Werbung
  • Kultur
  • Staatsschauspiel Dresden

Der böse Traum

Russische Umsturzgeschichte: Das Staatsschauspiel Dresden adaptiert Michail Ossorgins Roman »Eine Straße in Moskau«

  • Von Gunnar Decker
  • Lesedauer: 7 Min.

Das Unheil fällt sofort ins Auge. Brutal geköpfte Birken im Bühnenhintergrund. Nur noch kahle Stämme ragen empor, wie Buhnen am Strand des Zeitmeeres. Die dunkle Vorahnung als Spielvorlage: Die hier versammelte Gesellschaft, die gerade auf Tanjas 17. Geburtstag anstößt, wird bald schon gestrandet sein.

Hinreißend in ihrer fragilen Robustheit, mit der sie den Abend in der Schwebe hält, ist Luise Aschenbrenner als Tanja auf ihrem Weg durch die Wirrnisse der Sowjetisierung in Russland.

Ansonsten: Untergeher unter sich, die sich gern um die Einsicht betrügen, dass ihre Zeit vorbei ist. Wie auch die anderen, die glauben, ihre Zeit sei gekommen, im Irrtum sind. Es ist allein die Zeit der großen Apparate angebrochen, mit denen sich die Macht reproduziert. Dafür braucht sie eigentlich nur Funktionäre, sonst nichts.

Darum geht es in Michail Ossorgins Roman »Eine Straße in Moskau«. Am Staatsschauspiel Dresden versucht nun Regisseur Sebastian Baumgarten vier Stunden lang diese Atmosphäre der – mit schrillen Kriegskommunismus-Parolen kaschierten – Entwurzlung, die Zerstörung bislang geschützter Milieus in einen Spielfluss zu bringen.

Das Buch hat da schon mal mehr Perspektiven zur Verfügung. Auch eine mikroskopische, die sich schnell ins Surreale weitet. Zeitenumbrüche lassen sich so gleich doppelt fixieren, einerseits mit Sinn für kleinste Details, andererseits auch atmosphärisch. Das heißt hier konkret: Die Mechanik einer Kuckucksuhr havariert. Plötzlich rast die Zeit und der Kuckuck kommt nicht mehr hinterher.

Eine Maus geht derweil vorsichtig, immer in Erwartung der Katze, auf ihre nächtliche Runde durch die Moskauer Wohnung des Ornithologen Iwan Alexandrowitsch. Auch dies ist ein Indiz: »Niemand wusste, dass eine ganze Mäusefamilie dem Holzwurm dabei behilflich war, die Grundfesten des Fundaments und die massiven, aber nicht unvergänglichen Mauern zu zerfressen.« Aber, was die Maus treibt, das ist neben dem Hunger eben auch die Angst davor, selbst gefressen zu werden. Und natürlich jenes Quäntchen Neugier, das sie sich nicht abgewöhnen kann, ohne aufzuhören eine Maus zu sein.

Die Maus kommt auch bei Baumgarten vor, in einer filmischen Einspielung mit Stimme aus dem Off. Da wird dann schnell klar, dass dies ein Abend der Hilfskonstruktionen wird, um den Sprachbildern Ossorgins mit den Mitteln des Theaters etwas Nachschöpfendes entgegenzusetzen. Mit anderen Worten: Man läuft der Poesie der literarischen Vorlage immer hinterher, schnell und ausdauernd, aber sie einzuholen gelingt nicht.

Draußen vor der Tür ereignet sich Weltgeschichte: Krieg und Revolution. Zwei Welten prallen aufeinander, die des »Vogelprofessors« im Kleinen und die des politischen Umsturzes im Großen. Mikrokosmos trifft Makrokosmos, so die überaus reizvolle Perspektive in Michail Ossorgins »Eine Straße in Moskau« - eine Alltagsgeschichte der Revolution aus Perspektive der Intellektuellen. In dieser ist sie vor allem eins: die eingespielte Mechanik des Lebens störend, aber eben auch selbst ein überaus störanfälliges, verbesserungsbedürftiges Instrument.

Die Geschichte kreist um ein altes Moskauer Bürgerhaus in aus den Fugen geratener Zeit zwischen 1914 und 1920. Erstmals erschien das Buch 1928 in einem Pariser Emigrantenverlag - und war dann lange vergessen. In den 90er Jahren wurde es wiederentdeckt. Zu Recht sprach man von einer literarischen Sensation.

Regisseur Sebastian Baumgarten hat keine Angst vor den Tragödien der Geschichte, die für ihn immer als Tragik-Komödien kenntlich bleiben. Alles Pathos schreit nach Parodie. Am Berliner Gorki-Theater etwa inszenierte er vor einigen Jahren Heiner Müllers Gladkow-Adaption »Zement«.

Kurz zuvor hatte Dimiter Gotscheff in München »Zement« in seiner letzten Inszenierung, bevor er starb, in allen Grautönen der Grausamkeit und voll bitterer Klagetöne auf die Bühne gebracht. Ein finaler Geniestreich, eine Todesfuge. Und was machte Sebastian Baumgarten in seiner »Zement«-Antwort? Eine quietschbunte Revue mit Gesang und Tanz! All das in hohem Tempo und mit sicherem Rhythmus. Thema verfehlt? Kann man so nicht sagen, denn den Revolutionsschrecken, samt postrevolutionärer Demoralisierung, traf der lakonisch-beiläufige Gestus dieser Inszenierung durchaus.

