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Besetzung als Theater

Das Nie-Kollektiv beendet seine Aufführung mit der Aneignung eines Schauspielhauses

  • Von Marie Frank
  • Lesedauer: 6 Min.
Nie-Kollektiv: Besetzung als Theater

Es herrscht betriebsame Hektik im Theater des Nie-Kollektivs in Berlin-Neukölln. In den kleinen verwinkelten Kellerräumen werden Stühle umgeräumt, Plakate gefaltet, Texte geprobt und die Technik vorbereitet. Alles soll perfekt sein an diesem Freitagabend, an dem das Künstler*innen-Kollektiv, das aus der Besetzung der Volksbühne vor anderthalb Jahren hervorgegangen ist, ein ganz besonderes Theaterstück aufführen wird. Die fünfstündige Aufführung von »Aufstand der Huren« soll mit der Besetzung eines leer stehenden Theaters in Schöneweide enden, alles live übertragen an die Zuschauer*innen in Neukölln.

Hendrik Anders sitzt auf einem kleinen Hocker inmitten einer Miniaturnachbildung der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz und raucht eine Zigarette. »Wir haben hier in den letzten anderthalb Jahren ein Theaterensemble mit 30 festen Mitgliedern und 70 bis 80 Assoziierten aufgebaut«, erzählt er. Elf Produktionen hätten sie im vergangenen Jahr in den Kellerräumen in der Karl-Marx-Straße aufgeführt. Diese seien jedoch nicht nur zu klein und für ein Theater denkbar ungeeignet, es ist auch unklar, ob sie hier überhaupt bleiben können.

»Wir haben die Räume vom benachbarten Club zur Verfügung gestellt bekommen. Der wurde jedoch vom Eigentümer Zalando gekündigt.« Wie es weitergeht ist unklar, das Kollektiv steht in Verhandlungen mit dem Online-Versandhändler. Klar sei jedoch, dass es teurer werden wird – zu teuer für die Künstler*innen, die mit ihren Einnahmen kaum ihre laufenden Kosten decken können. »Theater bringt kein Geld, es kostet Geld, das ist ja das Schöne daran«, sagt Hendrik Anders schmunzelnd.

Also haben sich die Schauspieler*innen nach Alternativen umgesehen – und gefunden. In der ehemaligen Ernst-Busch-Hochschulschule für Schauspielkunst in Schöneweide, die seit Herbst vergangenen Jahres leer steht, will das Kollektiv ein neues Theater eröffnen. »Es macht keinen Sinn, dass diese großen Räume so lange leer stehen«, sagt Anders.

Kultursenator Klaus Lederer (LINKE) wolle dort einen großen Theater-Co-Working-Space einrichten, in dem sich Kunstschaffende stundenweise einmieten könnten. Lederer widerspricht: Man schaffe in der ehemaligen Schauspielschule ein Probenzentrum für die freien und performativen Künste. »Ein toller Ort mit viel Begegnung, nicht dem Kommerz, sondern der Kunst gewidmet. Bei knapper werdenden Räumen für Kunst ist das sehr wichtig«, so der Kultursenator gegenüber »nd«.

Die Künstler*innen vom Nie-Kollektiv haben jedoch andere Pläne mit dem Gebäude: Sie wollen ein Ensemble-Theater schaffen, in dem alle Mitglieder gleichberechtigt entscheiden können, was in diesem Haus wann produziert wird. Eine »Wirtschaftsdemokratie am Beispiel des Theaters« nennt Anders das. An diesem Abend wollen sie damit anfangen und gleich mit der Arbeit beginnen.

Den Künstler*innen geht es jedoch um mehr, als nur eine weitere Produktionsstätte in Berlin. »Es geht auch um die Frage: Wem gehört was«, erklärt Anders. In einer Stadt, in der die Räume aufgrund steigender Mieten auch für Kunstschaffende immer knapper werden, wollen sie zeigen, dass das Theater einen Wert an sich hat und nicht nur dazu da ist, um Geld zu verdienen.

