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Das Vitamin-D-Geschäft

Nicht nur die gesetzlichen Krankenkassen zahlen immer mehr für die Präparate. Weiterer Umsatz kommt rezeptfrei dazu

  • Von Eric Breitinger
  • Lesedauer: 3 Min.

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Vitamine: Das Vitamin-D-Geschäft

Allein im Jahr 2017 verordneten Hausärzte in Deutschland nahezu 4,2 Millionen Vitamin-D-Tests. Im Jahr 2010 hatten sie nur rund 841.000 davon verschrieben. Anders gesagt: Die Zahl stieg in diesem Zeitraum um das Vierfache. Statistisch gesehen wurde jeder siebzehnte gesetzlich Versicherte getestet. Das zeigen neue Zahlen des Wissenschaftlichen Instituts der AOK in Berlin, die dem »nd« exklusiv vorliegen.

Die Gesetzliche Krankenversicherung erstattete laut der AOK für alle Vitamin-D-Tests 2017 mehr als 75 Millionen Euro. Die Krankenkassen übernehmen die Kosten der Bestimmung des Vitamins von rund 18 Euro, wenn der Arzt bei seinem Patienten einen Mangel vermutet. Ärzte verordneten im selben Jahr zudem über 4,5 Millionen Packungen an Vitamin-D-haltigen Präparaten zulasten der gesetzlichen Krankenkassen. Im Jahr 2010 waren es 3,1 Millionen Packungen. Laut Schätzungen nahmen rund 1,5 Millionen Menschen regelmäßig solche Präparate ein, die die gesetzlichen Krankenkassen erstatteten. Im Jahr 2010 waren es nur rund 834.000.

Hinzu kommt außerdem, dass Vitamin-Liebhaber rezeptfreie Präparate und Nahrungsergänzungsmittel mit Vitamin D und A aus dem eigenen Portemonnaie bezahlen. Im Jahr 2017 gaben sie laut Zahlen der Marktforschungsfirma IQVIA für beide Wirkstoffe 98 Millionen Euro aus. Der Umsatz von Apotheken und Drogerien mit diesen Präparaten habe sich von 2012 bis 2017 nahezu verdoppelt.

Laut dem Internisten und Endokrinologen Helmut Schatz, früher Direktor der Universitätsklinik Bergmannsheil Bochum und aktuell Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie, haben neuere große Studien »zu Vitamin D für die meisten Krankheiten bisher keinen Nutzen bewiesen«. Auch für Thomas Rosemann, Professor für Hausarztmedizin an der Universität Zürich, sind angesichts der Datenlage fast »alle Vitamin-D-Tests und Vitamin-D-Gaben rausgeschmissenes Geld«.

Im Sommer produziert der Körper mithilfe des natürlichen Sonnenlichts 80 bis 90 Prozent des benötigten Vitamins D3 selbst. Den Rest steuern Lebensmittel bei. Gute Lieferanten sind fette Seefische wie Hering, Wildlachs oder Makrele, außerdem in geringerem Maße Eier, Pilze und Milchprodukte. Der Körper deponiert überschüssiges Vitamin D vor allem im Fett- und Muskelgewebe. Diese Reserven mobilisiert er im Winter. Dann sinkt der Vitamin-D-Level bei den meisten Personen unter den Wert des Sommers. Gesundheitliche Folgen hat das laut Rosemann nicht. Nur ein massiver Mangel an Vitamin D könne zu Knochenerweichung oder Osteoporose beitragen.

Repräsentative Studien des Robert-Koch-Instituts in Berlin an rund 7000 Erwachsenen in den Jahren 2008 bis 2011 und an rund 10.000 Kindern in den Jahren 2003 bis 2006 zeigten: Nur 12 Prozent der getesteten Kinder und 15 Prozent der getesteten Erwachsenen hatten solch massive Mängel. Eine große Studie von Forschern aus Neuseeland und Schottland bewies im vergangenen Jahr zudem, dass die Vitamin-D-Zufuhr keine Brüche oder Stürze bei Senioren verhindert. Für den Endokrinologen Helmut Schatz ist klar: Vitamin D-Gaben schützen Säuglinge bis zum zweiten Lebensjahr vor Rachitis. Sie sind zudem unter anderem sinnvoll für Patienten mit bestimmten chronischen Darm- und Nierenkrankheiten sowie für Osteoporose-Kranke, besonders wenn sie einen niedrigen Vitamin-D-Spiegel haben. Die speziellen Ergänzungsmittel bieten sonst jedoch kaum Schutz vor anderen Krankheiten.

Eine Anfang 2019 im US-Fachmagazin »New England Journal of Medicine« veröffentlichte Untersuchung von Forschern der Harvard Medical School zeigt, dass die Vitamin-D-Zufuhr Menschen über 50 nicht vor Krebs oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen schützt. Schon 2017 erschien im Fachmagazin »Lancet Diabetes Endocrinology« eine Überblicksarbeit französischer Forscher. Sie hatten 35 Meta- und 202 Einzelstudien ausgewertet und waren zu dem Ergebnis gekommen, dass Vitamin-D-Präparate keinen Einfluss auf die Entstehung von Herz-Kreislauf-Krankheiten, Fettsucht, Diabetes, TBC oder psychischen Störungen haben.

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