Nun also wieder russische Umsturzgeschichte, aber aus der Per᠆spektive eines Autors, der Sowjetrussland bereits Anfang der 20er Jahre verlassen musste. Michail Ossorgin war als Sozialrevolutionär unter dem Zaren eingesperrt und verbannt worden. Er feierte die Oktoberrevolution als Anbruch einer neuen Zeit - und schaute gleichzeitig als Autor mit Interesse auf all die obskuren Begleiterscheinungen solcherart Zeitenwende.

Das verbindet ihn mit den »Imaginisten« (dem Dichter Jessenin etwa), die Anatoli Marienhof in seinem wundervoll-absurden »Roman ohne Lüge« schildert. Ein Tableau der Seltsamkeiten. Ossorgin arbeitet also begeistert für die Bolschewiki, aber dennoch: Er ist ein Intellektueller, denkt zu viel und vor allem unaufgefordert. Als er schließlich mitten in der Not des Kriegskommunismus ein »Komitee für Hungerhilfe« gründet, versteht Lenin das als konterrevolutionären Angriff der bürgerlichen Intelligenzia.

Ossorgin wird erst verhaftet und dann 1922 mit 224 anderen Intellektuellen (darunter der Philosoph Nikolai Berdjajew) auf dem sogenannten »Philosophenschiff« außer Landes gebracht. Deutschland nahm die Flüchtlinge auf. Trotzki, den bald das gleiche Schicksal ereilen sollte, kommentierte die Aktion: »Wir haben diese Leute ausgewiesen, weil es keinen Grund gab, sie zu erschießen, sie zu ertragen aber war unmöglich.«

Wie ein Wunder wirkt es da, dass Michail Ossorgin ein so federleichtes Buch über das alte Moskauer Bürgertum schrieb, das von den Bolschewiki so rücksichtslos vernichtet wurde. Seine poetische Weltsicht hatte er sich bewahrt, trotz des harten Emigrantenschicksals, das ihn nun traf. Von Deutschland über Italien ging er nach Frankreich, wo er 1942 auf der Flucht vor den Nazis starb. Hartnäckig hatte er sich zur Sowjetunion bekannt.

Was tun mit dieser wundersamen Geschichte? Für Sebastian Baumgarten offenbar keine echte Frage, denn er lässt – wie zu erwarten war – eine Revue über die Bühne rollen, in der man den Roman kaum mehr wiederkennt. Ist das für eine Theateradaption, die schließlich eine Romanhandlung nicht bloß nachspielen will, nun gut oder schlecht? Teils, teils, denn handwerklich ist das hier solide gemacht.

Aber trifft es auch solcherart dialektische Zustände, die eben alles andere als »solide« sind und fortwährend ihre Aufhebung in einer höheren Synthese (vergeblich) herbeibeten? Baumgarten und seine Bühnenbildnerin Christina Schmitt nehmen Zuflucht in einer arg postmodern wirkenden Szenerie: Ein mehrköpfiger roter Drache schmückt die Bühne, er wirkt nicht gerade gefährlich, eher nett.

Rote Sterne blinken, einige haben allerdings Stromausfall. Anders als Ossorgin schweift Baumgarten schon mal gern mit der Attitüde geborgter Wehmut in die Ferne, am wohlsten scheint er sich in der Breschnew-Ära zu fühlen, mit all ihrer Wohlstandspatina und der Schlagerseligkeit von »Moskau glaubt den Tränen nicht«. Sollte es aber, denn an diesen Tränen scheidet sich die Wahrheit von der Lüge.

Man könnte nun sagen, Baumgarten bebildere überflüssigerweise eine Geschichte zwischen Gewalt und Zärtlichkeit auf so beliebige Weise, dass der Erkenntnisgewinn gering bleibt. Aber so ganz stimmt das auch wieder nicht. Denn die starken Schauspieler reißen sich aus dem Tableau immer wieder Stücke heraus. Da ist vor allem der ungestüme, anscheinend über schier unendliche Kraftreserven verfügende Thomas Wodianka, der als Philosoph Astajew alle Demütigungen eines gegen die Ideologie andenkenden Mannes erleidet und als Unterhalter in billigen Shows auftreten muss.

Wenig zur Dramaturgie des Abends trägt es bei, wenn Baumgarten nun einen langen Show-Komplex im »Klub Gagarin« über die Bühne gehen lässt. Insofern inszeniert Baumgarten »Eine Straße in Moskau« so, wie die Erbauer des Sozialismus auch in der realen Geschichte vorgingen: Kaum war etwas wirklich gelungen, wurde es wieder unter dem Schutt eitler Selbstfeier begraben.

Alte und neue Menschen finden sich hier gemeinsam als Material der Machtmaschine wieder. Aber nicht nur der wie Marx aussehende »Vogelprofessor« (Holger Hübner), auch Lukas Rüppel, Nadja Stübiger, Sven Hönig, Betty Freudenberg, Thomas Eisen und Moritz Kienemann spielen dabei oft gleich mehrere Figuren, erweisen sich als Sand im Getriebe des Apparats. Vielleicht liegt es auch am letzten Relikt der alten Zeit, einem Flügel, auf dem Thomas Mahn den ganzen langen Abend über beharrlich einen musikalischen Grundton verteidigt, an dem sich auch die neue Zeit messen lassen muss. Er erinnert, jenseits aller Extreme, an den Traum, dem man folgen soll.

Nächste Vorstellungen: 30.4., 12.5.

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!