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Virtuose Fußballkunst

Leverkusen schenkt Frankfurt sechs Tore ein und ärgert sich über eine verpasste Chance

  • Von Daniel Theweleit
  • Lesedauer: 3 Min.

Kurz verschwand das Lächeln aus dem Gesicht von Peter Bosz, dessen Team gerade einen uralten Bundesligarekord eingestellt hatte. Sechs Tore in der ersten Halbzeit waren zuletzt Borussia Mönchengladbach 1978 beim legendären 12:0 gegen Borussia Dortmund gelungen, das bis heute als höchster Sieg der Bundesliga-Historie in den Annalen steht. Der Trainer von Bayer Leverkusen war natürlich hocherfreut über die Torflut und den zauberhaften Tempofußball seiner Mannschaft. Aber: »Mit zwei, drei Treffern mehr, wäre es perfekt gewesen.«

Denn der Werksklub hatte am Sonntagabend zwar spektakulär mit 6:1 gegen Eintracht Frankfurt, den Hauptkonkurrenten um die Teilnahme an der Champions League, gewonnen, zugleich jedoch in der torlosen zweiten Halbzeit auch eine wunderbare Chance verpasst. Die Frankfurter stehen immer noch auf Platz vier, der zur Teilnahme an der Königsklasse berechtigt - aufgrund eines um fünf Treffer besseren Torverhältnisses. »Klar, wir hätten noch zwei, drei machen können, das Torverhältnis kann entscheidend werden«, sagte auch Torhüter Lukas Hradecky.

Es ist natürlich nicht ganz fair, Bayer Leverkusen nach so einem hinreißend schönen Fußballrausch zu kritisieren. Zumal das Team mit zuletzt vier Siegen am Stück nun doch wieder gute Aussichten auf die Anfang April fast schon verspielte Teilnahme an der Champions League hat, die nicht nur sportlich enorm wichtig wäre: Stars wie der wieder einmal überragende Kai Havertz oder der heftig von Borussia Dortmund umworbene Julian Brandt hätten einen guten Grund mehr zu bleiben. Und der Wechsel von Hoffenheims Kerem Demirbay für festgeschriebene 28 Millionen Euro an den Rhein, der angeblich schon feststeht, wäre ebenfalls schlüssiger.

Aber nicht zuletzt war dieses Spiel ein Kunstwerk für sich. Eine Halbzeit lang spielte Bayer Leverkusen gegen den Halbfinalisten der Europa League Fußball wie aus einer anderen Welt. Rasend schnelle Ballstafetten ließen die Frankfurter aussehen wie Kreisligaspieler. Havertz, Charles Aranguiz, Lars Bender als eine Art Außenstürmer, Kevin Volland und Julian Brandt wirkten wie entfesselt. »Was in der ersten Halbzeit passiert ist, das habe ich in meinem Leben so noch nicht erlebt, das war schon sehr besonders«, sagte Brandt über 45 Minuten virtuose Fußballkunst. Natürlich trug auch die Müdigkeit der Frankfurter nach dem hochintensiven Halbfinalspiel in der Europa League gegen Chelsea einiges zu diesem Spielverlauf bei, aber die Extremsportler aus Leverkusen erleben gerade einen zuckersüßen Frühlingsrausch.

Die Gefahr, am Ende einen Kater zu erleben, ist jedoch allgegenwärtig. »Das ist eine Achterbahn«, sagte Hradecky, bei uns ist »alles schwarz oder weiß«, Grautöne gibt es nicht. Seit Peter Bosz die Mannschaft in der Winterpause übernommen hat, spielte Bayer in der Bundesliga kein einziges Mal unentschieden. Eine sehr gute Phase zu Beginn ging zwischen dem 26. und dem 28. Spieltag mit drei Niederlagen am Stück und elf Gegentreffern zu Ende. Skeptiker erinnerten bereits an den spektakulären Absturz des holländischen Trainers bei Borussia Dortmund. Doch in Leverkusen hat er die Kurve gekriegt und dem kleinen Leistungsloch vier Siege folgen lassen. Mit zwei weiteren Erfolgen gegen Schalke und bei Hertha BSC wollen sie sich nun den großen Traum von der Champions League erfüllen, Eintracht Frankfurt muss schließlich am letzten Spieltag beim FC Bayer antreten. »Es ist momentan eine gute Situation für uns, sie war diese Saison nie besser«, sagte Brandt.

Allerdings zeigten die Leverkusener in der zweiten Halbzeit eben doch auch Symptome, die den alten Vorwurf vom fehlenden Erfolgshunger bei Bayer in Erinnerung riefen. Eintracht Frankfurt taumelte 45 Minuten lang wie ein Boxer kurz vor der Ohnmacht, doch Leverkusen nutzte die attraktive Option nicht zur Aufbesserung des Torverhältnisses. Das könnte am Ende den Ausschlag geben. Schon im Vorjahr haben die Leverkusener die Champions League nur verpasst, weil sie ein paar Tore zu wenig geschossen hatten.

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