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Apokalyptik oder Kunstmarktkunst?

Die Arbeiten der Künstlerin Louisa Clement im Sprengel-Museum Hannover

  • Von Radek Krolczyk
  • Lesedauer: 5 Min.

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Louisa Clement: Head 15, 2014, Inkjetprint
Louisa Clement: Head 15, 2014, Inkjetprint

Das riesige schwarze Quadrat auf dem Boden des Sprengel-Museums glitzert schaurig und schön, es heißt »Transformationsausschnitt«. Die Künstlerin Louisa Clement hat es aus Mineralbrocken gelegt, die an Reste von menschlichen Körpern, vielleicht Totenschädel, erinnern. Möglicherweise bildet man sich das aber nur ein, nachdem man den Wandtext dazu gelesen hat.

Es handele sich um Glaskörper, einen verfestigten Rückstand des Giftgases Sarin. Der syrische Diktator Baschar al-Assad hatte Sarin immer wieder gegen die eigene Bevölkerung eingesetzt. Die UN beschlagnahmte 2017 große Mengen Sarin und machte sie auf dem US-amerikanischen Kriegsschiff »MV Cape Ray« unbrauchbar. Die vollständige Zerstörung scheint aber weit komplizierter. Anschließend wurde es in Deutschland bei 1300 Grad Celsius zersetzt und in eine Art Glas umgewandelt. Zivil verwendet man das Endmaterial wohl zum Straßenbau.

Eine ähnliche Bodenarbeit hatte Clement bereits 2017 im Kölner Wallraf-Richartz-Museum gezeigt, dort allerdings als Rechteck mit zwei kurzen und zwei langen Seiten. So eine geometrische Form ist in der Lage, inhaltliche Aspekte nahezulegen. Für Pathos jedenfalls ist ein schwarzes Quadrat in einem quadratischen Raum deutlich geeigneter, und selbstverständlich ähnelt es - auch ohne die Syrienstory an der Wand - einem Grab. In den Gedenkstätten von Majdanek und Dachau findet man ähnliche Felder aus faustgroßen Steinen.

Clements Bild ist nur zum Schein kontemporär oder gesellschaftlich; in Wahrheit ist es universell und dem Besonderen gegenüber gleichgültig. So verhält es sich auch bei ihrer übrigen künstlerischen Arbeit.

An den Wänden des Raumes hängt nichts, an den Rändern ist ausreichend Platz, um vorbeizugehen, und zu wenig Platz, um es mit Macht und Distanz zu überblicken. Die Arbeit überwältigt ihre Betrachterinnen und Betrachter, versetzt sie in Ohnmacht. Es entsteht so ein Bild, von dem ein kitschiger Autoritarismus ausgeht. Es gibt nur wenig zu sehen und keinen Platz für zwei einander widerstreitende Gedanken.

Louisa Clement wurde 1987 in Bonn geboren, wo sie heute lebt. Zunächst studierte sie Malerei in Karlsruhe, bevor sie 2010 nach Düsseldorf in die Fotografie wechselte. In den vergangenen Jahren waren ihre Arbeiten vor allem im Rheinland in renommierten Ausstellungshäusern wie dem Museum Morsbroich zu sehen. Die Hannoveraner Schau zieht im Sommer weiter ins Ludwig-Forum in Aachen. Clement stellte in den Düsseldorfer Galerien Kunst & Denker Contemporary und Konrad Fischer aus und wird heute von Wentrup Berlin vertreten. Die junge Künstlerin hat schon eine solide Basis im deutschen Kunstbetrieb.

Ihren Erfolg verdanken Werke wie das von Louisa Clement - auch die von Acci Baba, Matthew Day Jackson und Alicja Kwade - der sehr beliebten Verwechslung von Apokalyptik (die einfach und grundlos ist) und Gesellschaftskritik (die schwierig ist und ihren Grund hat). Gerade Apokalyptische Motive eignen sich für eine wunderbare Oberfläche und suggerieren dabei eine existenzielle Tiefe, die nichts bedeutet. Der ideale Themenpool für das, was Wolfgang Ullrich in seinem Buch »Siegerkunst« als »Kunstmarktkunst« bezeichnet.

