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Eine schöne Apokalypse

Ein viel zu langer Youtube-Gaming-Clip, aber auch ein überdimensioniertes B-Movie: »Hellboy - Call of Darkness«

  • Von Benjamin Moldenhauer
  • Lesedauer: 5 Min.

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Fünf Kilo Make-up: Hellboy beim Produzieren von Blutmatsch
Fünf Kilo Make-up: Hellboy beim Produzieren von Blutmatsch

Wenn das Gute nicht durch und durch gut und das Böse nicht durch und durch böse ist, wird die Geschichte potenziell interessanter. Auch Superheldencomics - oft noch immer gerne als Inbegriff des Schematismus missverstanden - werden erkentnisträchtiger, je mehr Ambivalenzpotenzial sie enthalten. Der frühe Superman etwa war so durch und durch beseelt vom Willen, Gutes zu tun, dass es einen ganz kirre machen konnte. Batman hingegen, von Haus aus auch erst einmal nur das brave Kind, das den Auftrag der Eltern verwirklicht, war von Anfang an beschädigt und gebärdete sich mit den Jahren immer zerrissener. Alan Moores »Watchmen«-Erzählung war 1986 schließlich von einem bis dahin ungekannten Grad an Komplexität bestimmt.

Ungebrochene Helden sind seitdem selten im Genre. Mike Mignolas »Hellboy«-Comics spannen seit Anfang der 90er Jahre den Bogen zwischen dem Gut und dem Böse, die beide in der Brust des Helden wohnen, denkbar weit. Der Jäger der Monster ist selbst eines: ein roter muskulöser Klotz mit von ihm selbst amputierten Teufelshörnern, den die Nazis kurz vor Kriegsende mittels okkulter Unternehmungen aus einer Höllendimension hinüber in die Welt der Menschen gezerrt hatten, um den Zweiten Weltkrieg doch noch zu gewinnen. Die Alliierten intervenierten jedoch rechtzeitig, und Hellboy wurde von seinem Ziehvater Trevor Bruttenholm zum Monsterjäger im »Bureau of Paranormal Research and Defense« zum Monsterjäger ausgebildet. Die Teufelsgestalt im Dienst des Guten: ein Triumph der Sozialisation über Schicksal und biologische Prägung.

Allerdings sitzt es, das Schicksal, dem Helden mit eisernem Griff im Nacken. Der Plot von Neil Marshalls »Hellboy«-Verfilmung stellt den Widerspruch ins Zentrum, der hier als Wesensfrage präsentiert wird: Ist der renitente, unablässig fluchende, Dämonen verdreschende Teufelsjunge der Antichrist, der die Apokalypse einläutet? Oder das, wofür er sich selbst hält - ein Kämpfer gegen das Böse in, wenngleich auch immer prekärer, Verbindung mit den Menschen?

Dass Mike Mignola in seinen Comics eine große Freude an Folklore, Märchen-, Pop- und allerlei sonstigen tradierten Mythen hat, sieht man Marshalls Film allerdings nur noch in Spuren an. Die Verfilmung basiert im Wesentlichen auf drei Bänden der »Hellboy«-Saga (»Darkness Calls«, »The Wild Hunt« und »The Storm and the Fury«) und verknüpft Hexen-Mythologie, die Artus-Saga, die Apokalypse des Johannes, Märchenriesen und den Gothic Horror britischer Prägung miteinander. Die Ausgangslage: Ein Riesenwildschwein auf zwei Beinen sammelt die von König Artus einst an entlegenen Stellen des Königreichs versteckten Körperteile der Hexe Nimue (Milla Jovovich) ein. Wenn Nimue, die Blutkönigin, wieder zusammengesetzt ist, tut sich das Tor zur Hölle auf, der Weltuntergang droht. Das muss verhindert werden. So weit zum Plot.

