Alternative Jugendzentren

Die Einheit von Kampf und Kultur

Wie sich das Alternative Jugendzentrum in Chemnitz seit fast 30 Jahren behauptet.

Von Hendrik Lasch

Im Seminarraum des Alternativen Jugendzentrums (AJZ) Chemnitz konnte man zuletzt nur sehr eingeschränkt aus den Fenstern schauen. Die Scheiben im ersten Stock des Hauses in der Chemnitztalstraße 54 waren »dekoriert«: mit breiten Streifen Klebeband, die kreuzweise auf dem Glas pappten. Was wirkte wie ein Schutz für verirrte Singvögel, sollte tatsächlich andere »Flugobjekte« abhalten: fliegende Steine. Das Klebeband, sagt AJZ-Mitarbeiterin Anja, »bewirkt, dass die Scheiben bei einem Angriff weniger splittern«.

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  • Dass es das Autonome Zentrum (AZ) Köln noch gibt, ist der großen »RabAZ«-Kampagne im letzten Herbst zu verdanken. Es wurde demonstriert, besetzt und verhandelt. Mit einem Teilerfolg. Eigentlich sollte das AZ zum 31. Dezember 2018 aus den Räumen in der Luxemburger Straße 93 ausziehen. Jetzt haben die Autonomen eine Schonfrist bis zum Ende dieses Jahres bekommen. Danach will die Stadt ihren Grüngürtel, der sich um die Innenstadt zieht, schließen. Das AZ soll einem Park weichen. Verhandlungen mit der Stadt über einen Ersatzstandort verlaufen bislang erfolglos. Anna, die im AZ aktiv ist, berichtet von schlechten Alternativen, einem alten Fort am Stadtrand oder Containern, für die es nicht einmal einen Standortvorschlag gibt.
 
»Wir haben das Gefühl, die Stadt hat kein Interesse an einem Autonomen Zentrum«, erklärt Anna. Aus der Politik gebe es nur wenig Unterstützung. Die Grünen hätten sich erst für den Erhalt des AZ eingesetzt, nachdem der parteieigene »Arbeitskreis gegen Rechts« auf die wichtige Rolle des Zentrums im antifaschistischen Kampf hingewiesen hatte. 
Das AZ ist nicht das einzige gefährdete Projekt in Köln. Auch drei Wagenplätze sind von Räumungen bedroht. Darunter »Wem gehört die Welt«, der älteste Wagenplatz der Stadt, den es schon seit 1994 gibt. Wie lange der Wagenplatz noch existieren wird, wissen die Bewohner nicht. Ihr Gelände, das der Stadt gehört, soll für Wohnungen weichen und verkauft werden. »Wir wissen nicht, was hinter den Kulissen läuft, erfahren Pläne nur aus der Zeitung. Die Stadt ist nicht gesprächsbereit«, erzählt eine Bewohnerin am Rande der Mietendemo am vergangenen Wochenende in Köln. Etwa 30 Leute leben auf dem Wagenplatz, sie seien »eine gewachsene Struktur«, die man nicht so einfach verschieben könne.

Wagenplätze und Autonomes Zentrum wollen sich auch in Zukunft zusammentun und »RabAZ« machen, wenn die Stadt nicht bereit ist, ihren Erhalt zu garantieren. Ein gewisses Maß an Unterstützung können sie in der Domstadt erwarten. Sebastian Weiermann
  • Das graue Gebäude an der Potsdamer Straße, Ecke Pallasstraße, sticht kaum aus dem Straßenbild heraus. Mit Blick durch die Glasfronten wird klar, dass Investoren das nördliche Schöneberg entdeckt haben: ein Hotelneubau, vermeintlich hippe Cafés und in direkter Nachbarschaft ein Co-Workingspace. 

Dort befindet sich auch das einstige Zuhause von Berlins ältesten selbstverwalteten Jugendzentren Drugstore und Potse. Fast 50 Jahre waren sie Anlaufstätte für junge Menschen aus dem Stadtteil. »Hier treffen sich Jugendliche, die woanders keinen Platz finden«, sagt Paul vom Potse-Kollektiv. »Es sind aber nicht nur Punks, sondern alternative Jugendliche aus verschiedenen Subkulturen.« Sie haben Freiräume geschaffen: autonom und unkommerziell, ein Ort, der eine freie Entfaltung ermöglicht – politisch, kreativ und sozial.

