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  • Internationaler Hebammentag

Es brennt in der Geburtshilfe

Der Deutsche Hebammenverband warnt vor der Unterversorgung von Schwangeren

  • Von Lotte Laloire
  • Lesedauer: 5 Min.

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Ein Wohnhaus brennt, mehrere Löschfahrzeuge sind vor Ort. Plötzlich lassen einige Feuerwehrleute die Wasserschläuche fallen. Und fahren zu anderen Einsätzen. Das Haus brennt weiter. Kurz darauf wird die örtliche Feuerwache geschlossen. Wäre dies Wirklichkeit, würden Tausende Menschen auf die Straße ziehen und für mehr Feuerwehrleute demonstrieren. Die Politik stünde enorm unter Druck.

Anders ist das in der Geburtshilfe. Hebammen rennen von einem Einsatz zum nächsten, betreuen oft mehrere Frauen gleichzeitig. Über Jahre hinweg wurden Kreißsäle geschlossen - rund 40 Prozent zwischen 1991 und 2010, also mehr als ein Kreißsaal pro Monat. Grund waren nicht nur sinkende Geburtenraten, sondern auch Sparmaßnahmen. Etwa von 2012 bis 2016 stieg die Geburtenziffer. Heute sind Hebammen überarbeitet, Frauen und ihre Neugeborenen sind häufig unterversorgt.

In Kliniken, wo nach wie vor 98 Prozent aller Babys zur Welt kommen, sind derzeit insgesamt 9.500 angestellte Hebammen tätig, wie der Deutsche Hebammenverband (DHV) mitteilt. Zusätzlich 1.800 Beleghebammen arbeiteten freiberuflich im Schichtsystem. »Das entlastet vor allem die Arbeitgeber, weil die Hebammen dann als eigene Unternehmerinnen die Kreißsaalorganisation vorhalten und eigenständig mit den Krankenkassen abrechnen. Sie haben aber keine Arbeitnehmerinnenrechte, und die Klinik spart die Personalkosten ein«, bemängelt DHV-Sprecher Robert Manu gegenüber »nd«.

Lesen Sie hier das Interview mit der Hebamme Lene Hoffmann: »Mütter müssten auf die Straße gehen«

Hebammenverband fordert Geburtshilfe-Stärkungsgesetz

Anlässlich des Internationalen Hebammentags am 5. Mai warnt der DHV vor einer weiteren Verschlechterung. »Die Situation im Kreißsaal ist mittlerweile so dramatisch, dass einzelne Maßnahmen nicht helfen werden. Wir brauchen ein Geburtshilfe-Stärkungsgesetz«, so DHV-Präsidentin Ulrike Geppert-Orthofer.

Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass ärztliche Eingriffe deutlich seltener nötig sind, wenn eine Hebamme sich auf eine Schwangere konzentrieren kann. Dies zeigte zum Beispiel eine Studie von 2013, die 16 Staaten miteinander verglichen hat. Die erste von fünf Forderungen des DHV lautet deshalb: ein »Eins-zu-eins-Betreuungsschlüssel«, also mehr Personal in der Geburtshilfe. Das hatte bereits der Runde Tisch »Geburtshilfe« von der Landesregierung Nordrhein-Westfalen in seinem Abschlussbericht von 2016 empfohlen. In Norwegen ist dieser Schlüssel seit 2010 gesetzlich festgelegt.

Zweitens soll der Betreuungsschlüssel laut DHV transparenter werden, Kliniken sollen gesetzlich zu deren Offenlegung verpflichtet sein. Nur so könnten Schwangere vergleichen und sich für das Krankenhaus mit dem besten Angebot entscheiden.

Entlastend wirken würde auch eine ambulante Notfallversorgung für Schwangere. Derzeit müssten Frauen, die außerhalb der Sprechzeiten ihrer niedergelassenen Gynäkolog*innen Probleme haben, oft direkt in den Kreißsaal - und dort lange warten. Die zusätzliche Belastung der Hebammen und der Ärzt*innen, die dadurch entsteht, ließe sich vermeiden.

Um feste Qualitätsstandards zu erreichen, fordert der DHV viertens mehr Fortbildungen und Notfalltrainings sowie ein anonymes Fehlermeldesystem. Fünftens sollen Hebammen nicht länger für fachfremde Tätigkeiten, wie zum Putzen, eingesetzt werden.

