Betriebskultur

In Windeln zur Arbeit

Die Ethikerin Elizabeth Anderson führt den USA die europäische Betriebskultur als Vorbild vor - und warnt am amerikanischen Beispiel die Europäer vor einer neoliberalen Zukunft.

Von Thomas Gesterkamp

Als Adam Smith und andere Ökonomen im 17. und 18. Jahrhundert die Theorie freier Märkte entwickelten, galten diese als ein progressives und egalitäres Projekt. Die Liberalisierung der Wirtschaft sollte auch zur Befreiung der Arbeiter führen - von den Zwängen des Obrigkeitsstaates, vor allem aber von der Gängelung durch Unternehmen und Vorgesetzte. Die industrielle Revolution mit ihrer Massenproduktion in maschinellen Großbetrieben zerstörte die Illusion von einer Gesellschaft autonomer, wirtschaftlich eigenständiger Kleinunternehmer, die sich selbstbewusst gegen Willkür auflehnen können. Und auch zweihundert Jahre später, im Zeitalter der Digitalisierung, hat sich an den hierarchischen Machtstrukturen und der unfreien Situation der meisten Lohnabhängigen wenig geändert - gerade im vorgeblichen Land der unbegrenzten Möglichkeiten jenseits des Atlantiks.

So verbietet die Supermarktkette Walmart ihren Beschäftigten, sich während der Arbeit zu unterhalten, selbst flüchtige Bemerkungen seien »Zeitdiebstahl«. Der Computerhersteller Apple durchsucht in seinen »Stores« vor Dienstbeginn die persönlichen Gegenstände der Angestellten, was diese bis zu einer halben Stunde unbezahltes Schlangestehen kostet. Der Schlachtkonzern Tyson erlaubte seinen Mitarbeitern in den Geflügelfabriken zeitweise nicht einmal, während ihrer Schicht auf die Toilette zu gehen: Drei Beispiele für den autokratischen Umgang mit lohnabhängig Beschäftigten in der US-Wirtschaft.

Unter dem zunächst irritierenden, paradox klingenden Titel »Private Regierung« hat die Sozialphilosophin Elizabeth Anderson, die an der Universität Michigan lehrt und forscht, gerade ein spannendes Buch über Arbeitsbeziehungen vorgelegt. Die Autorin meint damit, dass betriebliche Entscheidungsstrukturen willkürlich und ohne Rechenschaftspflicht von den Kapitaleignern dominiert werden. Wie die Beispiele zeigen, ist das in Amerika noch viel stärker der Fall als in Europa. »Die Entmachtung der Arbeitnehmer ist eine Gefahr für die Demokratie«, warnt Anderson. Die Verhältnisse in vielen US-Unternehmen seien »Tyrannei«, eine »Diktatur«, so lautet ihre plakativ formulierte Kernthese. Die Mitarbeiter hätten kaum Chancen zur Mitsprache und Partizipation. Anders als Politiker, die ihr Handeln immer wieder in Wahlen legitimieren müssen, könnten mächtige ökonomische Akteure von oben herab autoritär ihren Willen durchsetzen und quasi »privat regieren«.

Andersons Buch besteht im Kern aus zwei Vorlesungen, die sie bereits 2014 im Rahmen der »Tanner Lectures on Human Values« an der Universität Princeton gehalten hat. Auf die Vortragstexte folgen vier Kommentare von Fachkollegen aus Disziplinen wie Geschichte, Literatur, politische Theorie und Wirtschaftswissenschaft, danach antwortet die Autorin auf die Kritiker. Ihre Gedankenführung ist geprägt von den betrieblichen Verhältnissen in den Vereinigten Staaten, wo die Gewerkschaften schon lange geschwächt sind und ein großer Teil der Beschäftigten sich auf kaum regulierten Arbeitsmärkten verdingen muss. Im Vergleich dazu erscheinen die Verhältnisse in Europa geradezu paradiesisch.

Für eine »großartige Idee« hält Anderson deshalb, im Kontrast zum von ihr so genannten »Arbeitskräftemissbrauch« in den USA, das deutsche System der betrieblichen Mitbestimmung. Vehement widerspricht sie der Behauptung, die Existenz von Betriebsräten und die Einflussnahme der Arbeitnehmerseite in Aufsichtsräten mindere den ökonomischen Erfolg von Unternehmen. Dem Wirtschaftswissenschaftler Tyler Cowen, der in seiner Gegenrede im Buch auf entsprechende Studien etwa der amerikanischen Notenbank hinweist, hält sie entgegen: »Wenn die Menschen, die die tatsächliche Arbeit leisten, dafür ein größeres Stück vom Kuchen erhalten, ist das doch gut.«

Flucht aus Tarifverträgen, prekäre Beschäftigung und fehlende Mitspracherechte sind auch in vielen deutschen Firmen keineswegs unbekannt. Dennoch, glaubt Anderson, seien die hiesigen Gewerkschaften mit ihren vergleichsweise stabilen Mitgliederzahlen immer noch ein bedeutsames Gegengewicht zu den Großkonzernen, ihre Lage sei »noch nicht so besorgniserregend« wie in den Vereinigten Staaten. Leider importierten die Europäer seit geraumer Zeit gerne »schlechte, neoliberale Ideen aus den USA - dabei sollte der Ideenaustausch eher andersherum laufen«.