Vereinzelte Banner zieren die Fensterfassade im zweiten Stock der Hausnummer 180: »Potse bleibt«, steht dort deutlich lesbar. Das Mietverhältnis für die Räume der benachbarten Jugendzentren ist Ende 2018 ausgelaufen. Das Potse-Kollektiv hat sich dazu entschieden, die Jugendarbeit in besetzten Räumen weiterzuführen. Damit ist es das »zurzeit letzte selbstverwaltete Jugendzentrum in Berlin«. Das benachbarte Drugstore hat zum Schutz des Trägervereins SSB e.V. die Schlüssel abgeben, die Akteure sitzen seitdem auf der Straße und alternative Räumlichkeiten sind für sie derzeit nicht in Sicht.

Die Kündigung der Nutzungsverträge durch den Bezirk Tempelhof-Schöneberg war vorhersehbar. Wiederholt wurde das vierstöckige Gebäude, das bis Ende der 1980er in Landesbesitz war, in den vergangenen Jahren an private Investoren und internationale Firmengeflechte verkauft. »Die Mieten wurden hochgerissen«, die Suche nach Alternativen begann. »Seit drei Jahren bekommt der Bezirk es nicht hin, adäquate Räume bereitzustellen«, erzählt Paul. Es ist ein zäher Kampf nach bekanntem Schema, den die Jugendzentren führen müssen. Dieser Tage wurde eine Räumungsklage vom Bezirk gegen die Potse eingereicht. Anna Schulze
  • Seit den Hamburger G20-Protesten im Juli 2017 nehmen bürgerliche Politiker auch in der Bankenmetropole Frankfurt am Main autonome Zentren ins Visier. Im Blickpunkt stehen das Bockenheimer Café ExZess, die Rödelheimer AU und das citynahe ehemalige Polizeigefängnis Klapperfeld. Ohne handfeste Beweise zu haben, bezeichnen Kommunalpolitiker von CDU, AfD, FDP und Bürger für Frankfurt (BFF) die Zentren als Ausgangspunkt für »gewalttätige Proteste«. Die FDP drängt auf eine Auflösung bestehender Mietverträge durch die Stadt. Entsprechende Vorstöße des CDU-Manns Christoph Schmitt fanden allerdings bislang bei SPD und Grünen, den Partnern im örtlichen Dreierbündnis, kein Echo.

In den selbstverwalteten Zentren befinden sich Anlaufstellen für nichtkommerzielle Angebote von der »Küche für alle« über politische und kulturelle Bildungsveranstaltungen bis hin zu Werkstätten und Sprachkursen für Geflüchtete. Sie sehen sich in der Hochburg des Finanzkapitals als Gegenpol, »der nicht den Forderungen nach Wirtschaftlichkeit entspricht und Kultur und soziales Miteinander jenseits von Verwertung und Portemonnaie« anbietet, so ein Solidaritätsappell.

In der immer teurer werdenden Stadt müssten nicht-kommerzielle Räume erhalten bleiben, in denen Andersdenkende ihre Meinung einbringen könnten, fordert Eyup Yilmaz von der Linksfraktion im Rathaus. »Gefährlich sind nicht die Autonomen, die solidarische Räume ohne Konsumzwang schaffen, sondern gutbetuchte Anzugträger, die sich auf Law and Order berufen, jedoch vorrangig repressive Maßnahmen fordern, um Flächen für wenig Geld an Investoren zu verscherbeln«, hielt seine Fraktionskollegin Merve Ayyildiz Ende 2018 im Stadtparlament der »inoffiziellen rechten Koalition« von CDU, AfD, FDP und BFF entgegen: »Mit Ihrem kläglichen Versuch, die Alarmglocken auf links zu richten, befeuern Sie wortwörtlich rechtsextreme, gewaltbereite Gruppen und schützen rechte Gewalttaten.« Damit bezog sie sich auf einen Anfang Dezember verübten Brandanschlag gegen das Café ExZess. Hans-Gerd Öfinger

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Weitab von der Verdrängung

Chemnitz hat unruhige Wochen und Monate hinter sich. Im August 2018 wurde am Rande des Stadtfestes ein junger Mann vermutlich von Flüchtlingen erstochen. Die extreme Rechte schlachtete die Tat aus und mobilisierte massiv; es gab große Demonstrationen, bei denen Hooligans und Pegida-Anhänger, AfD und »Pro Chemnitz« gemeinsam mit »normalen« Bürgern auf die Straße gingen; dazu Hetzjagden auf Migranten und Angriffe auf Presse und Polizei. Auch linke Projekte in der sächsischen Großstadt mussten davon ausgehen zum Angriffsziel zu werden - wieder einmal. Erst Ende 2016 gab es einen nächtlichen Sprengstoffanschlag auf das Kulturzentrum Lokomov am Sonnenberg. Als Täter werden Nazis vermutet; aufgeklärt ist der Angriff bislang nicht. Immerhin: Im AJZ hätten sich die Schutzmaßnahmen im Seminarraum bisher als überflüssig erwiesen - »zum Glück«, sagt Anja.

