Antifa

Eine ungemütliche Bahnfahrt entfernt

Erstmals hat sich in der schleswig-holsteinischen Kleinstadt Ahrensburg eine Jugendantifa gegründet. Unterstützt wird sie von Großstadtlinken.

Von Joelle Westerfeld

Gegen Nazis Hand in Hand, es gibt kein ruhiges Hinterland«, lese ich auf Transparenten in Ahrensburg. Es ist ein kalter Samstagmorgen und ich bin, wie einige andere Linke, aus der Stadt angereist. Ich komme ursprünglich auch von hier, aus dem Kreis Stormarn in Schleswig-Holstein, aus einem der Käffer rund um die Kleinstädte im Hamburger Speckgürtel, die eigentlich niemand kennt. Mit seinen Mittelschichts-Einfamilienhäusern und seiner Fußgängerzone voller Arztpraxen und kleiner Geschäfte ist dieser Ort so durchschnittlich, dass es fast schwer fällt, ihn zu beschreiben. Politisch passiert hier in der Regel nicht so viel. Abgesehen davon allerdings auch nicht.

»Ausländer raus«-Sprüche sind in Tische geritzt

In den vergangenen Wochen änderte sich das: An verschiedenen Jugendanlaufpunkten im Kreis Stormarn, wie zum Beispiel dem Pfadfinderheim und dem Freibad, finden sich vermehrt Sticker von der NPD und der Identitären Bewegung, Jugendliche sehen immer häufiger rechtsradikale Parolen an Wänden. In den umliegenden Schulen wird der Rassismus offensiver, so zeigen sich eingeritzte »Ausländer raus«-Sprüche an Tischen von geflüchteten Kindern.

Die letzte linke Demonstration in Ahrensburg, an die ich mich erinnere, ist bereits ein paar Jahre her. Doch das soll sich nun ändern. Obwohl es regnet, ist die Protestkundgebung besser besucht als erwartet. Einen Lauti gibt es nicht. Mit einem Mikrofon steht die 17-jährige Insa vor den Leuten, die sich nicht haben vom Wetter vertreiben lassen. »Wir sind die Generation, der immer gesagt wird, dass sie politisch aktiv werden muss«, sagt sie. Und offenbar nicht zu Unrecht: Sie wundere sich, warum es nicht schon viel früher eine Demonstration gegeben habe. »Schließlich ist nur etwas an die Oberfläche gekommen«, erklärt sie in ihrem Redebeitrag, was »in Ahrensburg schon lange schwelt«.

Zwei Tage später sitze ich wieder in der Regionalbahn nach Ahrensburg: Nach Jahren der Stille gründet sich hier nun öffentlich die neue Jugendantifa. Es ist die erste Antifagruppe, die ich, seit ich selber politisch aktiv bin, an diesem Ort erinnere.

Als ich knapp zu spät zur Gründungsveranstaltung komme, bekomme ich schon keinen Sitzplatz mehr, so gut ist sie besucht. Den Jugendlichen aus dem Ort scheint es ein dringendes Anliegen zu sein, endlich aktiv zu werden. »Ich habe immer danach gesucht, aber nie die Möglichkeit gefunden«, sagt eine junge Frau in der Vorstellungsrunde. Viele gehen noch zur Schule, sind knapp volljährig oder kurz davor. »Wir hatten die Idee schon echt lange. Wir hatten nur nie den Ansporn dazu«, erzählt Luca, der die Veranstaltung gemeinsam mit Insa initiiert hat. »Jetzt haben wir einen greifbaren Grund.«

Die Jugendlichen aus Ahrensburg sind nicht die einzigen, die einen greifbaren Grund haben, sich zu organisieren. Das AJH in Bargteheide, eines der wenigen autonomen Jugendhäuser in der Umgebung, erfährt zwei Wochen hintereinander Angriffe: Der Hof wird verwüstet, die Türklinke abgebrochen, der Briefkasten abgetreten. Die Graffiti der aktiven Jugendlichen sind nun voll mit Stickern, die es in einem Online-Shop zu kaufen gibt, der vom Neonazi und Ex-NPDler Tommy Frenck betrieben wird.

Die Angriffe auf das Jugendhaus verstehe er ganz klar als politisch, erzählt mir Klaus, der dort schon lange aktiv ist. »Zum einen, weil wir uns klar als politischen Raum sehen und auch darstellen, zum anderen, da die Inhalte politischer Natur waren. Betroffen sind vielleicht nur ein paar, gemeint sind ja aber alle. Wir wissen nicht, inwieweit sich der politische Aktivismus der Täter*innen sonst entfaltet und welche Netzwerke hier eventuell greifen.«

