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Plauen im grünen Naziqualm

Die Kleinstpartei »Dritter Weg« marschierte mit 550 Teilnehmern martialisch durch die sächsische Kreisstadt / Blockadeversuche von Antifaschisten

  • Von Fabian Hillebrand und Sebastian Bähr
  • Lesedauer: 4 Min.

Der grüne Qualm der Pyrotechnik steigt in die Luft, mehrere Holzstöcke schlagen gleichzeitig auf Trommeln ein. Rund 550 Neonazis haben sich in disziplinierten Reihen aufgestellt. Sie tragen grüne oder beige T-Shirts mit einer aufgedruckten »III«. Über ihren Köpfen wehen große Fahnen, die ebenfalls mit einer »III« beschriftet sind. Hier wird kein Zweifel gelassen: Diese Menschen fühlen sich wie Soldaten, sie tragen Uniformen und sind für den Kampf bereit. Ein martialisches Bild soll inszeniert, politische Gegner eingeschüchtert werden. Die Demonstration der Nazipartei »Der Dritte Weg« ist gestartet.

Dass die aus der Organisation »Freies Netz Süd« entstandene Kleinstpartei gerade am Tag der Arbeit durch Plauen marschieren will, ist kein Zufall. Die Neonazis sehen sich als völkische Antikapitalisten oder eben nationale Sozialisten. Sie geben vor, die Interessen der – weißen – Arbeiter zu vertreten. Plauen ist in Sachsen ihr Hauptaktionsgebiet, hier haben sie ein »Bürgerbüro« und offenbar seit jüngerer Zeit auch Zugriff auf eine zentral gelegene Hausimmobilie. Am Startpunkt der Nazidemo, dem Wartburgplatz, hängen aus vielen Fenstern Transparente mit antirassistischen Sprüchen. Aus den Fenstern eines Hauses aber eben auch grüne Banner mit der obligatorischen »III«. Mehrere Zelte wurden auf dem Platz aufgebaut, die Nazis hatten sich hier am Vormittag gesammelt und eine Art Volksfest gefeiert. Man konnte ihnen beim Tanzen zuschauen.

Die Demonstration des »Dritten Wegs« läuft durch die Innenstadt. Infostände und Kundgebungen, unter anderem vom Runden Tisch, der Markus-Kirchen-Gemeinde und der VVN-BDA sind an den Seiten der Strecke zugegen. Sie zeigen Protest gegen den Aufmarsch der Nazis durch ihre Stadt. Aber es ist eben auch die Stadt des »Dritten Wegs«. Wahrscheinlich nirgendwo ist die Partei so gut organisiert wie in Plauen. Die Stadtverwaltung hat die Gefahr lange ignoriert. Nun können die Rechten sogar in den Stadtrat einziehen. Janina Pfau, LINKEN-Landtagsabgeordnete aus dem Vogtland, rechnet ihnen gute Chancen aus, einige Sitze zu gewinnen. »Die Lücke, die der Niedergang der NPD verursacht hat, wird durch den 'Dritten Weg' wieder gefüllt«, sagt die Politikerin.

Doch auch ohne Stadtrat sind die Nazis vom »Dritten Weg« in Plauen gut aufgestellt. Das erkennt man etwa an den Passanten, die der Demonstration zuwinken, teils mit grünen Fähnchen. Andere klatschen bei den Reden – oder zeigen den Hitlergruß. Und das, obwohl die rechten Kader keineswegs hinterm Berg halten mit ihrer Hetze: »Die Politiker werden sich bald die Zeiten zurückwünschen, wo sie die Gitter nur auf unseren Wahlplakaten gesehen haben«, prophezeit Julian Bender, selbsternannter »Gebietsleiter West«, auf der Zwischenkundgebung. »Die Gegendemonstranten haben heute nichts erreicht, als sich als Volksfeinde markiert zu haben«, krakelt er weiter.

Anders als bei vorherigen Demonstrationen bleibt es aber trotz verbaler Ausfälle dieses Mal bis zum Ende relativ ruhig. Die Anhänger des »Dritten Wegs« demonstrieren Geschlossenheit und wollen sich offenbar nicht als Prügelnazis inszenieren. Als solche sind sie in Plauen vielen noch in Erinnerung. 2016 marodierten die Nazis durch die Innenstadt, es gab verletzte Journalisten und Gegendemonstranten, die Polizei musste Wasserwerfer einsetzen. Diesmal gab es nur im Vorfeld Ausschreitungen – eine Gruppe von etwa 15 Nazis griff mehrere aus Leipzig anreisende linke Aktivisten an einem Bahnsteig an. Die Linken gingen aber als Sieger aus der Auseinandersetzung hervor, scheuchten die Rechten über den Bahnsteig. Polizei war keine vor Ort.

Während der Nazi-Demonstration lässt derweil eine Kirche ihre Glocken läuten, aus geöffneten Fenstern dröhnen Lieder von Herbert Grönemeyer, antirassistische Flyer liegen auf den Straßen herum. Ungefähr auf der Hälfte der Demoroute gelingt es rund 50 Antifaschisten, eine Sitzblockade zu bilden. Die Situation ist kurz angespannt, die Polizei lässt ihre Reiterstaffel anrücken. Die Nazis kommen für einen Moment nicht weiter. Die Beamten umstellen dann jedoch einfach die Blockade und lassen die Demo des »Dritten Wegs« knapp auf der anderen Straßenseite daran vorbeilaufen. Dadurch können die Rechten ohne weitere Probleme wieder zu ihrem Ausgangspunkt gelangen.

Wie ist der Protesttag zu bewerten?

Es waren rund 300 Nazis weniger nach Plauen gekommen als noch bei der Demonstration 2016. Offenbar war es nicht gelungen, extrem Rechte aus dem Ausland in die Stadt zu mobilisieren. Politiker kritisierten die Behörden und die Polizei jedoch für ein zu laxes Vorgehen gegen den »Dritten Weg«. »Es ist unverständlich, dass Pyrotechnik und uniformes Auftreten bei den Nazis zugelassen wurde«, erklärte der sächsische Grünen-Politiker Jürgen Kasek.

Janina Pfau nahm die Landesregierung und Verwaltungsbehörden in die Verantwortung. »Der 'Dritte Weg' hat hier ein großes Mobilisierungspotenzial«, so die LINKEN-Politikerin. »In Sachsen muss endlich etwas getan werden, damit sich die Nazis hier nicht festsetzen.« Dass der »Dritte Weg« wieder durch Plauen laufen konnte, sei »sehr traurig« gewesen.

Die sächsische LINKEN-Landtagsabgeordnete Juliane Nagel sah in den antifaschistischen Gegenprotesten derweil ein »gutes, kraftvolles Zeichen«. Sie sei »stolz« auf Sitzblockadeversuche gewesen. Nur: »Ich fand es krass, dass die Polizei die als gewaltbereit bekannte Nazipartei an dieser Sitzblockade vorbeigeleitet hatte«, fügte Nagel hinzu. Sie wünsche nun von den Plauenern, dass sie die den »Dritten Weg« auch im Alltag zurückdrängen werden.

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