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Ölförderung in Zeiten des Bürgerkriegs

Libyens Wirtschaft und Staatsfinanzen sind komplett auf die Ölindustrie ausgerichtet - hier hat General Haftar seinen Einfluss ausgeweitet

  • Von Bernd Schröder
  • Lesedauer: 4 Min.

Die National Oil Corporation (NOC), das staatliche Ölunternehmen Libyens, hat Anfang März den Zustand der höheren Gewalt am Ölfeld »Al-Sharara« im Südwesten aufgehoben. Tatsächlich legen Satellitenaufnahmen nahe, dass die Produktion an dieser Förderstätte des Landes zumindest teilweise wieder aufgenommen wurde. Dies ist auch wichtig für Förderoperationen im benachbarten Ölfeld »Elephant«, denn diese stehen und fallen mit der Stromerzeugung von »Al-Sharara«. Beide zusammen tragen bei voller Auslastung mit 390 000 Barrel (à 159 Liter) pro Tag zu Libyens Ölförderung bei.

Öffentliche Stellen teilten bei dieser Gelegenheit mit, Truppen der Libyschen Nationalen Armee (LNA) von General Khalifa Haftar hätten die Kontrolle des Ölfeldes an eine Schutztruppe für Ölinstallationen übergeben. In der Vergangenheit war die Kontrolle über solche Einheiten des Öfteren entglitten, weshalb »Al-Sharara« zum Testlauf für eine neue nationale Spezialeinheit werden soll. Diese soll von Stammesstrukturen unabhängig sein und hat die Aufgabe, Attacken marodierender Milizen auf Einrichtungen und Personal der Ölbranche zu minimieren.

Diese Truppe ist nicht zu verwechseln mit der Petroleum Facilities Guard (PFG), einer Art Ölmiliz mit ursprünglich ähnlicher Aufgabe. Sie hatte 2013 die Exportterminals im Nordosten des Landes übernommen und später versucht, selbst Öl zu verkaufen. Die PFG untersteht eigentlich dem Verteidigungsministerium, ist jedoch in verschiedene örtliche Gruppierungen zersplittert und mischt in wechselnden Allianzen im libyschen Bürgerkrieg mit.

Weiter verkompliziert wird die Lage dadurch, dass das 1970 gegründete Staatsunternehmen NOC in der Hauptstadt Tripolis sitzt, die in der Hand der vom Westen und von den Vereinten Nationen unterstützen Übergangsregierung ist, und sich die Mehrheit der Ölfelder unter der Kon-trolle der gegen die Regierung kämpfenden LNA-Streitkräfte von General Haftar befindet. Diese hatten im Februar das »Al-Sharara«-Feld nach einem Deal mit dem Sicherheitspersonal und örtlichen Stammesangehörigen übernommen, die den Betrieb des Ölfelds im Dezember wegen der unsicheren Lage eingestellt hatten. Hier wird seit über 20 Jahren Öl gefördert - seit der Bürgerkrieg vom Zaun gebrochen wurde, jedoch immer wieder mit Unterbrechungen. Die LNA hat seit Monaten in dem Konflikt die Oberhand - die volle Kontrolle über die Öl- und Gasfelder Libyens ist zu einer von Haftars obersten Prioritäten geworden. Sie soll insbesondere die Finanzkraft der Übergangsregierung in Tripolis schwächen.

Auch anderswo gestaltet sich die Ölförderung schwierig. Immer wieder kommt sie durch veränderte Sicherheitslagen in den Wirren des Bürgerkriegs zum Erliegen. Die im Land tätigen ausländischen Förderer wie die BASF-Tochter Wintershall können ein Lied davon singen.

Dennoch: Seit einiger Zeit nimmt die Ölproduktion im Land nun wieder deutlich zu. Es herrscht eine vorsichtige Aufbruchsstimmung. Im Oktober 2018 vereinbarte die NOC eine verstärkte Zusammenarbeit mit der italienischen Eni und der britischen BP bei Erkundung und Förderung. Libyen ist aufgrund seiner kriegsbedingt schlechten Wirtschaftslage von den Förderdrosselungen der OPEC ausgenommen. Im vergangenen Jahr wurden im Schnitt wieder mehr als eine Million Barrel Öl pro Tag gefördert; zwei Jahre zuvor waren es weniger als die Hälfte. Allerdings ist das Land, das zu den mittelgroßen Förderern gehört, noch deutlich entfernt von den Mengen vor Beginn des Bürgerkriegs. NOC-Vorstandschef Mustafa Sanalla rechnet für 2021/22 mit einer Förderung jenseits der Zwei-Millionen-Barrel-Marke - wenn die Zentralbank die benötigten Gelder lockermacht und der bewaffnete Konflikt nicht weiter eskaliert.

Öl und Gas prägen die Wirtschaft des Landes - sie machen 95 Prozent der Staatseinnahmen aus. Libysches Öl gilt aufgrund niedriger Förderkosten, des geringen Schwefelgehalts und der Nähe zu den europäischen Märkten als äußerst attraktiver Rohstoff. Unter dem Boden des Landes werden die bedeutendsten Ölvorkommen Afrikas vermutet. Kein Wunder, dass der Ölsektor für die meisten Bürgerkriegsparteien das Hauptziel ist. Auch haben große Mineralölkonzerne hier Interessen - vor allem die französische Total, die italienische Eni, die russische Rosneft und die spanische Repsol, die das »Al-Sharara«-Feld betreibt.

Allerdings haben sie das gleiche Problem wie in anderen Regionen: Da die Förderung in vielen bestehenden Feldern zur Neige geht, muss sehr viel Geld in die Erkundung und Erschließung neuer Lagerstätten investiert werden. Der Bürgerkrieg und die Unsicherheit über die künftige Entwicklung machen solche Aktivitäten uninteressant. Die neuerliche Eskalation des Konflikts zwischen der Regierung in Tripolis und den Truppen General Haftars steht auch einer raschen Erhöhung der Ölfördermengen und damit einer Verbesserung der wirtschaftlichen Lage im Wege.

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