Japan

Der Thron und die Hausarbeit

In Japan ist ein Mann neuer Kaiser geworden - ganz im Sinne einer preußischen Tradition.

Von Felix Lill

Harmonisch sah es aus, wie Akihito und seine Gattin Michiko da auf dem Podest in Tokio standen. Vor und unter ihnen wechselten sich untergebene Amtsträger ab, überreichten Schriftrollen, verbeugten sich. Irgendwann dann trat das alte Kaiserpaar ab und verließ den Raum, gefolgt vom monarchischen Tross, quittiert mit Verbeugungen des gewählten Publikums. Und bald schon bestieg mit ähnlicher Bedächtigkeit ein neuer Mann den Thron, Akihitos 59-jähriger Sohn Naruhito.

Wohlbemerkt: der Sohn. Japans Chrysanthementhron, die älteste ununterbrochene Monarchie der Welt, ist Frauen verschlossen. Tokios Thronfolger dürfen nur Männer sein. So war der mit Ende April wegen gesundheitlicher Beschwerden 85-jährig abgetretene Akihito selbst erst das fünfte Kind des vorigen Kaisers, dafür der älteste Sohn. Und der neue Kaiser Naruhito ist zwar der erste Spross von Akihito und Michiko. Er selbst hat eine Tochter, weshalb eines Tages dessen aktuell zwölfjähriger Neffe Hisahito den Thron besteigen soll. So ist Japans Monarchie nicht nur die altehrwürdigste, sondern auch die wohl konservativste der Welt.

Mit dem Ende der Feierlichkeiten entfacht hierüber einmal mehr eine Debatte im Land. Die Rolle des Kaisers, der mit der Nachkriegsverfassung von 1947 politisch entmachtet wurde, wird offiziell als »Symbol des Staates und der Einheit des Volkes« beschrieben. In der Praxis bedeutet das alle möglichen repräsentativen Tätigkeiten: von Besuchen bei Schreinen, die Ahnen verehren, über das Abhalten von Zeremonien bis zu Auslandsreisen. Nur fragen sich viele Menschen heutzutage: Sollte so ein Posten nicht auch einer Frau offenstehen?

Es ist eine Angelegenheit, die die Gesellschaft aus mehreren Gründen beschäftigt. Einerseits stellt sich die Frage der Gleichstellung, sofern man bei monarchischen Ämtern überhaupt davon sprechen kann. Kaum ein Industrieland ist strenger bei seinen Geschlechterrollen als Japan. Im Gender Gap Report des World Economic Forum, der Gleichbehandlung in Wirtschaft, Politik, Bildung und Gesundheit vergleicht, landet Japan von 149 Ländern auf Platz 110, hinter Brunei und Malaysia.

Frauenquote: ein Prozent

Frauen leisten demnach fünfmal so viel unbezahlte Haus- und Pflegearbeit wie Männer und sind entsprechend selten in den Arbeitsmarkt eingegliedert. Nur ein Prozent aller Managementpositionen sind weiblich besetzt, auch weil eine Mutterschaft fast immer das Karriereende bedeutet. So hat Premierminister Shinzo Abe die Frauen schon als die am stärksten ungenutzte Ressource der Volkswirtschaft beschrieben. Wenn die Person auf dem Thron ein Symbol der Einheit des Volkes sein soll, so steht die Beschränkung auf Männlichkeit derzeit auch für eine gewisse Rückständigkeit.

Seit geraumer Zeit leidet das Kaiserhaus unter einem derartigen Mangel an männlichem Nachwuchs, dass manche dessen Aussterben fürchten. Von den derzeit 18 Mitgliedern der Kaiserfamilie sind nur fünf männlich. Eine Regeländerung würde das Problem lösen. Derzeit dürfen nämlich nicht bloß nur Männer auf den Thron, sondern auch nur die männlichen Nachfolger der männlichen Linie. Hinzu kommt, dass Frauen, die einen bürgerlichen Partner heiraten, den Hof verlassen müssen, wodurch die Kaiserfamilie weiter schrumpft. Würden diese Beschränkungen auch nur teilweise gelockert, stünde es um den Nachwuchsmangel schon ein bisschen besser.

Doch die Politik tut sich in der Sache schwer. Schon im letzten Jahrzehnt berief der damalige Premierminister Junichiro Koizumi ein Gremium ein, das dazu riet, die Thronfolge auch Frauen zu ermöglichen. Die in Japan einflussreiche Konservative, zu der auch der aktuelle Premier Abe gehört, mobilisierte dagegen. Unter den Gegnern solcher Lockerungen ist oft der Verweis auf Tradition zu vernehmen, was im Kontext von Königshäusern zunächst halbwegs plausibel scheint. Schließlich fußt heutzutage die Idee einer Monarchie auf nicht viel mehr als Tradition.

Aber ganz überzeugend ist das Argument doch nicht. In seiner Geschichte hatte Japan unter seinen bis jetzt 126 Kaisern schon mindestens acht, die weiblich waren, die letzte davon war Go-Sakuramachi im späten 18. Jahrhundert. Das Verbot weiblicher Thronfolge wurde erst in einer Zeit eingeführt, als Japan es in der Mitte des 19. Jahrhunderts eilig hatte, sich zu modernisieren. 1853 hatten die USA dem mehr als 250 Jahre abgeschotteten Land mit Krieg gedroht, wenn es nicht seine Häfen für Handel öffnen würde. Beeindruckt von den Kanonenschiffen, die vor der Küste warteten, stimmte Japans Kaiser zu.

Zugleich schickte er Gelehrte in die weite Welt, damit diese von dort mit reichen Inspirationen nach Japan zurückkehrten. Einer von ihnen, der hohe Bürokrat Hirobumi Ito, der sich über mögliche Rechtsreformen informieren sollte, blieb bei seinen Studien der Monarchien Europas an der nicht allzu freizügigen Verfassung Preußens von 1850 hängen. So holte man bald den Rostocker Juristen Hermann Roesler nach Tokio, damit dieser mit den Japanern eine neue Verfassung schrieb. Unter anderem weil der Kaiser künftig den Oberbefehl über die Streitkräfte erhielt, war man der Meinung, dass dann nur noch Männer den Thron besteigen sollten.

Während sich in Preußen die letzte Thronfolge im Jahr 1888 ereignete, ehe die Monarchie 1918 mit Ende des Ersten Weltkriegs verschwand, hat das einst als modern gelobte Gesetz in Japan die Zeit bis heute überdauert. Zwar ist es kontrovers. Laut einer Umfrage der Tageszeitung »Mainich Shimbun« von 2017 sind mehr als zwei Drittel der Japaner dafür, dass auch Frauen wieder Kaiser werden dürfen. Und sowohl der abgetretene Akihito als auch der nun eingeweihte Naruhito gelten als Befürworter einer solchen Gesetzesänderung. Aber weder das Volk noch der Kaiser können Gesetze ändern. Und die derzeitige Regierung hat eine Änderung nicht im Sinn.

Felix Lill hat Volkswirtschaftslehre in Wien, Philosophie in London und Politik in Berlin und Tokio studiert. Nach einer Journalistenausbildung in London schreibt er seit 2012 als freier Journalist insbesondere über Japan und Ostasien.