Teigwaren Riesa

»Man muss sich nicht ergeben«

Der erste Arbeitskampf im Nudelwerk Riesa steht für einen Aufbruch in Ostdeutschland.

Von Ines Wallrodt

Jeder im Osten kennt sie - Nudeln aus Riesa. Es gibt sie mit Ei oder ohne, in Vollkorn, bio oder glutenfrei, in Dino- oder Häschenform. Teigwaren Riesa ist »unangefochtener Marktführer in den neuen Bundesländern«, wirbt der Traditionsbetrieb aus Sachsen, der seit 1993 dem baden-württembergischen Familienunternehmen Alb-Gold Teigwaren mit Sitz in Trochtelfingen gehört. Doch bei den Löhnen ist der Marktführer ganz und gar nicht Spitze. Maximal 11,50 Euro brutto pro Stunde gab es bis 2018 in der Produktion. »Für dieselbe Arbeit bekommen Kollegen im Westen im Schnitt fünf Euro mehr, das macht 800 Euro Differenz beim Monatslohn«, rechnet der Betriebsratsvorsitzende Daniel Zielke vor. Selbst andere ostdeutsche Nudelbetriebe wie Möwe zahlten zwei bis drei Euro mehr.

Die Beschäftigten nahmen das lange hin. Doch im vergangenen Jahr war Schluss. »Warum sollen wir weniger verdienen?«, fragt Zielke, der im Vertrieb arbeitet. Dem 37-Jährigen ist klar, sie werden nie an die Löhne in der Chemie oder der Autoindustrie herankommen. Und doch findet er: »Wir werden hier nicht reich, aber wollen auch nicht jeden Euro dreimal umdrehen. Die Leute sollen gern hier arbeiten.«

Zusammen mit zwei Kolleginnen hat er die Gründung des Betriebsrats in Riesa initiiert, dem ersten überhaupt in der Alb-Gold-Unternehmensgruppe, sie holten die Gewerkschaft ins Haus, mit dem Ziel, Tarifverhandlungen zu führen. Die Zeit war offenbar reif, fast 30 Jahre nach der Wende: An der Wahl der Interessenvertretung beteiligten sich 95 Prozent der Mitarbeiter; aus vier Gewerkschaftsmitgliedern wurden binnen eines Jahres 123. 85 Prozent der Belegschaft seien nun organisiert, ein stolzer Wert, findet Zielke, der auch Mitglied der neu gegründeten Tarifkommission ist. Ein Zeichen für die Unzufriedenheit, die sich angestaut hat, aber auch für ein neues Selbstbewusstsein. Die Beschäftigten in Riesa wissen: Der Arbeitsmarkt hat sich gewandelt. »Die Leute haben Alternativen«, sagt Zielke und zählt auf: Der Tiefkühlproduzent Frosta sei nur zehn Kilometer entfernt. Bosch will in Dresden ein neues Werk eröffnen, überall könnten Lebensmitteltechnologen anfangen. »Ändert sich bei uns nichts, werden sich 90 Prozent der Unter-45-Jährigen was anderes suchen«, prophezeite er. Nun, nach mehreren Monaten Arbeitskampf, ist eine Einigung da. »Es ist ein wichtiges Signal: Kämpfen lohnt sich«, sagt Uwe Ledwig, Landeschef Ost der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG), der die Verhandlungen auf Gewerkschaftsseite geführt hat. In Ostdeutschland sind Tarifbindung und Organisationsgrad allgemein deutlich niedriger als im Westen. Die Gewerkschaft wünscht sich, dass Riesa Schule macht, nicht nur in Nudelfabriken. »Man muss sich nicht ergeben«, motiviert Ledwig.

Was ein Streiktag kostet

Fünfmal haben die sächsischen Nudelwerker 24 Stunden lang die Arbeit niedergelegt, dazu noch zwei halbe Tage. »Wenn wir streiken, steht die Produktion still«, sagt Zielke. Es ist nicht nur ein Spruch aus dem Arbeitskampfwortschatz. Das Unternehmen bestätigt: »Die Warnstreiks haben dem Unternehmen massiven wirtschaftlichen Schaden zugefügt.« 300.000 Euro Umsatz gehen durch einen einzigen Streiktag verloren. Das konnte die Gewerkschaft einem gescheiterten Antrag des Arbeitgebers auf gerichtliches Verbot ihres Streiks entnehmen.

