Politsprech

Ergebnisoffener Zukunftsdreiklang

Velten Schäfer erforscht die Welt der zeitgenössischen Politphrase

Von Velten Schäfer

Wer kennt noch Georg Ludwig Hartig? Dabei ist der 1837 verstorbene Waldexperte bis heute ein wichtiger politischer Stichwortgeber. 1804 benutzte er erstmals ein heute allgegenwärtiges Wort: »Nachhaltigkeit«. Man könne, schrieb er in einer »Anweisung zur Taxation der Forste«, nicht mehr abholzen als nachwächst, wenn die »Nachkommenschaft« so viel vom Wald haben solle wie »die jetzt lebende Generation«.

In den aktuellen Politsprech geriet dieses N-Wort über den »Brundtland-Bericht« der UN, der jene Försterweisheit 1987 auf alle Ressourcen übertrug. Dann aber dehnte die EU den Begriff bis zu Themen wie »regionale und globale Stabilität« oder »florierende Volkswirtschaften«. Daher werden heute auch Kriege als »nachhaltig« tituliert - oder eine vermeintliche Wachstumspolitik, die jenen Nachkommen die Schwarze Null zum Preis der bröckelnden Brücke vermacht. So wurde »Nachhaltigkeit« ein Paradebeispiel für eine Sorte politischen Vokabulars, die man Alles-und-nichts-Wörter nennen kann: Wenn buchstäblich jede Agenda als »nachhaltig« bezeichnet wird, verliert das Wort jede Bedeutung. Einschlägig sind hier auch Adjektive wie »zukunftsfest«, »politikfähig« oder »ausgewogen«.

Jede Plenardebatte zeigt, dass diese Wortklasse einen erheblichen Anteil der politischen Kommunikation ausmacht. Dicht gefolgt wird sie freilich von den Ich-meine-das-Gegenteil-Wendungen: Eine »vertrauensvolle Zusammenarbeit mit unseren Partnern« umschreibt in der Regel einen Kampf bis aufs Messer. Ein »offenes Ohr« im »Dialog auf Augenhöhe« drückt in den allermeisten Fällen den Wunsch aus, es möge jetzt endlich Ruhe herrschen im Karton. Die Beschwörung des »Markenkerns« oder gar der »DNA« kündigt nicht selten das Aufweichen von Beschlusslagen an - und das Fordern oder Zusichern »ergebnisoffener Beratungen« verweist auf dezidierte Vorstellungen oder Absprachen hinsichtlich des Resultats. Denn wer will schon »Chaostage« in den eigenen Reihen?

Niederschlag finden diese Prozesse des »Zuhörens« dann in allerlei »Eckpunkten«, »Dreiklängen«, »Fünfpunkteplänen«, »Zukunftsprojekten« und »XY-Kompromissen«. Je nach Anlass und Konkretionsgrad setzen diese Wir-machen-das-Floskeln »Rahmenbedingungen«, definieren »Strukturreformen« oder sorgen für »Transparenz«. Jedenfalls aber belegen sie, dass man »gut aufgestellt« ist, auch wenn sich bisweilen »Politik noch besser erklären« muss.

Sollte Sie dies »ein Stück weit betroffen« machen, scheinen wir »rückhaltlos aufgeklärt« zu haben. Und sollten Sie nun den einen oder anderen »Handlungsbedarf« verspüren, liegt hiermit eine »Option auf dem Tisch«: Sprechen Sie ein Rutscht-mir-den-Buckel-runter-Wort. Lesen Sie eine Wochenendzeitung und gönnen Sie sich etwas »Politikverdrossenheit« - wenn auch bitte nicht nachhaltig.

Genau Letzteres wollen die nämlich.