Geburtshilfe im Teufelskreis

Hebammen betreuen in Deutschlands Kliniken inzwischen zwei, drei oder noch mehr Gebärende zur gleichen Zeit, stellte der Wissenschaftliche Dienst des Bundestags von 2017 in einem Gutachten fest, das »nd« vorliegt. Damit liegt Deutschland weit hinter Ländern wie England, Frankreich, Norwegen, der Schweiz und der Türkei. »Das ist ein Teufelskreis«, erklärt Susanne Steppat, Präsidiumsmitglied des DHV, gegenüber »nd«. Nach jahrelangen Sparmaßnahmen und Stellenkürzungen seien die wenigen Hebammen, die es noch gebe, derart überlastet, dass immer mehr den »Exodus aus dem Beruf« wählen, so Steppat.

Für die Hebammen, die in ihrem Beruf tätig bleiben, nähmen Stress und Belastung immer weiter zu. Der Wissenschaftliche Dienst des Bundestages bestätigt: Fast jedes zweite Krankenhaus hatte 2016 Schwierigkeiten, offene Stellen zu besetzen. Zudem seien nur noch 30 Prozent der Klinik-Hebammen in Vollzeit, informiert der Berufsverband. »Wir vermuten, dass das mit der hohen Arbeitsbelastung zusammenhängt«, sagte Andrea Ramsell, ebenfalls Vorstandsmitglied des DHV.

Die Teilzeitquote habe sich in den vergangenen 15 Jahren verdreifacht. Klinik-Hebammen betreuten häufig mehrere Geburten gleichzeitig, kritisierte Ramsell: »Wir können uns aber nicht vierteilen.« Hebammen ziehen hier selbst den Vergleich zur Feuerwehr. Sie sagten bei einer Konferenz des DHV im Gespräch mit »nd«, sie wünschten sich personell ähnlich gut besetzte Bereitschaftsschichten. Denn auch wenn es gerade nirgends brennt, hätten sie mit Organisatorischem, Teambuilding und Fortbildung genug zu tun – so wie Feuerwehrleute diese Phasen für Training und Gerätewartung nutzen.

»Hebammen verteidigen Frauenrechte«

Das Motto des Hebammentags, den es seit 1992 gibt, kommt vom internationalen Dachverband. Dieses Jahr lautet er: »Hebammen verteidigen Frauenrechte«. Der Slogan wendet sich somit gegen frauenfeindliche politische Kräfte, die weltweit an Bedeutung gewinnen. Während Konservative und Faschisten viel Nachwuchs für ihre Nation wollen, versuchen sie, die Rechte von Frauen und Arbeiter*innen einzuschränken und zurück zu drängen.

DHV-Sprecher Robert Manu macht klar: »Unsere Anliegen sind kein Selbstzweck.« Dem DHV geht es nicht nur um die Hebammen und ihren Berufsstand. »Jede Frau hat das Recht auf eine würdige Geburtsbegleitung und eine würdige Betreuung in Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett«, fasst der Sprecher das zusammen, was in Paragraf 24f des Fünften Sozialgesetzbuchs steht: »Die Versicherte hat Anspruch auf ambulante oder stationäre Entbindung. Die Versicherte kann ambulant in einem Krankenhaus, in einer von einer Hebamme oder einem Entbindungspfleger geleiteten Einrichtung, in einer ärztlich geleiteten Einrichtung, in einer Hebammenpraxis oder im Rahmen einer Hausgeburt entbinden.«

Verbesserte Arbeitsbedingungen in Kreißsälen sind Voraussetzung dafür, dass Frauen diese Wahlfreiheit nicht nur auf dem Papier haben. Das Bundesgesundheitsministerium widerspricht dem nicht. Im Januar hatte es Sofortmaßnahmen zur Stärkung der Geburtshilfe angekündigt. Der DHV stellt sich allerdings ein umfassendes Geburtshilfe-Stärkungsgesetz vor, das klare Personalschlüssel garantiert.

Warum es das nicht längst gibt? Robert Manu meint, die Politik habe das »Frauenthema und den Frauenberuf Hebamme« seit Jahren ignoriert, trotz Unterstützung aus der Bevölkerung. Wann sich wirklich etwas tut, hinge letztlich davon ab, wie viel öffentlicher Druck aufgebaut werden kann, so Manu. Dass es diesen Druck braucht, ist keine Frage. Andernfalls wird die Unterversorgung in der Geburtshilfe bald zum Flächenbrand.

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