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Schiedsrichter bekommen zunehmend Schubladenangst

Tim Wolff regt sich über Journalisten auf, die das Wort »zunehmend« in ihre meinungsschwangeren Texte einbauen

  • Von Tim Wolff
  • Lesedauer: 3 Min.

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Zum Davonlaufen: Journalisten als die Schiedsrichter der öffentlichen Debatte
Zum Davonlaufen: Journalisten als die Schiedsrichter der öffentlichen Debatte

Das Wort »zunehmend« ist eine Sprachpest. Es greift so simpel wie unbelegt diffuse Gefühle ab: dass alles, gut wie schlecht, stetig mehr würde. Vom Kapitalismus und seinen Journalistenschulen zugerichtete Schreibkräfte können wohl nicht anders, als das falsche Versprechen vom ewigen Wachstum überall mit hineinzulügen. Außerdem klingt jeder Mist gleich viel wichtiger, wenn er etwas Zunehmendes beschreibt.

Beginnt also ein Text, wie der »Fahnen runter« überschriebene des »Zeit«-Redakteurs Jochen Bittner, mit »Das zunehmende Bedürfnis vieler Journalisten ...« weiß man, jetzt wird es richtig wichtig - denn die Zunahme betrifft auch noch die wichtigste aller Berufsgruppen. Im Ganzen: »Das zunehmende Bedürfnis vieler Journalisten, der Öffentlichkeit zu beweisen, wo sie politisch stehen, ist unübersehbar« - womit »viele Journalisten« mehr beweisen als der eine, Jochen Bittner, der »etwas ist zunehmend, weil es unübersehbar ist« für eine Tatsachenbeschreibung hält statt für redundanten Gefühlsquatsch.

Weswegen er auch sofort zur Herablassung des Bescheidwissers übergeht: »Psychologisch ist der Verortungswunsch verständlich. In polarisierten Zeiten, in denen die Einsortierung von Menschen schneller vonstatten geht als die Prüfung ihrer Argumente, will niemand in der falschen Schublade landen. Trotzdem sind allzu klare öffentliche Positionierungen von Journalisten falsch, denn sie befördern ebenjenes polarisierte Klima, in dem die Schubladenangst erst gedeiht.«

Was er damit sagen will? Keine Ahnung, vermutlich: In einem polarisierten Klima gedeiht eine Schubladenangst, die einen Verortungswunsch erzeugt.

Aber wie geht Journalismus wirklich? »Berichterstatter sind Schiedsrichter der öffentlichen Debatte. Fallen sie aus der Rolle, indem sie dem Ball einer Mannschaft einen Schubs geben, leidet ihre Autorität.« Berichterstatter sind Schiedsrichter? Hätte Bittner wohl gern, aber er kann sich noch so einen abtrillern, auf seine Entscheidungen wird kein Debattenteilnehmer hören.

Ich spreche aus bittnerer Erfahrung: Noch nicht mal Blödwörter wie »zunehmend« wird man los, egal wie zunehmend man Journalisten rote Karten zeigt. Außerdem machen Berichterstatter Debatten öffentlich, wie das im Sport nicht Schiedsrichter, sondern, Achtung: Berichterstatter tun. Aber selbst die geben keinem Ball einer Mannschaft einen Schubs, weil es keinen Sport gibt, in dem beide Mannschaften jeweils einen Ball haben - oder Bälle geschubst werden.

Wenn Schiedsrichter mit dem Regelwerk umgingen wie Bittner mit dem der Sprache, es litte nicht nur ihre Autorität. Aber so etwas muss einen Mann nicht kümmern, der schon mal Kabarettisten juristisch verfolgt, wenn sie seine politischen Aktivitäten ausstellen, aber heroisch verkündet: »Journalisten sind Diskursbefeuerer, ihre Methode ist die Kritik, ihr Mittel die Vernunft, ihr Maßstab die Humanität - gegen jeden und alles.«

Wer jeder und alles ist, erkennt man an den einzigen beiden Beispielen, die Bittner für das »zunehmende Bedürfnis« aufführt: die Teilnahme des »Monitor«-Redaktionsleiters Georg Restle an einer antirassistischen Demo und einen »Nazis raus«-Tweet von »Deutschlandfunk Kultur«.

Das könnte der Öffentlichkeit beweisen, wessen Bälle dieser Diskursbefeuerer gerne schubst. Aber einer, der ernsthaft schreibt: »Die Mehrheitsmeinung ist eine der stärksten Kräfte des Universums«, ist nicht einfach ein Rechter, sondern mindestens einer, der als Berichterstatter 1633 nicht Teil von Galileos Argument geworden wäre und mit der Mehrheitsmeinung die Erde zur Scheibe geplättet hätte.

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