»Wir wollen zeigen, dass es auch anders geht. Wir wollen nicht nur Räume erhalten, sondern auch neue Räume erschaffen.« Das Kollektiv sieht seine Aktion als einen »Angriff auf die Ohnmacht unserer Zeit, dessen Vehikel dieses Theater ist«. Das Theater sei ein »Experimentierfeld«, in dem man alternative Gesellschaftsformen aufzeigen könne. In diesem Fall ist es eine antikapitalistische Form der Zusammenarbeit und des Zusammenlebens. »Das Theater schafft nicht nur Zeichen, sondern auch Realitäten«, glaubt Anders.

Als es an diesem Abend losgeht, ist der kleine Raum bis auf den letzten Platz gefüllt. Mehr als 50 überwiegend junge Leute sind gekommen. Nur die wenigsten wissen, dass das Theater mit einer Besetzung enden soll – und sie alle Teil davon sind. Zunächst spielen die Darsteller*innen in den Nebenräumen ihr Stück, das per Livestream in den Zuschauerraum übertragen wird. In einem Moment sieht man die Schauspieler*innen auf der Leinwand und im nächsten Moment stehen sie plötzlich neben einem im Raum. Im Laufe des Abends ziehen sie dann durch die Stadt, bis sie am Ende in Schöneweide landen. So zumindest der Plan, doch an diesem Abend läuft nicht alles wie geplant.

Während das Publikum geduldig versucht, den teils wirren und scheinbar zusammenhangslosen Dialogen zu folgen, denen keinerlei Plot zugrunde zu liegen scheint, und auch nach über fünf Stunden noch auf seinen Plätzen bleibt, haben die Darsteller*innen mit unerwarteten Problemen zu kämpfen. Kurz vor dem Ziel werden diese nämlich plötzlich von der Polizei angehalten und die Zuschauer*innen können den Einsatz live auf der Leinwand verfolgen.

Die Ankündigung eines Stückes über »tapfere Helden und Halunken, bei dem Gutes auf Böses trifft«, scheint plötzlich bittere Realität zu werden. Im Publikum herrscht gespannte Aufregung: »Scheiß Bullen« ruft jemand, ein anderer beklagt die Einschränkung der Kunstfreiheit. Als es dann endlich weitergeht, bricht großer Jubel aus, kurze Zeit später kommt die Ansage, dass draußen ein Reisebus bereitsteht und alle mitkommen sollen. Obwohl kaum eine*r weiß, wo es hingeht und was nun geschieht, steigen alle erwartungsvoll in den Bus und lassen sich ins Unbekannte entführen.

Gegen Mitternacht hält der Bus dann in Karlshorst. Das ursprüngliche Vorhaben der Besetzung der Ernst-Busch-Hochschule in Schöneweide konnte aufgrund der Polizeipräsenz nicht mehr durchgeführt werden, doch die Künstler*innen haben einen Plan B: In dem Lichtenberger Ortsteil haben sie ein leer stehendes Theater ausgemacht, das ihnen heute und in Zukunft eine Bühne bieten soll.

Die Tür steht offen und leise huschen die rund 50 Zuschauer*innen ins Innere des Gebäudes. Plötzlich stehen sie mitten in der Nacht in einem Theatersaal und werden zu nichts ahnenden Besetzer*innen. In dem großen Raum, der von vergangener DDR-Schönheit zeugt, läuft leise klassische Musik. Als die Menge Platz genommen hat, tritt ein Mann mit einem riesigen Zylinder auf die Bühne und kündigt den viel ersehnten dritten Akt an.

Ganz unbemerkt bleibt die Besetzung jedoch nicht: Während draußen einige der Aktivist*innen mit der Polizei verhandeln, die sich an ihre Fersen geheftet hatte, verwandelt sich die Bühne im Inneren zur Open Stage. Als dann auch die Requisiten und Kostüme ihren Weg vorbei an den Beamt*innen gefunden haben, die vor dem Theater Wache schieben, geht es weiter mit dem nächtlichen Theaterstück, das einfach kein Ende finden will. »Und jetzt?«, mögen sich so manche fragen – die Antwort folgt auf dem Fuße: »Jetzt stelle ich die Frage, die uns alle interessiert«, ruft ein Darsteller von der Bühne. »Dürfen die das? Und was, wenn das alle machen?«

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