Alfons Zitterbacke

Der Pechvogel als Glückspilz

Die wunderbare Welt des Alfons Zitterbacke

Von Hans-Dieter Schütt

Behaupte niemand leichtfertig, der Mensch tue nichts für die Erhaltung von Tierarten. Das stimmt keineswegs. Sorgt er sich doch, dass in den Büros der Papiertiger nicht ausstirbt, und im Rauschen der Zeit bewahrt er den Stille suchenden Leseratten ihre Schlupfwinkel. Er lockt und pflegt mit klingenden Gläsern den Schluckspecht, und in Kindern auf Spielplätzen jubiliert, Sand im Schnabel, der Schmutzfink. Auch der innere Schweinehund hat in uns sein ewiges Leben, und was wären wir ohne unsere Grillen? Mit Assoziationen aus dem Tierreich betreiben wir sinnreiche Verdeutlichung, seien es nun das Kamel, der Esel, die Kirchenmaus oder das Chamäleon. Wobei leider auch ungerechte Zuweisungen vorkommen, denn das Chamäleon zum Beispiel wechselt - im Gegensatz zum Menschen - nur die Farbe und nicht den Charakter.

Eine unserer Meisterleistungen des Artenschutzes führt aufs weite Feld der Ornithologie. Dort nistet jenes Wesen, das gleichsam unser zweites Ich geworden ist: der Pechvogel. Er trägt keinen lateinischen Namen, sondern heißt - Pars pro Toto - Alfons Zitterbacke. Es gibt ihn seit 1966, erfunden hat ihn das vertrackte einfache Leben, und in dessen Auftrag schrieb DDR-Schriftsteller Gerhard Holtz-Baumert die Geschichten auf. Schulgeschichten um den Jungen, der sich im Buch, das zum Ost-Klassiker wurde, mit dem Satz einführt: »Ich heiße Alfons Zitterbacke und bin so alt wie ihr.« Das genau ist der zeitlose, allgültige Spiel-Raum: Denn kühn zu träumen und unbekümmert zu stolpern und Ärger just deshalb zu bekommen, weil man Ärger unbedingt vermeiden möchte - dafür ist niemand zu jung und niemand zu alt.

Die Welt des Alfons Zitterbacke: die Dame Zweu, der Wellensittich Putzi, die tückischen zwölf Pfund Makkaroni mit Tomatensoße, das Pionierhalstuch, Freund Bruno, dazu der Arztbesuch, der beim Lampenausstatter endet, weil Alfons nicht Ambulatorium, sondern Ampelatorium verstand. Er versucht, 60 Eier zu essen, und einmal organisiert der eifrige Knabe einen Feuerwehreinsatz - ausgerechnet zum Löschen der herbstlich anberaumten »Kartoffelfeuer« auf den Feldern. Übrigens hat es Alfons bis weit in die Nachwendezeit geschafft - im dritten Buch des Longsellers, 1995 erschienen, dringt auch die englische Sprache herein, es geht um Pauer und Kaubeus.

Die Welt des Alfons ist eine liebende Welt. Familie, Freunde. Aber es ist auch eine erziehende Welt. Schulwelt, wie sie alle Bereiche durchzieht: eine Welt der Order, man möge sich aufs Erwünschte konzentrieren. So lernt man in der Schule (oder soll man wieder sagen: im Leben überhaupt?), sich auf etwas anderes als auf sich selbst zu konzentrieren. Man tut so, als sei Erlerntes etwas Eigenes geworden. So wird Eigenes zu etwas Erlerntem. Es scheint beim Erzogenwerden darauf anzukommen, sich immer auch ein wenig vor sich selbst zu verstellen. Alfons aber kommt nicht an gegen seine Natur, Natürlichkeit ernst zu nehmen. Er wird missverstanden, weil er wörtlich nimmt. Er ist die Weisheit des Lebens schlechthin: Er kann nicht aufbauen, ohne einzureißen. Er erleidet gewissermaßen, was wir täglich leiden: Wenn jemand ganz bei sich ist, kommt jemand und rüttelt den Betreffenden an der Schulter: »Komm doch endlich zu dir!«

Natürlich möchte Alfons Kosmonaut werden, und schon probiert er die Ernährung aus der Tube: Zahnpasta. Der Traum von der Raumfahrt ist das beste Training fürs Leben hier unten: Der Blick in die Sterne erleichtert es, die Fettnäpfe am Boden zu übersehen. So trittst du heiter und frei hinein, nimmst sie vielleicht nicht mal wahr. Das ist die überaus lebendige Lehre des wunderbaren Alfons Zitterbacke: Der Pechvogel ist (vielleicht) der wahre Glückspilz.