Werbung

Antisemitische Gewalt wird bagatellisiert

Steigende Zahl antisemitischer Vorfälle in Berlin

  • Von Claudia Krieg
  • Lesedauer: 3 Min.

Echt jetzt? Ihr wollt Geld von mir?

Ja, herrgottnochmal, es kostet!

Auch, wenn's nervt – wir müssen die laufenden Kosten für Recherche und Produktion decken.

Also, mach mit! Mit einem freiwilligen regelmäßigen Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Antisemitismus: Antisemitische Gewalt wird bagatellisiert

Die Hemmschwellen sinken. Die Angriffe werden gewalttätiger und direkter. »Wir stellen im Vergleich zu den vergangenen Jahren eine zunehmende Bereitschaft fest, antisemitische Aussagen mit konkreten Gewaltandrohungen zu verbinden oder ihnen gar Gewalt folgen zu lassen.« Benjamin Steinitz, Projektleiter der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS) in Berlin, stellt am Mittwoch im Anne-Frank-Zentrum die Jahresbilanz 2018 vor: mit einem Anstieg um 14 Prozent insgesamt 1083 antisemitische Vorfälle, davon 46 Angriffe, 43 gezielte Sachbeschädigungen, 46 Bedrohungen, 831 Fälle verletzenden Verhaltens (darunter 48 Versammlungen) sowie 117 antisemitische Massenzuschriften.

Den erhöhten Zahlen, so Steinitz, läge eine »Verrohung« zugrunde, die »nicht im luftleeren Raum« anzusiedeln ist. Gerade niedrigschwellige Formen von Antisemitismus an Orten, an denen sich Personen regelmäßig aufhalten, wie Wohnumfeld und öffentliche Verkehrsmittel, tragen zu stärkerer Bedrohung bei. Hier könnten sich die Angegriffenen den Attacken schwerer entziehen.

»Wir erleben eine Verschiebung vom Sagen zum Tun.« Bianca Klose, Geschäftsführerin des Vereins für demokratische Kultur (VDK) und Leiterin der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus Berlin, gibt bei der Vorstellung des Berichts zu bedenken, dass auch viele Menschen angegriffen und bedroht werden, weil sie sich gegen Antisemitismus und zu einer offenen und demokratischen Gesellschaft bekennen. Um zu verstehen, warum sich gewaltbereite Akteure dazu ermächtigt fühlen, müsse man nicht nur nach »ganz rechts« schauen». Auch in der sogenannten Mitte der Gesellschaft werden antidemokratische Grenzüberschreitungen mehr und mehr möglich.

Das rechte Narrativ von Antisemitismus als einem «importierten Problem», dass auf den angeblich vor allem bei muslimischen Eingewanderten vorkommenden Antisemitismus abzielt, lasse sich quantitativ überhaupt nicht bestätigen, sagt Benjamin Steinitz. Hier werde Antisemitismus für die eigene flüchtlingsfeindliche Argumentation genutzt.

Die Debatte um Antisemitismus in der Schule, so die die jüdische Bloggerin Juna Grossmann, fokussiere zu häufig auf Schüler*innen. Gerade bei Lehrkräften sei zu beobachten, dass es hier nicht genug Sensibilität für Antisemitismus und ebenfalls nicht genug Empathie mit Betroffenen gebe. «Negieren und bagatellisieren» sei ein gängiger Umgang. Bianca Klose fordert daher mehr Qualifizierungen im Sinne des Dreiklangs «Wahrnehmen, deuten, Handeln», wie die MBR sie anbietet. Schon Lehramtsanwärter*innen in der ersten Ausbildungsphase und Quereinsteiger*innen müssten diese verpflichtend absolvieren.

«Wir haben ein Antisemitismusproblem. Es ist gewachsen und in unserer Gesellschaft verfestigt», kommentiert Berlins Justizsenator Dirk Behrendt (GRÜNE) den neuesten RIAS-Bericht. Sigmount Königsberg, Antisemitismusbeauftragter der Jüdischen Gemeinde Berlins erhofft sich von Politik und Justiz mehr Konsequenz bei der Umsetzung des Landeskonzepts. «Es muss häufiger Anklage erhoben werden.» Er gehe nach einer Studie der EU-Kommission davon aus, dass 80 Prozent der von Antisemitismus Betroffenen die Vorfälle nicht melden, geschweige denn zur Anzeige bringen würden.

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!

9 Ausgaben für nur 9 €

Jetzt nd.DieWoche testen!

9 Samstage die Wochenendzeitung bequem frei Haus.

Hier bestellen