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»Wollen Sie so gut sein …

Kathrin Gerlof weist auf eine verblüffend einfache Lösung der ewig ungelösten Quotenfrage hin

  • Von Kathrin Gerlof
  • Lesedauer: 3 Min.

… und heute morgen meine Wäsche (unterste Schrankschublade) in die Wäscherei bringen? Ich lasse den Schlüssel unter der Matte.« Diese nette Bitte äußerte Jean-Paul Sartre in einem Brief an seine geliebte Simone de Beauvoir. Da half kein Weh und kein Klagen, Klugheit schon gar nicht - auch der große Philosoph wusste, was richtige Rollenverteilung ist.

Gestern »Tagesschau« gesehen - schafft Frau ja selten wegen dieser komischen Mehrfachbelastung. Also »Tagesschau« und dann dieses Standbild mit dem Verkehrsminister Scheuer und all diesen anderen Männern. Das Ganze wurde Flug-Gipfel genannt und das Wort Gipfel traf es dann ja auch. Also lauter Männer stehen da in meinem Fernseher und gucken in meine Wohnung und versichern mir, dass bald alles besser wird. Nicht fürs Klima, weil es soll ja mehr geflogen werden. Aber sonst eben für alle, denen zum Beispiel die Zugfahrt Berlin - Frankfurt am Main zu lange dauert. Und für mich, falls ich mal eben nach Malle will für schlappe 29,90 Euro.

Ich gucke mir an, wie Scheuer und all die Männer Hände schütteln und an ihren Anzügen zupfen. Im Hintergrund grummelt meine Waschmaschine vor sich hin, heimlich und leise arbeitet sich eine Staubmaus Richtung Flachbildschirm, als hätte sie ernsthaftes Interesse an Scheuers Geschwurbel.

Himmel, denke ich, dass die sich das trauen, immer noch diese Gruppenbilder ohne eine Frau (na in der Maske wird schon eine gewesen sein). Dass denen das nicht peinlich ist im Jahr 2019, also dass deren Marketingchefs nicht vor der Veranstaltung sagen: »Das mit dem Gruppenbild, das lassen wir lieber. Das kommt einfach nicht mehr gut in dieser Zeit. Es wird Leute geben, die sich daran stoßen, dass da nur Männer vor der Kamera stehen.«

»Laaaangweilig«, brüllte jetzt das Känguru, mit dem Marc Uwe Kling nun schon so lange zusammenlebt und das ich auch gern mal ein paar Tage beherbergte, nur, um die Anarchistin in mir aus dem Tiefschlaf zu wecken. »Laaangweilig, diese Nörgeleien über den Frauenanteil und die Männerübermacht. Als wäre das ein erstrebenswerter Job, da mit diesem Typen, dieser Marionette der Autolobby, vor der Kamera zu stehen und so zu tun, als könne man sich leiden. Laaangweilig.«

»Weißt du«, müsste ich dann antworten, »beim Flugwesen mag das ja noch angehen. Und richtig ist, Frau wäre schon krass drauf, fänd sie es schön, mit diesem Verkehrsminister auf einem Bild zu erscheinen. Ich kenne jedenfalls keine, der das gefiele. Aber ansonsten ist es doch auch schade, dass die Sache mit dem Frauenanteil immer noch so katastrophal aussieht.«

Die Staubmaus ist verschwunden, hat sich wahrscheinlich angesichts des traurigen Fluggipfels dematerialisiert, was ökologisch betrachtet eine feine Sache ist. (Dematerialisierung hat ja zum Ziel, Stoffströme zu reduzieren, die durch menschliches Handeln, vor allem durch wirtschaftliche Tätigkeit, verursacht werden. Leider ist noch keine Möglichkeit bekannt, einen Verkehrsminister auf diese Weise aus der politischen Welt zu schaffen.)

»Definiere schade«, nörgelte das Känguru und guckte dabei angelegentlich in meinen Schrank, ob da irgendwo Schnapspralinen rumliegen.

Und ich dann so: »Also kürzlich gab es mal wieder eine neue Datenlage zum Thema ›Anteil Politikerinnen auf kommunaler Ebene‹ und die sagt: Unter 294 Landrät*innen sind 28 Frauen, also weniger als zehn Prozent. In Sachsen gibt es gar keine. Innerhalb von zehn Jahren (2008 bis 2017) ist der Anteil an Oberbürgermeisterinnen von 17,7 auf 8,2 Prozent gesunken. In den kommunalen Vertretungen betrug 2017 der Frauenanteil 27 Prozent.«

»Jetzt kommste bestimmt gleich mit der Quote«, disste das Känguru. »Das ist auch laaaangweilig. Wäre es nicht viel einfacher, den Anteil der Frauen und Mädchen an der Gesamtbevölkerung so lange zu vermindern, bis die 27 Prozent in den Kommunalvertretungen die realen Verhältnisse abbilden?«

»Natürlich«, antwortete ich. »Das geht auch. Und wahrscheinlich ist es wirklich einfacher.«

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