Dirk Nowitzki

Die letzte kurze Nacht

21 Jahre lang habe ich Dirk Nowitzki begleitet. Es war nicht immer leicht, doch es hat sich gelohnt. Der finale Eintrag ins Fanalbum.

Von Oliver Kern

Knapp acht Jahre ist es her, dass ich letztmals, getarnt als Sportreporter, einen Fanartikel im »nd« verfasste. Frühsommer 2011. Dirk Nowitzki hat endlich den Meistertitel in der besten Basketballliga der Welt gewonnen, und ich schrieb vom Versprechen an meine Freundin, sie würde von nun an »nie mehr nachts vom NBA-Wecker aufgeschreckt« werden. Da ich meinem Wort treu bleiben wollte, zog ich am vergangenen Dienstagabend auf die Wohnzimmercouch, denn der Wecker war doch noch mal auf 2.20 Uhr gestellt.

Die Basketballwelt erwartete, dass Nowitzki sein letztes Heimspiel für die Dallas Mavericks absolvieren würde, und wenn die Amis etwas können, dann ergreifende Verabschiedungen. Also sah ich ergriffen zu, wie Nowitzki noch viel ergriffener auf einen Videowürfel starrte, auf dem die größten Momente seiner Laufbahn zu Green Days Song »Good Riddance« mit der Refrainzeile »I hope you had the time of your life« gezeigt wurden. Ich hoffe, du hattest die Zeit deines Lebens klang schwer nach Abschied, und ein paar Minuten später gab Nowitzki in der Tat das Ende seiner Karriere bekannt.

1998 war der 2,13-Meter-Schlacks nach Amerika gegangen. 20 Jahre alt, voller Zweifel, ob es ein dünner Junge aus Würzburg in der NBA schaffen könne. Die ersten Jahre waren schwierig, Erfolge feierte Nowitzki nur mit der Nationalmannschaft: 2002 gewann sie in den USA zum ersten Mal WM-Bronze. Das Spiel um Platz drei gegen Neuseeland fand an einem Sonntagmorgen um 6.30 Uhr deutscher Zeit statt. Als Student musste ich mir natürlich auch dafür den Wecker stellen. Nowitzki machte 29 Punkte – in nur drei Vierteln. Das letzte genoss er bei riesiger Führung von der Bank, und danach wurde er zum Wertvollsten Spieler (MVP) des Turniers gekürt. So auch drei Jahre später bei der EM, als er Deutschland zu Silber führte.

2006 folgte die erste NBA-Finalserie. Natürlich saß ich nachts wieder vor dem Fernseher meines Bruders, der sich ein Premiere-Abo leisten konnte. Dallas verlor nach Spielen mit 2:4, obwohl sie die ersten beiden Partien gewonnen hatten. Miamis Dwyane Wade war einfach nicht zu stoppen gewesen, während Dirk, mein Bruder und ich die Schiedsrichter beschimpften, weil sie Fouls am Deutschen regelmäßig übersahen. Nowitzki sagt noch heute, es sei die größte Enttäuschung seiner Karriere gewesen. Ich fühlte mit ihm, als ich um halb sechs morgens durchs leere Berlin nach Hause fuhr.

Es folgten weitere Enttäuschungen: 2007 schieden die Mavericks in Runde eins der Playoffs aus, obwohl sie die Vorrunde dominiert und Nowitzki den MVP-Titel der Liga gewonnen hatten. Es folgten drei weitere Jahre mit zu wenig Frühlingsschlaf für mich und drei frühen Pleiteserien für Dallas. Immerhin trug Nowitzki 2008 die deutsche Fahne ins Olympiastadion von Peking. Gold holte er aber wieder nicht, und in den USA wurde er nun als NO-WIN-ski verpottet.

2011 dann der Höhepunkt. Dallas hatte viele Veteranen zusammengekauft. Ein überaltertes Team, sagten die Experten, doch kein Spieler hatte bis dahin einen NBA-Titel. Und so verband das Team Erfahrung mit unbedingtem Siegeswillen. Vier lange Playoff-Runden – insgesamt 21 kurze Nächte für mich – und endlich mal ein gutes Ende. Mit 4:2 glückte die Revanche gegen Miami und Wade (der seine Karriere auch diese Woche beendet hat). Nowitzki erinnerte sich nach dem Sieg an den dünnen, zweifelnden Jungen aus Würzburg. »Das war nicht vorhersehbar, aber am Ende ist alles richtig«, heißt es im Song von Green Day. Das passte damals schon.

Ich fuhr diesmal nicht nach Hause, sondern direkt in die nd-Redaktion. Einen Bericht, eine Personalie und jenen Fankommentar mit dem Versprechen an meine Freundin schrieb ich an jenem Tag. Drei Artikel, knapp 1200 Wörter, 8000 Zeichen. Schon mittags war ich fertig. Mit Begeisterung schreibt es sich schneller.

In den 90er Jahren habe ich mir selbst erstmals freiwillig Schlaf für NBA-Spiele geklaut. Ich wollte die Stars des ersten Dream Teams sehen: Michael Jordan, Charles Barkley, Scottie Pippen. Dirk – im gleichen Alter wie ich – tat das damals auch. Wir begannen beide, selbst Basketball zu spielen, doch hier enden leider schon die Gemeinsamkeiten, denn ich rechne nicht damit, dass Barkley und Pippen auch zu meinem letzten Tag am Arbeitsplatz vorbeikommen werden, um mir vor 20 000 Gästen persönlich zu huldigen, wie sie es nun für Dirk taten. Ich werde damit klarkommen. Basketball ohne Nowitzki zu akzeptieren fällt mir schon schwerer. Ihm selbst übrigens auch, sagte er am Dienstagabend. Er hätte gern weiter gemacht, doch die Schmerzen im Fuß wurden zu groß.

Er wird nicht mehr spielen, und ich werde mir wohl nie mehr für die NBA den Wecker stellen. Irgendwann ist man aus dem Alter raus. Was nicht heißt, dass ich etwas bereue. Wie heißt es im Green-Day-Song noch? »Was auch immer all das wert war, es hat sich gelohnt.«