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  • BVB gegen Schalke

Zwischen Freude und Zorn

Schalke verdirbt Dortmund die Meisterambitionen und feiert den Sieg wie einen Titelgewinn

  • Von Daniel Theweleit, Dortmund
  • Lesedauer: 4 Min.

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Womöglich hat ein Begriff aus dem Kopf von Felix Zwayer das 154. Pflichtspielderby zwischen Borussia Dortmund und dem FC Schalke 04 und vielleicht sogar das Rennen um die Deutsche Meisterschaft entschieden. Der Bundsligaschiedsrichter war mit einem Elfmeterpfiff zu einer prägenden Figur dieses Spieltages geworden, weil er eine »unnatürliche Vergrößerung der Körperfläche und somit ein strafbares Handspiel« von Julian Weigl wahrgenommen hatte. Es ist das kleine Wörtchen »unnatürlich«, das zum Schlüsselbegriff eines Dramas geworden war, an dessen Ende die krisengebeutelten Schalker einen 4:2-Sieg wie einen großen Titelgewinn feierten. Im Zentrum der Nachbetrachtung eines völlig aus den Fugen geratenen Fußballspiels stand jedoch das Tor zum 1:1.

Die Handspielregel ist seit vielen Monaten Gegenstand kontroverser Debatten, aber selten war so klar erkennbar, wo das Problem liegt. Der Dortmunder Sportdirektor Michael Zorc hatte nämlich keinesfalls irgendwelche Manöver gesehen, auf die der Begriff »unnatürlich« passen würde, vielmehr sei Weigls Armhaltung Resultat »einer ganz normalen Bewegung« gewesen. In der Dynamik eines Zweikampfes bleiben die Arme eben fast nie am Körper kleben, die Schiedsrichter schenken dieser Tatsache in den Augen vieler Leute aus der Praxis viel zu wenig Beachtung. »Das ist der größte Skandal seit Jahren«, zürnte Lucien Favre, der immer wieder in Rage gerät, wenn es um den fragwürdigen Umgang der Schiedsrichter mit dieser Art von Handsituationen geht. »Ich denke, sie haben überhaupt keine Ahnung vom Fußball, keine Ahnung von Fußball«, schimpfte der BVB-Trainer, der bekanntermaßen ein feines Gespür für kleinste Bewegungsdetails auf dem Platz hat.

Nicht einmal der TV-Experte Markus Merk mochte Zwayer in seiner Argumentation folgen, dessen Vorstellung von natürlichen Fußballerbewegungen dem Anschein nach recht eigenwillig ist. In jedem Fall traf Schalkes Daniel Caligiuri vom Elfmeterpunkt zum 1:1 (18.), woraufhin Borussia Dortmund keine konstruktive Haltung mehr zu diesem Spiel fand. Revierderbys sind ja immer wieder gespeist von Energien, die den meisten Bundesligapartien fehlen, von einer Wucht, die vom Publikum ausgeht. Die Dortmunder mögen die zweifelsfrei bessere Fußballmannschaft mit deutlich überlegenen Einzelspielern sein, wie sich am wunderschönen 1:0 durch Mario Götze erkennen ließ (14.). Aber Schalke 04 kam an diesem Tag einfach besser mit den emotionalen Extremen klar. »Wir haben uns selbst aus dem Tritt gebracht«, sagte Zorc, weil die Dortmunder weder in der Lage waren, sich in konstruktiver Art und Weise auf das Schalker Kampfspiel einzulassen noch ihre eigene spielerische Überlegenheit zur Geltung zu bringen.

Wieder einmal verteidigten sie viel zu zaghaft bei Standardsituationen, Salif Sané köpfte nach einer Ecke das 2:1 für Schalke (28.), und als Marco Reus dann in seiner Rolle als Kapitän in einem Zweikampf ein Zeichen der Entschlossenheit setzen wollte, um aufzurütteln und mitzureißen, traf er Suat Serdar so massiv am Fuß, dass er mit einer Roten Karte vom Platz flog (60.). »Ich treffe ihn an der Achillessehne, das ist eine Rote Karte«, räumte Reus offen ein, er wird der Mannschaft in den nächsten Wochen genauso fehlen wie Marius Wolf, der fünf Minuten später nach einem bösartigen Frustfoul ebenfalls Rot sah. Caligiuri traf zwischendurch per Freistoß zum 3:1 (62.), bevor Axel Witsel (84.) und Breel Embolo (86.) das Fußballabenteuer noch mit zwei Toren in der Schlussphase verzierten - ein Spiel, das deutlich zeigte, dass das fußballerische Repertoire des BVB nicht facettenreich genug ist, um die unterschiedlichen Herausforderungen solch einer Fußballsaison zu meistern.

Zorc hatte Mühe, seine Empörung zu verbergen, als er sagte, dass Zwayer neben seinem umstrittenen Umgang mit dem Handspiel auch »diese intensive, vielleicht auch ein bisschen unfaire Art der Schalker« härter hätte bestrafen müssen. Die Gelsenkirchener fanden einfach die bessere Balance im Grenzbereich zwischen körperlicher Hingabe und Foulspiel. Das Topspiel in München war ein anderer Schlüsselmoment, da waren sie überfordert von der bloßen Größe des Ereignisses und in diversen Partien gegen Abstiegskandidaten mangelte es an offensiver Wucht und Konzentrationsfähigkeit in der Defensive. Der Traum vom Gewinn der Meisterschaft ist damit wohl ausgeträumt, »ja, der Titel ist gespielt«, sagte Favre, während für die Schalker erst am Abend sichtbar wurde, wie wichtig diese drei Punkte waren. Nach dem Sieg des VfB Stuttgart brauchen die Gelsenkirchner dringend Punkte.

Die königsblauen Feierlichkeiten wirkten geradezu bizarr vor dem Hintergrund der prekären Lage, aber sie jubelten, als hätten sie einen Titel gewonnen. In der Kabine wurde die Musik aufgedreht, und es gab ein Siegermannschaftsfoto. Die Spieler haben »taktisch genau das umgesetzt, was wir gesagt haben«, freute sich Trainer Huub Stevens, dessen Freude einen krassen Kontrast zum Zorn des Lucien Favre darstellte. Nur in der Elfmeterfrage waren sich beide einig: »Ich finde es schade, dass da ein Handelfmeter gegeben wird«, sagte der Schalker Trainer.

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