Aus welchen Strukturen die Täter*innen kommen, ist den Aktiven bisher nicht klar. »Es gibt ein paar Zehntklässler*innen, die mit der Identitären Bewegung sympathisieren«, erzählt mir Coco, eine andere Aktive. Die Schulen wüssten das, ob die Jugendlichen etwas mit den Aktionen zu tun haben, sei nicht klar. »Inwieweit Kader hier in Stormarn Jugendliche anwerben oder ob Menschen von außerhalb hier ihr Unwesen treiben, wissen wir nicht. Aber es macht schon den Eindruck, als würde mehr dahinterstecken als provokante Kleinstadtlangeweile«, fährt Klaus fort. Angst haben die Jugendlichen nicht, und kämpfen wollen sie in jedem Fall. Die Städte, in denen die Nazis nun versuchen, den öffentlichen Raum einzunehmen, waren bisher nicht unbedingt für ihren linken Aktivismus bekannt. Auch sei in jüngster Vergangenheit nichts passiert, was Naziangriffe hätte provozieren können. Das autonome Jugendhaus ist zwar in seiner Grundhaltung politisch, hat sich in der Umgebung aber vor allem als Partylocation einen Namen gemacht. In den nächsten Tagen und Wochen sollen andere Fragen zentral werden: Was, wenn plötzlich Jugendräume bedroht werden? Was, wenn die Jugend gar keine Wahl hat, als sich stärker denn je zu politisieren und zu positionieren, um ihre Räume zu schützen?

Beim Gründungstreffen der Jugendantifa in Ahrensburg, die sich nun AJA nennt, ist die Stimmung gut. Stormarn soll nicht so leise bleiben, wie es bisher war. Vor allem dann nicht, wenn jene versuchen, sich Raum anzueignen, die Hass propagieren wollen. Die Kids der AJA sind sich einig: Das, was passiert, muss öffentlich gemacht werden. Sie wollen klar Haltung zeigen, zu Demos fahren, sowieso vielleicht ab und zu selbst eine organisieren. Es muss deutlich werden, dass es junge Menschen gibt, die sich gegen den Rechtsruck stellen.

Es soll deutlich werden: Wir stellen uns gegen Rechts

Obwohl der Hamburger Hauptbahnhof nur ein paar Stationen mit der Regionalbahn entfernt ist, sind zur Demo am Samstag vor allem Aktive aus den umliegenden Kleinstädten und Vororten gekommen. Viele der Hamburger*innen, die ich getroffen habe, während ich die Stormarner Aktivist*innen begleitete, sind solche wie ich, die hier selbst einmal gewohnt haben. In meinem Hinterkopf beschäftigt mich immer wieder der Gedanke, dass das viel besprochene Hinterland für einige großstädtische Szenekiezlinke wohl doch eine ungemütliche Bahnfahrt zu weit entfernt ist. Hingegen ist hier auf dem Land, wo nicht schlagartig Hunderte auf der Straße stehen, wenn ein Jugendhaus angegriffen wird, allen klar, wie wichtig Vernetzung ist, um etwas auf die Beine zu stellen. Vielleicht ist es sogar das Wort, das am Montagabend in Ahrensburg am häufigsten fällt.

Und vor allem ist es das, was in den vergangenen Wochen in beiden Städten am meisten geholfen hat: »Ich bin so unfassbar dankbar und verblüfft darüber, wie schnell wir von echt vielen Leuten Solidarität bekommen haben. Mir war nicht bewusst, dass wir so ein gutes Netzwerk und so eine gute Struktur haben, dass sich so viele Menschen so schnell in Bewegung setzen«, erzählt mir Klaus aus dem AJH. Doch nicht nur von außerhalb kam Solidarität. Während bis dato die einzige Politikgruppe des Hauses eher am Einschlafen war, kann davon jetzt keine Rede mehr sein. Allen ist klar, dass es wichtig ist, jetzt zusammenzustehen. Einige, die längst nicht mehr aktiv waren, waren sofort wieder dabei, andere politisieren sich neu. An Orten jenseits der Großstadt, wo nicht immer schon irgendjemand anderes eine bequeme Struktur erschaffen hat, gibt es nun mal keine andere Wahl, als selbst aktiv zu werden. Die Jugendlichen planen einen Blog aufzuziehen, um die Vorkommnisse zu dokumentieren, sollten sich die Naziaktivitäten wiederholen. Ihr Festival, das sie jeden Sommer auf ihrem Hof organisieren, soll dieses Jahr endlich politischer werden.

»Bei vielen ebbt der Aktivismus bestimmt wieder ab, wenn der akute Anlass überwunden ist«, vermutet ein Aktivist. Schließlich sei es Arbeit, für die man Zeit und Energie haben muss. Wirklich besorgt darüber wirken die Jugendlichen allerdings nicht. Schließlich gebe es jetzt Strukturen, wie eben die neu gegründete Jugendantifa, die ab sofort längerfristig politische Arbeit betreiben will. Und damit haben die Nazis auf jeden Fall das erreicht, was sie nicht erreichen wollten: linke, aktive Kids, die Bock haben, sich zu wehren. Und eine Jugend, die sich gegen den Hass, den Rechtsruck und gegen das Vergessen stellt. Denn wenn es hart auf hart kommt, ist hier allen klar: Es gibt kein ruhiges Hinterland. Und dies ist viel mehr als nur eine Phrase, die wir in Großstadtfreiräumen und Szenevierteln auf Stickern lesen.