Sollten die Klebestreifen auch dieses Wochenende noch die Scheiben »zieren«, könnten sie als sehr passende Dekoration für eine Veranstaltung angesehen werden, die in dem Chemnitzer Haus stattfindet. Erstmals treffen sich Vertreter selbstorganisierter, linker Jugendzentren aus der gesamten Republik zu einem Bundeskongress, der unter das Motto »Standing United« gestellt wurde. Es gehe darum, sich zu vernetzen und so gemeinsam für den Erhalt »emanzipatorischer Räume« zu engagieren, die durch »unterschiedlichste Angriffe« zunehmend bedroht seien: tätliche Attacken von Nazis wie zuletzt in der sachsen-anhaltischen Kleinstadt Salzwedel; außerdem »Hetze und verleumderische Anfragen« in kommunalen Parlamenten mit dem Ziel, Fördergelder zu streichen. Dazu komme ein »zunehmender Druck durch die neoliberale Wirtschaftslogik«: steigende Mieten, teure Streitigkeiten mit der GEMA, andere Kosten. Manchmal wecken die teils seit Jahren genutzten Gebäude Begehrlichkeiten bei Immobilienfirmen - Gentrifizierung macht auch vor linker Jugendkultur nicht halt.

Beim AJZ in Chemnitz ist zumindest diese Gefahr gering. Für renditeversessene Vermieter sind bisher, wenn überhaupt, nur wenige Viertel der Industriestadt interessant; die Gegend an der stark befahrenen Chemnitztalstraße, an der das AJZ im Schatten des hoch aufragenden Schornsteins eines Heizkraftwerks steht, zählt sicher nicht dazu. In der Nachbarschaft finden sich kleinere Gewerbebetriebe und nur wenige Mietshäuser, darunter ein Plattenbau, in dem wegen der niedrigen Mieten viele Flüchtlinge untergebracht wurden. Aus dem Stadtzentrum fährt man eine Viertelstunde zum AJZ - was, wie Anja sagt, »Fluch und Segen zugleich« sei. Verdrängung sei hoffentlich auf absehbare Zeit kein Thema. Für manche der Jugendlichen, die man gern ansprechen will, sei das Haus aber zu abgelegen, fügt die Sozialarbeiterin an: »Bei ihnen reicht das Geld oft nicht einmal für den Busfahrschein.«

Erste Versuche im Wendeherbst

Trotzdem erweist es sich im Nachhinein fast als Glück, dass erste Versuche, in Chemnitz in den frühen 1990er Jahren ein Alternatives Jugendzentrum zu schaffen, noch nicht von Erfolg gekrönt waren. Damals gab es mehrere Versuche, Häuser zu besetzen, die zentraler in der Stadt lagen. Die Aktivisten kamen von Initiativen wie dem Revolutionären Autonomen Jugendverband, der im Herbst 1989 zunächst ein Büro in der ehemaligen SED-Bezirksleitung Karl-Marx-Stadt bezogen hatte, und aus dem Umfeld eines »Lesecafés« im Hotel Moskau. Sie träumten nicht nur von einem selbstverwalteten Jugendhaus, sondern auch von einem Wohnprojekt auf einem Bauernhof, wo, wie es in einer Chronik heißt, die »Einheit von Leben, Arbeit und Kultur« praktiziert werden sollte.

Zunächst ging es aber um Kampf statt Kultur: gegen Eigentümer der besetzten Häuser, die Strom und Wasser abdrehten; gegen Behörden, die Verträge verweigerten und stattdessen einmal gar das SEK anrücken ließen; gegen Nazis, die etwa im Sommer 1991 im Wochentakt angriffen. Im Herbst 1992 - das AJZ hatte inzwischen sein heutiges Domizil gefunden - brannte bei einem Überfall das Kino komplett aus, wurde aber binnen 72 Stunden wiederhergerichtet.