In den Ausstellungstexten des Sprengel-Museums wird das besondere Verständnis für Fotografie betont, das Louisa Clement eigen ist. Denn eine Installation wie die eingangs beschriebene hat für Clement zunächst einen zeitlichen Charakter, sie ist als Zeitbild gedacht. In der Ausstellung stehen ihre originär fotografischen Serien nicht im Mittelpunkt; es gibt einige aufsehenerregende räumliche oder installative Arbeiten. Es kommt nicht so sehr auf das Medium als auf eine inhaltliche und formale Klammer an: die Leere des Menschen und das Verschwinden seines Körpers - im Giftgaskrieg oder in der Virtual Reality.

Gezeigt wird in Hannover die vielteilige Porträtserie »heads« von 2014. Clement hat dafür die Köpfe von Schaufensterpuppen fotografiert. Es handelt sich zuerst um glatte, gesichts- und charakterlose Gestalten. Sie sind künstliche Substituten des Menschen und Sinnbilder seiner Austauschbarkeit.

Die Puppenköpfe tragen nur wenige Gesichtszüge. Der Kurator der Ausstellung Stefan Gronert stellt in seinem Katalogbeitrag die Nähe zu Hans Bellmer her. Doch Bellmer verwendete seine Schaufensterpuppen, um an ihnen verdrängte und verleugnete aggressive und sexuelle Anteile des Menschen herauszustellen. Clements »heads« sind wie leere Spielmarken. Betrachtet man sie genauer, erkennt man die unterschiedlichen Materialien, aus denen sie gefertigt wurden: Plastik, Textil und Metall. Manche spiegeln, an manchen sind Abnutzungsspuren sichtbar.

Noch unwirklicher und vager werden die menschlichen Körper in Clements Serie »Avatars« von 2016. In Ausschnitten sind hier gelbe, grüne und rosa Körper zu sehen, von der Schulter bis zur Hüfte. Sie wirken virtuell und wirklich gleichzeitig. Ihre Oberflächen sind malerische Farbflächen, die sich aber in einer Anspannung befinden und voneinander abstoßen.

Zwischen den Bildern von Schaufensterpuppen und Avataren hängen an den Wänden Monitore im Querformat. In metallischen Grundfarben spiegeln sie die Gesichter von Betrachterin und Betrachter und lassen sie künstlich und irreal erscheinen. Angesichts solcher Bemühungen kommt man sich vor wie auf dem Jahrmarkt.

Auf einem Tisch inmitten der Ausstellung liegen zwei VR-Sichtgeräte samt Anleitung. Setzt man sie auf, betritt man einen Raum, in dem einige Personen auf eine kleine Konversation über Kunst warten. Das Spiel ist einigermaßen öde. Manche Ausstellungsbesucher kommen mit den Apparaten nicht zurecht, obwohl man sie inzwischen selbst in der Stadtbibliothek ausleihen kann. Irgendwann fällt eins der Geräte aus. Man muss an dieser Stelle gar nicht weiter über die »verschwimmenden Grenzen« von »echter« und »virtueller« Realität spekulieren. Die »echte« zieht die Grenzen, zwar unwillkürlich aber deutlich.

Die ganz besonders großen Fragen waren immer ganz besonders leer und öde: Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Was ist der Sinn des Lebens? Die Beschäftigung mit diesen großen Dingen ist meist eine Pseudobeschäftigung, weil diese Dinge Pseudodinge sind. Die allgemeinen Fragen nach künstlicher Intelligenz oder virtuellen Körpern sind im Grunde auch vor allem eines: leer und öde.

»Louisa Clement - Remote Control«, bis 10. Juni, Sprengel-Museum Hannover, Kurt-Schwitters-Platz, Hannover.

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