Es ist erwartbar, dass die konservative Wirtschaftspresse hierzulande diese Einschätzung mitnichten teilt. »Arbeitnehmer haben heute so viel Macht wie selten zuvor«, schreibt etwa Rainer Hank in der »Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung« in einer Reaktion auf Anderson. Gerade die jüngeren Beschäftigten der Generation Y, die Jahrgänge ab 1980, wüssten »um ihren Qualifikationswert und darum, dass ihre relative Knappheit am Arbeitsmarkt ihnen große Macht verleiht«. Das, klagt der Ressortchef ganz ähnlich wie viele Unternehmensleiter, führe zu in ihrem Sinne gänzlich unerwünschten Prioritätensetzungen: »Work-Life-Balance, geschlechtergerecht austariert, ist ihnen lieber als das große Geld oder die internationale Karriere.«

Ein gedankliches Muster, das neoliberale Argumentationsketten häufig durchzieht: Von einer kleinen Gruppe privilegierter Mitarbeiter, die als unentbehrlich angesehen werden und deshalb in der Tat Einfluss nehmen können auf Einkommenshöhe und die Qualität ihrer Arbeitsbedingungen, werden Rückschlüsse auf sämtliche Beschäftigtengruppen gezogen. »Es ist nicht zu verleugnen, dass die obersten 15 Prozent der amerikanischen Arbeitnehmer einen Lebensstandard erreichen, der weit über dem vieler Europäer liegt«, gesteht Anderson zu: »Aber was ist mit den restlichen 85 Prozent?«

Das Ausmaß des deregulierten Beschäftigungssektors, weiß die Ethikprofessorin, ist in den USA noch weit größer als in Europa. Vorgesetzte können ihren Angestellten dort »alle möglichen Arten von Befehlen geben, selbst solche, die mit der eigentlichen Arbeit nicht mehr viel zu tun haben oder demütigend sind«.

In den großen Fleischfabriken des Mittleren Westens zum Beispiel schuften überwiegend Migranten, die kaum Englisch können und froh sind, überhaupt irgendeinen Job zu haben. Sie bilden deshalb eine »sehr leicht ausbeutbare Gruppe«. Das Verbot von Toilettengängen während der Arbeitszeit zwang manche Beschäftigte sogar dazu, sich einzunässen - oder vorsorglich in Windeln zum Dienst zu erscheinen. Es gebe keine rationale Notwendigkeit für »eine solche Tortur, das verletzt ihre Würde«, betont Anderson.

Mit solchen drastischen Fallgeschichten will die Autorin illustrieren, »wie Arbeitgeber über unser Leben herrschen«, wie es im Untertitel ihres Buches heißt. Freiheit und Gerechtigkeit seien im betrieblichen Kontext geradezu ein Tabuthema, man müsse darüber wieder verstärkt öffentlich reden. Man mag die Notwendigkeit solcher Debatten über Wirtschaftsdemokratie auch für den bundesrepublikanischen Kontext unterstreichen - obwohl die hiesigen Verhältnisse zumindest in US-amerikanischen Augen noch in mancherlei Hinsicht als vorbildhaft erscheinen mögen.

Ein besonderes Anliegen ist es der Philosophin, den Mythos vom freien Markt ideengeschichtlich aufzulösen. Die Zeiten von Adam Smith seien schon lange vorbei, seine damals wegweisenden Gedanken das »Überbleibsel einer früheren Ära«. Die berühmte Nadelfabrik, die der schottische Aufklärer und Vater des Wirtschaftsliberalismus in seinem Klassiker »Der Wohlstand der Nationen« beschreibt, hatte gerade einmal zehn Beschäftigte: »Wer heute noch sagt, dass freie Märkte die Freiheit der Arbeiter garantieren, übt sich in magischem Denken.«

Die politische Rhetorik der Neoliberalen kenne nur zwei Alternativen, den freien Markt und die staatliche Kontrolle. »Die Firma« mit ihren undemokratischen Strukturen komme in diesem ideologischen Gebäude dagegen kaum vor - obwohl die Arbeitnehmer in der Fabrikhalle wie im Großraumbüro auf ihre republikanischen Mitwirkungsrechte weitgehend verzichten. Verdeckt bleibe so, dass »die meisten Menschen einen Großteil ihrer wachen Stunden unter der Aufsicht dieser kleinen privaten Regierungen verbringen«.

Elizabeth Anderson: Private Regierung. Wie Arbeitgeber über unser Leben herrschen (und warum wir nicht darüber reden). Suhrkamp Verlag. 260 S., 28 €.