Ungeachtet solcher Widrigkeiten sorgten und sorgen zahlreiche ehrenamtlich Engagierte für kulturelle Angebote, die bis heute die Stadt prägen. Das Haus im Chemnitztal - eine einstige Ausflugsgaststätte mit schönem Sommergarten - gilt als legendärer Ort für Konzerte und Musikfestivals: Hardcore, Punk, inzwischen zunehmend auch elektronische Musik. Ins Leben gerufen wurden aber auch Medien- und Hörfunkprojekte oder eine eigene Zeitung namens »Deutsches Neuland«. Im Haus ansässig sind der Zirkusverein Pyrocatharsis, die Antifaschistische Fußball-Fan-Initiative AFFI und das SERO Archiv der sozialen Bewegungen.

Außerdem ist das AJZ seit Jahren ein anerkannter Träger der Jugendarbeit. Er betreut Jugendliche in zwei Stadtteilen, hat in einer ehemaligen Fabrik die Skaterhalle Druckbude und auf dem Sonnenberg einen Bauspielplatz eingerichtet, ist Träger eines Wohnprojekts und demnächst auch einer Kurzzeitunterkunft namens »Sleep-in«, die für Menschen in Notlagen gedacht ist. Der Bereich, der seinen Hauptsitz neben dem Hauptbahnhof der Stadt hat und in dem 22 Menschen fest angestellt sind, genieße in der Stadt einen ausgezeichneten Ruf, sagt Bastian Flossmann vom Vorstand des AJZ. Die Arbeit wird von der Kommune mitfinanziert, zuletzt mit gut 650 000 Euro im Jahr.

Allerdings ist auch dieses Engagement immer wieder Bedrohungen ausgesetzt. Ende 2008 beriet der Stadtrat über einen Etat, der massive Kürzungen nicht zuletzt im Jugend- und Sozialbereich vorsah und die Existenz des AJZ akut gefährdete. Anja, die damals nach der Ausbildung gerade ihren ersten Job angetreten hatte, erinnert sich gut: »Es betraf unter anderem meine Stelle.« Immerhin gab es in der Stadt breiten Widerstand. Ein Foto einer abendlichen Demonstration unter dem Motto »AJZ bleibt« hängt noch heute im Treppenhaus. Anfang 2010 lenkte der Stadtrat ein und nahm die Kürzungen zumindest so weit zurück, dass das AJZ die Arbeit auch in seinem damaligen 20. Jubiläumsjahr fortsetzen konnte.

Neue Allianz von rechts

Inzwischen steht der 30. Geburtstag bevor, und die Bedrohungslage hat sich noch einmal geändert. Im Stadtrat gewinnen Kräfte an Einfluss, die dem AJZ mit seinem explizit formulierten antifaschistischen, antirassistischen, antisexistischen Anspruch prinzipiell ablehnend gegenüberstehen. Einen ersten Eindruck von möglichen neuen Allianzen bekam man im Sommer 2017. Nach dem G20-Gipfel in Hamburg schossen sich Rechte und Konservative auch in Chemnitz auf vermeintlich Linksextreme ein - und nahmen Anstoß an einem im April im AJZ veranstalteten »Antifaschistischen Jugendkongress«, auf dem 300 Teilnehmer unter anderem berieten, wie man »die Logistik des Kapitals lahmlegen« könne. Nicht nur Martin Kohlmann, Stadtrat der extrem rechten Bewegung »Pro Chemnitz«, forderte danach, dem AJZ die Gelder zu streichen. Auch CDU und FDP verlangten eine Distanzierung von Personen, Gruppen oder Vereinen, die die »Anwendung von Gewalt und den Verstoß gegen Gesetze propagieren«. Anderenfalls solle die Stadt die Zusammenarbeit mit dem AJZ prüfen, sagte Alexander Dierks, Stadtrat und heutiger sächsischer Generalsekretär der CDU.

Das AJZ betonte, dass der Kongress sich in dem Haus eingemietet habe; zudem wurde angemerkt, dass der »Kulturbetrieb« im Chemnitztal auf der einen sowie die soziale und Jugendarbeit auf der anderen Seite zwei getrennte Bereiche seien; nur letzterer erhält öffentliche Förderung. Beides werde »zu Unrecht in einen Topf geworfen«, sagt Flossmann, der dahinter freilich Kalkül vermutet. Rechte Kreise störten sich am Anspruch des AJZ, »Freiräume für alternative Formen sozialen und kulturellen Lebens« bieten zu wollen, und forcierten Versuche, diese zu beschneiden: »Man will die Mehrheitsgesellschaft dazu bringen, dass dafür kein Raum mehr zur Verfügung gestellt wird.« Setzt sich der Rechtsruck bei der Kommunalwahl Ende Mai fort, drohen sich solche Attacken weiter zu verschärfen.