Die Uhr meines Vaters

Gedanken um einen alten Wecker aus dem Nachlass

Von Helmut Hauck

Beim Aufräumen war ich auf den alten Wecker meines Vaters gestoßen. Ich hatte ihn nach seinem Tode als Andenken aus den belanglosen Habseligkeiten mitgenommen. Nun ruht er bei mir in einer Schublade.

Wie alt mag er wohl sein? Jedenfalls ist er älter als ich, und ich bin ja schon fast neunzig. Mein Vater ist 1897 geboren. Ich vermute, es war eine seiner ersten Anschaffungen, als er in der Jugend zu arbeiten begann. Arbeit verlangt Pünktlichkeit.

Doch es könnte auch ein Erbstück gewesen sein. Womöglich hat die Uhr meinen Vater schon an die Front des Ersten Weltkrieges begleitet, wo er als Funker zu jeder Tages- und Nachtzeit einsatzbereit sein musste. Falls das so war, dann muss er sie bei sich gehabt haben, als man ihn mit einer schweren Kopfverletzung aus den Trümmern eines Hauses zog.

Dass er sie in Breslau besaß, wo er trotz dieser Kriegsverletzung auch im Zweiten Weltkrieg zum Kriegsdienst verpflichtet wurde, weiß ich genau. Dort stand der Wecker auf seinem Nachtschrank und hat ihn geweckt, so dass auch ich rechtzeitig zur Schule kam.

Diese Uhr hat ihn also fast das ganze Leben begleitet, hat ihn nach nur kurzem Schlaf geweckt und den Tagesrhythmus bestimmt. Es ist kaum vorstellbar, wie es gelungen ist, dass sie ihm in den oft dramatischen Situationen nicht verloren ging. Vielleicht hat sie mit ihrer Zeitangabe ihm manchmal sein Leben gerettet.

Sie ist dabei gewesen, als Vater den Ring um die Festung Breslau überwand, sie hat die Flucht und die Vertreibung miterlebt, alle Orte, wo er gearbeitet und später ein bescheidenes Rentnerdasein geführt hat. Bis zu seinem Tode hat sie ihm treu gedient und kennt auch seine letzten Stunden. So einen Wecker habe ich nie gehabt und werde ihn auch nicht haben. Moderne Uhren haben selten eine längere Lebensdauer.

Mit Vaters Uhr wäre auch ich durch das Leben gekommen. Als ich jetzt ihr Alter ermitteln wollte, habe ich sie mir etwas genauer angesehen und festgestellt, dass sie noch funktioniert. An das Ticken müsste ich mich aber erst wieder gewöhnen, was bei meinem nachlassenden Gehör bestimmt einfacher wäre als früher.

Als ich den Wecker aufmerksamer betrachtete, stellte ich fest, dass man Zeit auch sehen kann. So wie ältere Menschen graue Haare oder Falten haben, hat der Wecker auch Zeichen des Alters. Eine dunkle Schicht von oxidiertem Metall und Staub bedeckt das Gehäuse. Ob Zeit immer dunkel oder schwarz aussieht? Diese Schicht könnte sicher viel erzählen. Polarforscher nehmen doch auch Proben aus dem Eis, um aus den Ablagerungen Auskunft über die Geschichte unseres Planeten zu erhalten.

Ganz ehrfürchtig habe ich die Staubschicht auf dem Wecker betrachtet. Könnte ihre Zusammensetzung doch die Lebensstationen meines Vaters nachzeichnen. Wie viel von der Feuersbrunst der Festung Breslau hat darin einen Niederschlag gefunden, was haben andere Aufenthaltsorte hinzugefügt? Noch habe ich nicht gewagt, die Spuren der Geschichte abzuwaschen.

Doch die Zeit hat auch eine goldene Farbe. An den abgegriffenen Stellen schimmert das Gehäuse metallisch goldgelb. Vielleicht ist die Mär vom goldenen Zeitalter auch nur eine Erinnerung an häufiges Zufassen, an eine abgegriffene Zeit.

In der Hoffnung, eine Altersangabe zu finden, habe ich den Wecker vorsichtig geöffnet. Es hätte sich ja innen ein Herstellungsdatum oder die Gravur einer Uhrmacherreparatur entdecken lassen können. Aber ich suchte vergebens. Unter Umständen hat mein Vater die Uhr immer nur selbst repariert. Sollte sie wirklich einmal gestreikt haben, gab es bestimmt Ärger. Es kann durchaus sein, dass ihr in einem solchen Fall auch schon mal mit dem Mülleimer gedroht wurde. Dann aber ist an ihr so lange gebastelt worden, bis sie ihren Dienst wieder verrichtete. Nie durfte er vergessen, sie aufzuziehen.

Bald hundert Jahre lang hat die Uhr die Zeit angegeben, ohne zu wissen, was Zeit eigentlich ist. Aber hat denn die Menschheit in all den Jahrtausenden erfahren, was Zeit wirklich ist? Allein schon der Wechsel der Tages- und Jahreszeiten warf die Frage nach der Zeit auf. Hat sie einen Anfang und ein Ende? Wo kommt sie her, wo geht sie hin? Kennt sie Stillstand?

Ich werde jetzt den Wecker meines Vaters wieder ruhen lassen, obwohl er noch längst nicht alle Geheimnisse verraten hat. Gönnen wir ihm die Ruhe, seine Zeit ist abgelaufen. Einmal kommt der Tod, er ist nicht aufzuhalten. Der Tod der Zeit? Um Himmels Willen, nur des Zeitmessers. Dann bleibt mir ja zum Glück noch Zeit! Machen wir Schluss hier, es ist schon spät. Wie schnell man sich doch in der Zeit auch verlaufen kann.