Wobei »Plot« im Zusammenhang mit »Hellboy - Call of Darkness« ein etwas zu großes Wort ist. Denn eigentlich interessiert sich Marshall, wie in allen seinen Filmen seit seinem Debüt »Dog Soldiers« (und vor allem seit seinem nach wie vor bestem Film, »The Descent«), nicht für die Seelenlagen seiner Helden und Monster, sondern dafür, was man mit ihnen so alles Effektvolles anstellen kann. Diese instrumentalisierende Herangehensweise lässt zum einen den Eindruck einer latenten Menschenverachtung entstehen, die vielleicht aber auch einfach nur Achtlosigkeit ist. Zum anderen bewirkt sie, dass einem das meiste, was auf der Leinwand passiert, sehr bald sehr gleichgültig erscheint. Da kann sich David Harbour in der Titelrolle unter fünf Kilo Make-up noch so sehr abmühen.

Der Film macht immer dann erkennbar Spaß, wenn er visuell dick auffahren und den Blutmatsch zelebrieren kann. Dass jemand auch mal etwas sagen muss, ist notwendig, weil das Comic trocken-sarkastische Sprüche als Figurenmerkmal etabliert hat. Wenn man es gut meint mit diesem Film, könnte man sagen, dass er als überdimensioniertes B-Movie und in seiner »Fuck you«-Attitüde, die der des Helden schon irgendwo entspricht, durchaus auch Charme hat. Im schlechtesten Fall wirkt er wie ein elend langer Youtube-Gaming-Clip: Es geht von Station zu Station, bis zum Endgegner. Die Dialoge sind rein funktional: Sie zeigen die hastigen, bald auch komplett willkürlichen Ortswechsel und die nächste Kampfszene an. Auch die Bildgestaltung ist an Game-Ästhetiken orientiert.

Die eigene Leere versucht dieser Film mit rabiaten Splatter-Exzessen zu kompensieren. Das gelingt nur bedingt. In der Eile, in der dieser Film von Spektakel zu Spektakel jagt, wirken auch die schönsten intertextuellen Verweise und Anspielungen auf den Mythenschatz des Fantastischen farb- und lieblos. Beziehungsweise ist schon zu sehen, was man im Prinzip auch aus den Comics kennt - nur macht halt niemand was daraus. Allein der Kampf gegen drei Riesen und die punktuell wirklich schön komponierte Apokalypse bleiben hängen. Der Rest ist fad und oft auch ein bisschen doof. Und, wie so oft, wenn Filmemacher sich dem Sujet Hexen gedankenlos nähern, nicht ohne misogynen Unterstrom.

Vor dem Hintergrund des ansonsten momentan sturzlangweiligen Superheldenfilmtreibens ist die ausgesprochen gute Idee, den Hellboy-Mythos auf der Leinwand weiter fortzuschreiben, verschenkt. Das wird voll und ganz deutlich, wenn man sich die ersten beiden Verfilmungen in Erinnerung ruft: Guillermo del Toro hatte sich 2004 und 2008 an Mike Mignolas Comics versucht. Das Ergebnis waren zwei Filme, die, trotz Blockbuster-Ästhetik, als quietschbuntes Krachkino an die vergleichsweise stillen und konzentrierten Auseinandersetzungen del Toros mit Geschichte und Mythologie (»The Devil’s Backbone« und »Pan’s Labyrinth«) anschlossen. Seine »Hellboy«-Filme waren, trotz Pulp-Nazis, Monster-Brimborium und reichlich Krachbumm, von tiefem Humanismus beseelt.

Setzt man sie ins Verhältnis zu Neil Marshalls »Call of Darkness«, wirkt dessen Film wie eine pubertäre Rebellion gegenüber dem Vorgänger. Marshall bricht nicht nur mit der Story der Del-Toro-Verfilmungen und erzählt den Mythos noch einmal von vorne. Er distanziert sich auch von ihrer vergleichsweise zurückhaltenden Tonalität und setzt stattdessen auf hochtourigen CGI-Blutmatsch: juvenile Lust am Splatter statt subtextlastige Fantasy. Wenn das Gute nicht durch und durch gut und das Böse nicht durch und durch böse ist, wird die Geschichte potenziell interessanter; man sieht diesem Film seine unrealisierten Möglichkeiten an.

»Hellboy - Call of Darkness«, USA 2019. Regie: Neil Marshall; Darsteller: David Harbour, Milla Jovovich, Ian McShane. 121 Min.

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