Bauhaus

Die kunterbunten Wände der Meister

In Dessau ist zu erleben, dass das Bauhaus keine »weiße Moderne« propagierte.

Von Hendrik Lasch

Bei Kandinskys im Wohnzimmer war in den letzten 20 Jahren einfach zu viel los. Scharen von Besuchern, die sich durch den Raum schoben, den Blick des berühmten Künstlers Wassily Kandinsky und seiner Frau durch Terrassenfenster mit schwarz und golden lackierten Rahmen in den Kiefernhain hinterm Haus nacherleben wollten oder sich in einer Nische vor der goldenen Wand drängten. Die Gastgeber freute das Interesse, aber Putz und Farbe, Böden und Treppen hatten arg gelitten. Zehntausende Besucher, sagt Philip Kurz von der Wüstenrot-Stiftung, »hinterlassen Spuren, die störend sind«.

In einem beliebigen Einfamilienhaus würde der Hausherr in dem Fall schlicht zum Pinsel greifen: ein paar Tage Arbeit, und die Makel wären weg. In dem Dessauer Doppelhaus, das Walter Gropius 1925 entwarf und das Kandinsky und Paul Klee, seine Kollegen am Bauhaus, bis zu dessen Schließung Anfang 1933 bewohnten, liegen die Dinge nicht ganz so einfach. Die Renovierung dauerte drei Jahre; die Wüstenrot-Stiftung berappte dafür 1,5 Millionen Euro. Der Bau, der mit zwei weiteren Doppelhäusern und einem Einzelbau die seit 1996 zum Weltkulturerbe der UNESCO gehörende Meisterhaus-Siedlung bildet, ist eines der schönsten Beispiele des »Neuen Bauens« der 20er und 30er Jahre. Gropius hatte schon 1923 am Weimarer Bauhaus einen »Baukasten im Großen« entworfen; der Umzug nach Dessau ermöglichte die praktische Umsetzung. Vom »prototypischen Arbeiten in der Stadt« spricht Claudia Perren, Direktorin der Stiftung Bauhaus Dessau. Es entstanden schnörkellose, äußerlich in kühlem Weiß gehaltene Bauten, deren Variation durch Drehung und Spiegelung der Formen entstand und die Gropius’ Konzept einer »Vereinigung größtmöglicher Variabilität mit größtmöglicher Typisierung« illustrierten. Mehr als an den anderen Bauhausorten Weimar und Berlin ist in Dessau »die Architektur das eigentliche Ausstellungsobjekt«, wie Perren sagt. Entsprechend aufwendig ist die Sanierung. »Im Authentischen des Denkmals«, sagt Philip Kurz, stecke schließlich dessen »wesentliche Bedeutung«.

Eigentlich war man der Überzeugung, das Authentische des Meisterhauses Kandinsky / Klee bereits vor 20 Jahren zutage gefördert zu haben. Von 1998 bis 2000 gab es eine Sanierung, die einer Wiedererweckung gleichkam. Das zuvor bis zur Unkenntlichkeit veränderte Gebäude, bei dem etwa große Atelierfenster zugemauert und Raumzuschnitte völlig verändert worden waren, erstand wie Phönix aus der Asche. Und anders als beim zuvor sanierten Feininger-Haus fasste man auch Mut zur Farbe - die im Kandinsky-Haus im Überfluss vorhanden ist. In rund 100 Farbtönen tünchten die Meister die einzelnen Wände in den vielen, teils nur winzigen Zimmern, aber auch die Handläufe an den Treppen, die Rahmen der Fenster oder die Türen der von Marcel Breuer entworfenen Einbauschränke. Die reiche Farbpalette sei »vor 20 Jahren die größte Überraschung« gewesen, sagt der Architekt Winfried Brenne: »Man sah, dass es nicht nur die ›weiße Moderne‹ war.«

Bei der unter Brennes Leitung durchgeführten erneuten Sanierung zwei Jahrzehnte später wurde der Versuch unternommen, sich noch weiter einem »bauzeitlichen Raumgefühl« anzunähern. Dazu diente unter anderem das Ausbauen der Klimaanlage, die 1998 in das Haus integriert worden war, um es für Ausstellungen nutzen zu können. Sie hatte die ursprünglichen Bäder blockiert und ist nicht mehr notwendig, weil Exponate künftig im neuen Dessauer Bauhaus-Museum gezeigt werden, das im September öffnet. Auch ein Durchbruch zwischen den beiden Wohnzimmern, der Besuchern einen Rundgang im Haus hatte ermöglichen sollen, aber nicht authentisch war, wurde wieder zugemauert.

Vor allem aber haben sich Fachleute noch einmal die Farben angeschaut. Dazu seien die Farbschichten aus der Zeit Kandinskys und Klees freigelegt worden, die, wie alle späteren Anstriche, unter einer Lage Teefilterpapier konserviert seien, sagt der Restaurator Peter Schöne. Mit Methoden, die vor 20 Jahren noch nicht zur Verfügung standen, wurden in einem Labor der Hochschule für Bildende Künste Dresden die verwendeten Pigmente identifiziert, für die weißen Anstriche etwa Kreide aus der Champagne. Zudem, sagt Schönes Kollege Henry Krampitz, wurden manche Entscheidungen von 1998 revidiert. Die Experten damals entschieden sich etwa für einen leicht vergilbten Weißton, der zwar vermeintlich durch Alterung entstanden sein und Besuchern die Geschichte des Gebäudes vor Augen führen sollte, den die auf Leinöl basierende Farbe aber tatsächlich erst nach dem späteren Überstreichen angenommen hatte. Das Weiß, das Kandinsky und Klee an ihren Wänden sahen, »war viel weißer«, sagt Krampitz, und es lässt damit »auch die anderen Farben mehr strahlen«. Architekt Brenner spricht von der »zurückgewonnenen Farbigkeit des Hauses, ohne dessen Alter und die Nutzung zu negieren«. An diesen satten Farben können sich Besucher nun erfreuen - bis irgendwann wieder Restauratoren unter das Teepapier schauen und zu anderen Schlüssen kommen.