Drei Akkorde veränderten die Welt

Wirklich Bedeutsames beginnt oft ziemlich klein und unauffällig

Von Mike Mlynar

Für die deutsche Schriftsprache braucht es lediglich 26 Buchstaben, für die Arithmetik die Zahlen 1 bis 9 und die Null. Die Sintflut begann mit ein paar Regentropfen. Aus zwei Zellkernen wächst die menschliche Zygote. Die gesamte moderne EDV basiert auf den Ziffern 1 und 0. Der Musikkosmos, der uns umgibt, kommt mit acht Stamm- und fünf Halbtönen in einer Oktave aus. Wirklich Bedeutsames fängt also oft klein und unauffällig an.

Will man solch puristisches Startkapital bis zu seiner Entfaltung aufdröseln, gerät man bald in verblüffende Wachstumsprozesse und Wahrscheinlichkeiten. Nehmen wir ein Beispiel aus der Musik und dort die Richtung, in der die gesamte Popmusik seit Mitte des 20. Jahrhunderts bis heute ihre maßgeblichen Wurzeln hat: den Blues.

Blues kommt im einfachsten Fall mit drei Akkorden aus; manches deutsche Kinderlied braucht mehr. Einfachheit macht frei. Deshalb begann die europäische Jugend vor 65 Jahren das Bluesschema für sich zu entdecken. Zuerst in der britischen Skiffleszene. Aus der stieg Lonnie Donegan (1931-2002), zuvor Dixieland-Banjomann bei Chris Barber, zum »King of Skiffle« auf. Auch die Beatles und die Rolling Stones, ein Eric Clapton, Elton John oder Van Morrison begannen mit Skifflebands. Der Polit-Folk-Mann Billy Bragg titelte seine Erinnerungen sogar mit »Roots, Radicals and Rockers - How Skiffle changed the World« (Faber & Faber, London, 2017).

Natürlich wird das Bluesschema auch erweitert und variiert. Nehmen wir einen einfachen Denkspielfall: Nico will für seine Band ein Intro aus den Akkorden G, E, D, A, Em komponieren. Wie viele Möglichkeiten gibt es, eine 4-taktige Akkordfolge (pro Takt ein Akkord) aus fünf Akkorden zu bauen, wenn im ersten und dritten Takt derselbe Akkord stehen soll, er aber weder im zweiten noch im vierten Takt stehen darf? Mike Mlynar