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Es geht auch ohne Assange

Die Enthüllungsplattform Wikileaks emanzipiert sich von ihrem einstigen Chefstrategen

  • Von Robert D. Meyer
  • Lesedauer: 3 Min.

Wäre Julian Assange vergangenen Donnerstag in London nicht von den britischen Behörden festgenommen worden, die Öffentlichkeit hätte wohl kaum Notiz davon genommen, dass Wikileaks noch immer existiert. Der australische Netzaktivist war viele Jahre das bekannteste Gesicht der Enthüllungsplattform. Doch so sehr Assange ein wichtiger Grund für den Erfolg von Wikileaks war, so sehr lähmten die Kontroversen um seine Person auch das Projekt.

Bisher weitestgehend unbemerkt versucht ein kleines Team um den isländischen Journalisten Kristinn Hrafnsson seit Mitte letzten Jahres den Neuanfang. Den Startschuss dafür gab ausgerechnet Assange - wenn auch unfreiwillig. Weil die ecuadorianische Botschaft in London, in der er seit 2012 lebte, dem Australier seinen Zugang zu Internet und Telefon kappte, war es ihm faktisch nicht mehr möglich, seiner Arbeit als Chefredakteur von Wikileaks nachzukommen.

Deshalb übernahm vergangenen September Hrafnsson die Leitung, was sich für die Enthüllungsplattform als Glücksfall herausstellen sollte. Dabei hatte sich der Isländer Anfang 2017 zunächst aus der Führungsebene des Projektes zurückgezogen. Mit dem Schritt protestierte er gegen den Umgang Assanges mit den durch Wikileaks veröffentlichten E-Mailverkehr der US-Demokraten im Präsidentschaftswahlkampf. Hrafnsson kritisierte, dass Assange sich zum Helden der US-Rechten entwickelt habe und er nun von jenen gefeiert werde, die ihn noch wenige Jahre zuvor für die Veröffentlichung von rund einer Viertelmillionen diplomatischer US-Berichte und die Aufdeckung von Kriegsverbrechen der US-Armee in Irak scharf attackiert hatten.

Seit Hrafnsson Rückkehr an die Spitze von Wikileaks konzentriert sich die Plattform wieder auf das, wofür sie 2006 gegründet wurde: Die Aufarbeitung und Bereitstellung geheimer Informationen aus Politik und Wirtschaft, die für die Öffentlichkeit von Interesse sein könnten. Nachdem über ein Jahr nichts passierte, scheint der Führungswechsel Wikileaks einen neuen Schub gegeben zu haben. Seit der Ernennung von Hrafnsson zum Chefredakteur brachte es Wikileaks auf vier Veröffentlichungen, darunter über einen fragwürdigen drei Milliarden US-Dollar schweren Waffendeal zwischen dem französischen Rüstungskonzern Nexter und den Vereinigten Arabischen Emiraten, bei dem ein Geschäftsmann 200 Millionen US-Dollar Provision kassiert haben soll. Wie der »Spiegel« auf Grundlage der von Wikileaks veröffentlichten Dokument herausfand, kamen die verkauften Panzer auch im Jemen-Krieg zum Einsatz.

Ende der Flucht, Beginn des Tauziehens
Markus Drescher über die Festnahme von Julian Assange

Wikileaks bisher letzte Veröffentlichung vom 30. Januar dieses Jahres spielte in den deutschen Medien dagegen fast gar keine Rolle. Diese soll den Machtkampf in der katholischen Kirche belegen. In den Dokumenten enthalten ist unter anderem ein angeblicher Brief von Papst Franziskus aus dem Jahr 2016 an den damaligen Kardinalspatron des Malteserordens, Raymond Burke. In dem Schreiben fordert Papst Franziskus, bei humanitären Hilfsaktionen des zum Orden gehörenden Malteser-Hilfsdienstes auf die Verteilung von Verhütungsmitteln zu verzichten.

Reichen solche Enthüllungen, damit Wikileaks seine frühere Bedeutung zurückbekommt? Braucht es die Plattform überhaupt noch? Fakt ist: Versuche, alternative Projekte aufzubauen, gab es mehrere, doch keine konnte ähnliche Skandale aufdecken wie Wikileaks. Richtig ist aber auch, dass die Enthüllungsplattform große Medienhäuser zum Umdenken motivierte. Anonyme, verschlüsselte, digitale Postfächer, mit denen sich Hinweisgeber an Journalisten wenden können, gehören bei vielen Redaktionen heute zum Standard.

Ebenso fand ein Umdenken im Umgang mit zugesandten, brisanten Material statt, wie 2016 das Beispiel der Panama Papers zeigte, einer riesigen Datensammlung zu dubiosen Briefkastenfirmen. Anstatt die Rohdaten für sich zu behalten, wurden die »Offshore Leaks« auf der Website des »Internationalen Konsortiums Investigativer Journalisten« der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt.

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