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Dem Druck nicht standgehalten

Weil Pauline Schäfer an ihrem Lieblingsgerät patzte, blieb das deutsche Turnteam bei den Europameisterschaften medaillenlos

  • Von Frank Thomas, Szczecin
  • Lesedauer: 3 Min.

Mit versteinerter Miene blickte Pauline Schäfer auf die Anzeigetafel: Übernervös hat die Chemnitzerin am Sonntag die große Chance auf die erste EM-Medaille einer deutschen Turnerin am Schwebebalken seit 32 Jahren vergeben. Bei den Europameisterschaften in Szczecin belegte die 22-Jährige nach einem Absturz und weiteren Unsicherheiten mit 11,700 Punkten nur den sechsten Platz. Damit ging das deutsche Turnteam wie schon im Vorjahr bei der EM in Glasgow gänzlich leer aus.

»Scheiße. Das war mehr als ärgerlich«, fluchte die Balkenspezialistin. »Am liebsten würde ich gleich noch mal ans Gerät gehen: Aber im Turnen hat man nur die eine Chance«, sagte Schäfer enttäuscht. Sie meisterte zwar den von ihr selbst kreierten Schäfer-Salto, doch konnte sie in der gesamten Übung nicht an ihren glänzenden Vorkampf anknüpfen, den sie noch als Zweite beendet hatte.

»Selbst mit dem verpatzten Angang hätte es heute zu einem guten Ergebnis reichen können. Aber ich war viel nervöser als sonst, alles war mehr als wacklig«, kritisierte sie sich selbst. Da auch die Vorkampfbeste Giorgia Villa aus Italien zweimal stürzte, ging der Titel mit 13,566 Punkten an die stabil turnende Britin Alice Kinsella.

»Das Niveau war heute nicht hoch: Die Chance auf eine Medaille war sehr groß«, urteilte Cheftrainerin Ulla Koch. »Vielleicht hat sich Pauline zu viel Druck gemacht. Aber aufgrund der Verletzungen fehlen ihr 50 bis 70 Übungen. Diese Härte holt man sich im Training«, sagte die Chefin.

Eine feste Größe in der Turnwelt ist Pauline Schäfer, seit sie vor eineinhalb Jahren in Montreal als erste Deutsche seit 36 Jahren den WM-Titel am jahrelang als »Zittergerät« verschrienen Balken gewonnen hatte. »Als Weltmeisterin ist es schwerer. Die Ansprüche von außen und mir selbst sind seit dem Titel deutlich gewachsen«, sagte sie vor dem Finale.

Zuletzt hatten Rückschläge ihren Weg geprägt. Nach dem überraschenden Ende der Zusammenarbeit mit der langjährigen Trainerin Gabi Frehse verhinderte eine Fußverletzung Schäfers Start bei der WM im Vorjahr in Doha, eine Oberschenkeleinblutung die Balkenteilnahme im März beim Weltcup in Stuttgart.

Seit dem 13. Lebensjahr und einem heftigen Sturz auf den Hinterkopf plagt sie sich mit einer Blockade bei jedem Rückwärtselement. »Jedes Training ist ein Kampf. Ich muss mir selber drohen und Druck machen, damit ich mich überwinde, egal an welchem Gerät«, gestand sie.

Für Schäfer wie auch für die in Szczecin fehlenden anderen deutschen Topathletinnen Elisabeth Seitz, Kim Bui und Sophie Scheder folgt nun die Vorbereitung auf die WM in Stuttgart im Oktober. Dort werden noch an neun Teams die Olympia-Tickets vergeben - die Deutschen wollen unbedingt in Tokio 2020 in Riegenstärke dabei sein. dpa/nd

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