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Geier überm Betzeberg

Christoph Ruf über Regeln, die nicht nur in der Pfalz gefährdet sind

  • Von Christoph Ruf
  • Lesedauer: 4 Min.

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Als die einschlägigen Regisseure das Genre noch nicht ironisch brachen und Quentin Tarantino noch nicht geboren war, inszenierte sich ein ordentlich morbider Western eigentlich von selbst. Eine Kulissenstadt aus Pappe und Holz, eine staubige Straße, klappernde Pferdehufen und ein Geier, der von einem dürren Baum herunterblickt.

Geier sind in der Westpfalz eher selten anzutreffen, wobei wir auf dieses Thema noch zurückkommen werden. Beim 1. FC Kaiserslautern sind es jedenfalls ordinäre Tauben, die die Szenerien des Zerfalls am besten symbolisieren. Taubenkot, der sich wie Mehltau auf den Beton des massigen Fritz-Walter-Stadions legt, Taubenfedern und zuweilen auch - leichen, die auf den Treppen der Haupttribüne verrotten.

Am Samstag boten die Überreste des Federviehs allerdings nicht den morbidesten Anblick. Denn selbst dort, wo die treuesten FCK-Fans stehen und noch zu Saisonbeginn kein Durchkommen war, klafften riesige Lücken. Die Gänge im Umlauf waren fast menschenleer, viele Servicestände blieben geschlossen, in den Umlandzügen, die im Normalfall so voll sind, dass nur die Schnellsten hereinkommen, ließ sich eine Stunde nach Abpfiff bequem ein Sitzplatz finden.

Die sportliche Talfahrt, der drohende Lizenzentzug und die Diskussionen um den Einstieg eines Investors, der sich jetzt schon massiv ins operative Geschäft des Vereins einmischt, vergraulen die treuen Anhänger. Abzüglich der Dauerkarteninhaber, die nicht kamen, waren es vielleicht 12.000, die sich im 49 850-Mann-Stadion verloren. »Das Lied vom Tod«, wurde in Lautern nicht gespielt. Aber das Betze-Lied klang vor dieser Kulisse ähnlich morbide. Und tatsächlich ist beim FCK, der von 1963 bis 1996 durchgehend in der Bundesliga war und 2012 letztmals aus der ersten Liga abstieg, ein Tiefpunkt erreicht. Sportlich sowieso, erst am Samstag sicherte man sich den Klassenerhalt in der Dritten Liga. Doch es geht um Größeres. Denn der Verein hat in den letzten Jahren ein derartiges Missmanagement betrieben, dass er jetzt vor der Alternative steht, sich auf Gedeih und Verderb einem externen Geschäftsmann auszuliefern oder sofort unterzugehen.

Stand jetzt würde der Verein mit über 17 000 Mitgliedern und dem nach wie vor besten Zuschauerschnitt der Dritten Liga keine Lizenz mehr für die kommende Spielzeit bekommen. Er hat also die Wahl zwischen Pest und Cholera: Flavio Becca, ein Luxemburger Geschäftsmann, wird in den Publikationen des FCK als »Investor« gepriesen, der den Verein wieder in eine »glorreiche Zukunft« (Geschäftsführer Martin Bader) führen soll. De facto hat der Heilsbringer bislang einen weiteren Kredit über 2,6 Millionen Euro zugesagt. Dem Verein wird also nichts geschenkt, sondern er bindet sich an einen weiteren Kreditgeber. In den fünf darauffolgenden Jahren will Becca angeblich in großem Stil investieren. Aber auch das nur, wenn der Verein nach seiner Pfeife tanzt. Schon jetzt knüpft der Mann sein Engagement an die Weiterbeschäftigung von Martin Bader. Dessen Bilanz ist allerdings nur so halb-brilliant: Mit dem mutmaßlich höchsten Etat der Dritten Liga und dem Ziel des sofortigen Wiederaufstiegs war der FCK noch vier Spieltage vor Schluss abstiegsgefährdet. Es gab also Gründe für den Beirat des Vereins (über dessen fußballerische Kompetenz allerdings auch Zweifel erlaubt sind), Bader unter der Woche mehrheitlich das Vertrauen zu entziehen.

Becca fordert nun allerdings nicht nur Bader als längerfristigen Verhandlungspartner, sondern auch den Rückzug des Bader-Gegenspielers und Beirats-Mitglieds Michael Littig. »Er gibt dem Verein, wieder eine Perspektive. Wir müssten ihm sehr dankbar sein«, freut sich Bader, der jetzt jedenfalls selbst wieder eine Perspektive hat und weiß, wes Brot er künftig essen wird. Wobei es sich in diesem Fall wohl eher um Kuchen handelt.

Es wird spannend sein zu beobachten, wie der DFB in Frankfurt auf die jüngsten Entwicklungen in Lautern reagiert. Dass Geldgeber die Vereinspolitik steuern, verbietet bekanntlich die »50+1-Regel« im deutschen Profifußball, die den Klubs das letzte Wort über ihre strategischen Entscheidungen sichern soll. Wenn sich die Verbände auch 2019 so blind, taub und schwerhörig anstellen wie sie es vor zehn Jahren bei der Red-Bull-Tochter aus Leipzig waren, können sie ihre eigenen Regeln endgültig entsorgen. Die Heuschrecken und ihre Lakaien freuen sich schon darauf.

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