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Hoffnung ist etwas Zerbrechliches

Ece Temelkuran beklagt den Weg der Türkei in die Diktatur und den weltweiten Niedergang der Moral

  • Von Stefan Berkholz
  • Lesedauer: 4 Min.

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Die Schriftstellerin Ece Temelkuran
Die Schriftstellerin Ece Temelkuran

Dieses Buch will nicht schildern, wie wir unsere Demokratie verloren», schreibt die türkische Schriftstellerin Ece Temelkuran eingangs, «sondern dem Rest der Welt helfen, Lehren aus dem Geschehen zu ziehen.» Es ist also eine Warnung an die westliche Welt, in der noch immer geglaubt wird, Freiheit und Demokratie für die Ewigkeit abonniert zu haben.

Und so lautet der Untertitel dieses so traurigen wie wütenden Buchs: «Sieben Schritte in die Diktatur». «Ja, es wurde etwas entfesselt in der westlichen Welt», bemerkt Ece Temelkuran. «In einer ganzen Reihe von Ländern wabert ein unsichtbares, geruchloses Gas von der Provinz in die Großstädte, ein Gas, das aus Ressentiments besteht. Endzeitstimmung liegt in der Luft und macht sich breit. Das Volk verlässt die Kleinstädte und begibt sich in die Metropolen, um endlich Herr über sein Schicksal zu sein. Jetzt wird alles anders, heißt es.»

Die Schriftstellerin erzählt Geschichten, um «Krankheiten der menschlichen Seele» zu veranschaulichen. Sie analysiert die Schlagkraft von «politischen Bewegungen» im Kontrast zu politischen Parteien. Sie beschreibt «die Infantilisierung der Massen durch Infantilisierung der politischen Sprache».

Sie sichtet den weltweiten Kulturwandel, den Umbruch von Überzeugungen und Werten, «den politisch sichtbar werdenden weltweiten Niedergang der Moral». «Das ethische Vakuum des Neoliberalismus, seine Ignoranz gegenüber der Tatsache, dass der Mensch Bedeutsamkeit braucht und verzweifelt nach dem Sinn des Lebens sucht, begünstigt das Erfinden einer Sache, und sei es die abgründigste oder seichteste. Anders als die Systemverteidiger glauben, kann der Wunsch mehr, beziehungsweise die Angst, weniger zu haben, die innere Leere des Menschen nie füllen.»

Ece Temelkuran ist eine der wichtigsten weiblichen Stimmen aus der türkischen Emigrantencommunity. Sie reist viel in der Welt herum, ist zur Weltbürgerin geworden. Die 45-Jährige lebt heute in Zagreb, im Wartestand, wie sie sagt. Nein, als Exil möchte sie es nicht bezeichnen, denn dieses Wort würde ihre Position schwächen, glaubt sie. «Ich bin nur von zu Hause weg», sagt sie lieber.

Würde sie heute in ihre Heimat zurückkehren, drohten ihr Prozesse und Gefängnis. Sie ist im Visier gewalttätiger Nationalisten und von Erdogan-Gefolgsleuten. Bei uns bekannt wurde sie mit zwei Romanen («Was nützt mir die Revolution, wenn ich nicht tanzen kann», 2014; «Stumme Schwäne», 2017) und einem Sachbuch über ihre Heimat («Euphorie und Wehmut. Die Türkei auf der Suche nach sich selbst», 2015)

Nun also dieses so traurige wie wütende Buch. Den «heutigen rechtspopulistischen Bewegungen» spricht Ece Temelkuran jegliche Substanz ab, jegliches Programm, jegliche ideologische Erzählung. All das gebe es gar nicht, es ginge allein um die Macht. Sie spricht von der «Schamlosigkeit der Ungerührten», benennt den Wandel von Journalisten zu Erfüllungsgehilfen der Machthaber, erwähnt die «Trollarmeen» in den sogenannten sozialen Medien und analysiert Ablenkungsstrategien von Demagogen wie Trump, Erdogan und Orbán.

Manchmal klingt ihre Streitschrift verzweifelt, so als fühle sie sich auf verlorenem Posten und werde allmählich mutlos. «Nicht nur wird das, was wir zu sagen haben, von den Störgeräuschen und Rammböcken der rechtspopulistischen Politik übertönt, sondern es gibt auch kein gemeinsames Wertesystem mehr, anhand dessen wir moralische Verbrechen hieb- und stichfest beweisen könnten.»

Ece Temelkuran erwähnt «den jahrzehntelang andauernden intellektuellen Gewichtsverlust der globalen Linken», verweist auf den «Zusammenhang zwischen Demokratie und sozialer Gerechtigkeit», erläutert Erdogans Strategien zum Machterhalt, seine Netzwerkpolitik, seine gezielte Almosenverteilung zwecks Stimmenfang, für seinen «politischen Kreuzzug».

Die Schriftstellerin hat eine Mischung aus politischem Kommentar und Analyse sowie persönlichen Erlebnissen und Beobachtungen verfasst. Ein kluges, feministisches Buch - anregend, aufregend, beklemmend und aufrüttelnd. Sie fühle sich «wie eine moderne Kassandra», schreibt sie, wenn sie vor Publikum liest, Vorträge hält, an Diskussionen teilnimmt. «Gibt es Hoffnung?», werde sie da gefragt. Ihre Antwort: «Hoffnung ist etwas Zerbrechliches.» Und: «Ich glaube lieber an Entschlossenheit - an die Entschlossenheit, Schönheit zu schaffen, politische Schönheit.»

Ece Temelkuran schreibt von Heimweh, erwähnt auch Depressionen und Krisen. Aber, so sagt sie im Gespräch: «Ich kann schreiben, das ist unschätzbar. Werden die Stimmen von Menschen nicht gehört, so kann ich ihnen Gehör verschaffen. Ich erzähle Geschichten. Und solange ich eine Geschichte erzählen kann, bin ich ein zufriedener, ein glücklicher Mensch, und das reicht.»

Ece Temelkuran: Wenn dein Land nicht mehr dein Land ist oder: Sieben Schritte in die Diktatur. A. d. Engl. v. Michaela Grabinger. Hoffmann und Campe, 272 S., geb., 22 €.

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