gleicher Teilhabe von Frauen und Männern erfüllt. »Aber geschlechterspezifische gesellschaftliche Strukturen werden nicht infrage gestellt.« Auch weil trans- und intergeschlechtliche Kinder beim Girls’ und Boys’ Day außen vor bleiben, schlägt Mense stattdessen eine gendersensible Berufsorientierung für alle Schüler*innen vor.

Ob der Zukunftstag tatsächlich die Berufswahl junger Menschen beeinflusst, scheint indes kaum messbar. Wie Sonja klang auch Paul ohnehin längst entschlossen: »Das ist auf jeden Fall der Beruf, für den ich mich nach der Schule bewerben werde«, so der Teenager, der auf dem Abschiedsfoto aus dem Seniorenheim überschwänglich zwei Erwachsene in den Arm nimmt.

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