Kampftag der Arbeitslosen

Zwanglos zum Gebet

Der Kampftag der Arbeitslosen am 2. Mai wendet sich gegen Arbeit als Religion. Von Claudia Krieg

Von Claudia Krieg

Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen.« Vom biblischen Paulus-Zitat hatten schon einige etwas: Vor über 200 Jahren die Barrikadenkämpfer der französischen Revolution ihren Schlachtruf, vor knapp 90 Jahren die Kommunistische Partei Deutschlands einen Punkt in ihrer Programmerklärung, Vernichtungsideologen des 20. Jahrhundert Stoff für ihre Propaganda und nicht zuletzt die SPD in Person von Franz Müntefering eine Erklärung für diejenigen, die den Sinn der Hartz-IV-Gesetze noch nicht verstanden hatten.

Kurz vor deren Einführung im Jahr 2005 fand sich am 2. Mai 2004 in Berlin eine kleine Gruppe zusammen, die den vorhergegangenen Tag der Arbeit für sich nicht als Kampf- und Feiertag in Anspruch nehmen wollte. Zu diesem Zeitpunkt hatte offiziell fast ein Fünftel der Berliner*innen keine Arbeit. Bei einer Kundgebung reklamierten die Initiatoren aus dem Umfeld der seit 1997 bestehenden Berliner Lesebühne »Surfpoeten« aber nicht »Arbeit für alle«, sondern forderten, den Zwang zur Lohnarbeit abzuschaffen. An dieser Forderung hat sich bis heute nichts geändert. Geändert hat sich in den Augen von Sprecher Jürgen Witte allerdings, dass heute ein Großteil derer, die noch vor 15 Jahren ohne Job waren, nun »furchtbare Jobs« ertragen.

»In den ersten Jahren demonstrierten wir vor dem Hintergrund, dass viele Menschen genervt waren von den Auflagen und Vorgaben der Hartz-IV-Gesetze, mit denen sie sich nun ständig herumschlagen, von den dusseligen Kurse und Maßnahmen, die sie über sich ergehen lassen mussten.« Viel zu wenigen vergönnt sei das jetzige Privileg, sich im Zuge der Digitalisierung »kleine Jobs in Internet« erfunden zu haben, mit denen es gelingen kann, einer Arbeit mit - wie Witte es nennt - »Qualität« nachzugehen: »Wenn Menschen Jobs machen, die ihnen Spaß machen, dann machen sie auch gute Arbeit. Wenn sie zum Beispiel aber zwei Jahre in einem der größten Elektronikkonzerne an einer Maschine tüfteln, deren Weiterentwicklung dann plötzlich unter der Maßgabe, dass sie sich nicht rechne, in die Produktion der Billiglohnstandorte ausgelagert wird, was dann? Dann haben wir sinnlose Arbeit für sinnlose Produkte. Das Ganze nennt sich dann qualifizierter Fortschritt.«

Auf der Kastanienallee, durch die die »Arbeitslosen«-Demonstration am 2. Mai 2019 auf ihrer traditionellen Route vom Senefelderplatz Richtung Schönhauser Allee zieht, ist die Antwort auf die Frage, was denn »gute Arbeit« sei, nicht leicht zu finden. 300 Teilnehmer*innen sind im Vergleich mit den Demonstrationen zum 1. Mai nicht viele, sie sind aber laut. Emma, die einen Kinderwagen schiebt, meint, sie habe zu viel unbezahlte Arbeit zu erledigen, ihre Begleiterin spricht von »24/7-Sorgearbeit«, also einer, die sie rund um die Uhr in Anspruch nimmt. »Nicht anerkannte Arbeit«, sagt sie. »Auch eine Demo zu organisieren ist Arbeit«, ergänzt Emma. Die beiden Frauen wirken nachdenklich im Vergleich zu den meist eher flapsigen Redebeiträgen und den Parolen vieler Teilnehmer*innen um sie herum. »Kein Schweiß für Geld«, »Freizeit statt Vollzeit«, »Arbeit ist heilbar« ist auf Schildern zu lesen, eine ganze Fraktion junger Punks in Jogginghosen feiert den Vokuhila-Haarschnitt als eine Art Symbol der Neuauflage des »Rechts auf Faulheit«. Die meisten Demonstrant*innen hier sind 20 bis 30 Jahre älter als die Menschen, die am Vorabend nicht weit von hier, in Friedrichshain, auf der Straße zu sehen waren.

Falko Hennig, Schriftsteller und Mitglied der Berliner Reformbühne Heim und Welt, findet: »Es gibt Menschen, die gern arbeiten, es gibt aber auch die, die eher dem Müßiggang zuneigen. Ohne den Müßiggang gäbe es keine Literatur, keine Musik, keine Kunst. Auch keine Innenarchitektur.« Sein Kollege Jakob Hein möchte »Musik, Freude und Geld für alle«, fordert das bedingungslose Grundeinkommen und die »Überwindung der Spaltung von arbeitenden und arbeitslosen Menschen und der Einteilung in arbeitswillige und arbeitsscheue« - wer den Duktus der Nationalsozialisten kennt, weiß, worauf Hein anspielt. Hein sagt auch: »In Berliner Krankenhäusern werden kranke Menschen von Menschen behandelt, die ihre Arbeit dort krank macht.« Kann man die untragbare Personalsituation in den meisten Kliniken besser zusammenfassen?

Viele der kurzen und unterhaltsam vorgetragenen Reden können es an politischem Inhalt mit den oft verkrampft wirkenden Ansprachen weniger satirisch angelegter sozialpolitischer Demonstrationen aufnehmen, noch dazu wird hier für Berliner Verhältnisse ein sehr undogmatisches Demonstrationsformat geboten. Warum kommen dann nicht mehr Menschen? Witte, vollbärtig und mittelgroß, ehemaliger Häuserkämpfer, der von sich sagt, er sei »über 60« und damit zu alt für »dramatische Demos«, glaubt: »Die meisten Menschen fühlen sich von uns verhöhnt. Das ist schade. Darum geht es uns nicht. Wir wollen nur nicht, dass Arbeit zur Religion oder zum Fetisch erhoben wird.« Darauf nimmt auch das »Gebet gegen die Arbeit« des 2007 verstorbenen Künstlers Michael Stein Bezug, das bei jeder 2.-Mai-Demo gesprochen wird. Arbeitslosigkeit müsse in der Gesellschaft als selbstverständlich gelten und jedem Menschen eigentlich ein Bedürfnis sein, war Steins Auffassung. So hieße es dann nicht nur »Geld, Freude und Musik für alle«, sondern eben auch »Essen für alle, egal ob sie arbeiten oder nicht«. Oder mehr noch, wie auf einem Schild zu lesen war: »Alles für alle, statt jeder gegen jeden.« Das Wort Kapitalismus muss dann gar nicht mehr fallen.