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Wir Verpackungsweltmeister

Eine Regierung, die Berichte zur Situation der Menschenrechte weichspült. Deutschland, du bist kein Land mit Inhalten – du bist eine geile Verpackung.

  • Von Roberto J. De Lapuente
  • Lesedauer: 4 Min.

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Ausgerechnet am 1. April berichteten einigen Medien darüber, dass das Kanzleramt und das Wirtschaftsministerium den Menschenrechtsbericht mit dem einprägsamen Namen »Monitoring des Umsetzungsstandes der im Nationalen Aktionsplan Wirtschaft und Menschenrechte 2016-2020 beschriebenen menschenrechtlichen Sorgfaltspflicht von Unternehmen« neu aufstellen möchte. Das von einer Unternehmensberatung koordinierte Projekt soll prüfen, wie deutsche Unternehmen an ihren Auslandsstandorten mit ihrem Personal umgehen. Es geht hierbei um die eventuelle Etablierung eines Gesetzes, welches deutsche Global Player zur Einhaltung von Menschenrechten verpflichtet – ein Gesetz, das sich aus den Leitprinzipien der UNO ergäbe und freilich von wirtschaftsnahen Kreisen in der Politik nicht gewollt ist.

Um den Eindruck zu nähren, dass deutsche Unternehmen überhaupt kein solches Gesetz brauchen, möchte die Regierung Berichtkosmetik betreiben: Es sollen neue Beurteilungskategorien entstehen, Ausscheidungskriterien aufgehoben und ohnehin nur Unternehmen zur internen Situation befragt werden, die eine positive Menschenrechtsbilanz aufweisen können. Die Meldung war dann leider kein Aprilscherz. Darauf hätte man nun wirklich leicht kommen können.

Denn es ist ja nicht so, dass die Regierung solche kosmetischen Eingriffe nicht schon ab und an ausgeübt hätte. In Sachen Make-Up kennt sie sich aus. Armutsberichte hat sie ja auch schon verändert, positiver umschreiben lassen. Die Berichtschirurgen hatten zum Beispiel was gegen die Erkenntnis, dass Reiche mehr Einfluss auf die Politik generieren können als ärmere Schichten. Das wollte man lieber mal gestrichen sehen.

Und nicht nur die Regierung arbeitet hierzulande mit kosmetischen Tricks. Erst vor einigen Tagen schrieb ich, wie die Deutsche Bahn so tut, als ob sie was gegen Verspätungen anleiert, indem sie die Statistik modifiziert – nicht aber die Gleise. In der Automobilindustrie hat man indes softwarebasiert so getan als ob. Unter freundlicher Hochschreibung und Verkaufszahlenanpassung des ADACs.

Kurz und gut, ich glaubte zu erkennen, dass der größte Exportschlager dieses Landes »die Fähigkeit [ist], aus einer an sich maroden Substanz ein Hochglanzabziehbild für Magazine und Werbebanner zu destillieren. Man weiß, wie man […], eine Performance simuliert, sich Make-Up auflegt, wo andere schon das Leichentuch drüberlegen würden. Weltspitze im Suggerieren von Weltspitze« heiße das Premiumprodukt.

Wir sind nicht nur stolze Exportweltmeister, nein, wir sind auch die weltbesten Verpackungsweltmeister. Christo und Jeanne-Claude waren blutige Anfänger, ihr eingehüllter Reichstag ist gar nichts gegen dieses Deutschland, das seine fragilen Inhalte einfach in schönes Glitzerpapier wickelt und so tut, als sei die deutsche Realität eine aus Konfetti und Geschenken.

Wenn man in Deutschland wirklich was kann, dann sicher nicht mehr zeitgemäße Produkte entwickeln. Selbst in puncto Mobilität verlieren wir, die Nation der weltbesten Autofahrer und KFZ-Ingenieure, den Anschluss. Unsere Züge sind alt und langsam. Deutsche Unternehmen im Ausland beuten Menschen aus und bringen sie um ihre Rechte. Und die Regierung kaschiert das, stellt sich vor die Automobilindustrie, von Menschenrechtsverstöße und verändert Berichte, um die Stimmung nicht zu gefährden.

Nein, wenn dieses Deutschland wirklich eines besonders gut kann, dann schöne Fassaden aufbauen, potemkinsch zu wirken und als Verpackungskünstler der allseitigen Harmonie zu fungieren. Seelenloses PR-Geschwätz und unverbindliches Marketing-Sprech sind unsere Landessprache. Professionelles Weglächeln der Verhaltenskodex. Wahrscheinlich entwickelt sich das automatisch so, wenn man über Jahrzehnte brutalstmöglich als Exportmacht auftritt. Man wird dann auch als Land zu einer verkaufsorientierten Öffentlichkeit.

Diese Republik ist letztlich eine einzige geile Verpackung. Bunt und mit Schleifchen umwickelt. Reißt man das Paket auf, so droht Enttäuschung. Denn darin verbergen sich die faulen Stellen einer Wirtschaftsnation, die gar nicht so fit ist, wie sie immer behauptet. Eine Nation, die im Namen des Profits auch mal Menschenrechtsverletzungen aus den Berichten tilgt. Die Verpackung muss stimmen. Das kennen wir doch schon aus dem Discounter, wo wassergebundenes, unter schlimmen Bedingungen produziertes Fleisch in Plastikpackungen liegt, auf denen ein glücklicher Bauernhof prangt.

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