In der letzten veröffentlichten Bilanz habe die Alb-Gold-Unternehmensgruppe eine Umsatzrendite von 7,7 Prozent ausgewiesen, erklärt Verhandlungsführer Ledwig. 2016 betrug der Gewinn demnach 6,7 Millionen Euro. Die Beschäftigten in der Riesaer Nudelfabrik haben den Bericht ebenfalls gelesen und finden: »Geld ist da, warum soll man nicht mal den Mitarbeitern etwas davon abgeben? Die haben den Erfolg des Unternehmens schließlich erarbeitet«, sagt Zielke. Das Unternehmen betonte vor der letzten Verhandlung am Mittwoch, der Abschluss müsse auch langfristig finanzierbar sein. Überdies sei eine Orientierung der Löhne in Sachsen an denen im Westen nicht realistisch, schließlich seien auch die Absatzmärkte regional getrennt.

Aber selbst das sächsische Niveau musste erst erkämpft werden. Zunächst wollte die Geschäftsleitung gar nicht mit der NGG über einen Haustarif und höhere Löhne verhandeln. Immer wieder fühlte sich die Belegschaft hingehalten. Mitte Januar hieß es schon einmal, eine Einigung sei da. In einem ersten Schritt wurden zum 1. Januar die Löhne um sieben Prozent erhöht. Bis 31. März sollten alle Tarifverträge stehen. Dabei ging es der Gewerkschaft um weitere Lohnsteigerungen und die Übernahme des sächsischen Manteltarifvertrags, der mehr Urlaubsgeld und Urlaubstage, höhere Nachtzulagen und Weihnachtsgeld bedeutet. Doch danach begann die nächste Hängepartie. Ende März war gar nichts fertig. Die Belegschaft hatte deshalb im Vorhinein mit 96 Prozent für einen unbefristeten Streik gestimmt, sollte sich der Arbeitgeber bei der Verhandlung diese Woche nicht bewegen.

Doch die Geschäftsleitung hat sich bewegt und gab ihren Widerstand gegen die Übernahme des sächsischen Manteltarifs auf. Der Kompromiss sieht vor, dass nach einem Zwischenschritt 2019 für 2020 der Tarifvertrag voll übernommen wird. Dafür gibt es in diesem Jahr keine weitere Lohnsteigerung. Seit Januar beträgt der Stundenlohn dadurch in der Produktion im Durchschnitt 11,80 Euro brutto. Nimmt man die besser bezahlten Bereiche wie Verwaltung und Vertrieb hinzu, sind es nach Angaben der Gewerkschaft im Schnitt 12,30 Euro. Besser als vor dem Arbeitskampf, aber immer noch extrem wenig. »Nach 45 Jahren im Drei-Schicht-System von Montag bis Sonntag werden viele Nudelwerker im Alter zusätzlich auf Grundsicherung angewiesen sein«, sagt Ledwig. Im Lebensmittel- und Gaststättenbereich keine Seltenheit, doch für den Gewerkschafter immer wieder ein Skandal.

Ein Kompromiss

Die Einigung ist ein Erfolg, aber kein Triumph für die Beschäftigten und die Gewerkschaft. »Ein Kompromiss, auf dem man aufbauen kann«, sagt Ledwig. Es ist ein Anfang. Denn zu Ende ist die Auseinandersetzung bei Teigwaren Riesa damit nicht. Im Laufe des Jahres wollen die Tarifparteien weiter verhandeln über Entgelterhöhungen und Eingruppierung. Das letzte Wort hat die Belegschaft, die sich nach über 25 Jahren erstmals organisiert hat. Die noch keine Routine hatte wie andere, die sich in Tarifrunden alle zwei Jahre vor die Tür stellen. Der Dauerstress seit September hat Nerven gekostet, aber auch Erwartungen geweckt. Am Dienstag werden die Beschäftigten in Riesa entscheiden, ob sie mit dem Ergebnis leben können. Bestätigen sie die Einigung, herrscht bis 31. März Friedenspflicht. Ab dann kann wieder gestreikt werden, zum Beispiel für die nächste Lohnerhöhung. Dass sie das können, haben die Beschäftigten der Teigwaren Riesa gezeigt.