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Hinter der Fassade

Das Filmdrama »Nur eine Frau« schildert das Emanzipationsstreben Hatun Aynur Sürücüs

  • Von Jörn Schulz
  • Lesedauer: 4 Min.

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Eine Tote aus dem Off ihre Lebensgeschichte kommentieren zu lassen, ist ein gewagtes Stilmittel. Aber hier wirkt es beinahe erschreckend gut. Man schluckt gleich in den ersten Minuten, wenn Amila Bagriacik als Hatun Aynur Sürücü sagt: »Stimmt, ich bin tot. Habe ich mir auch anders vorgestellt, aber eine Sache ist gut daran: Ihr sitzt vor mir und hört zu.« Das haben in ihrem Leben zu wenige Menschen getan.

Hatun Aynur Sürücü wurde am 7. Februar 2005 erschossen. Es war der erste sogenannte Ehrenmord in Deutschland, der größere mediale Beachtung erfuhr - aber juristisch nur unvollkommen aufgeklärt wurde, weil sich der mutmaßliche Tatbeitrag anderer Familienmitglieder nicht nachweisen ließ. Die filmische Erzählung beruht auf dem Buch »Ehrenmord: Ein deutsches Schicksal« von Matthias Deiß und Jo Goll sowie eigenen Recherchen. »Nur eine Frau« ist so etwas wie ein dokumentarischer Spielfilm - eingeblendete Fotografien erinnern immer wieder daran, dass hier die Realität geschildert wird -, der aber eine radikal subjektive Sichtweise einnimmt: die Aynurs.

Als 15-Jährige muss Aynur (»Alle nennen mich Aynur«, erfährt man zu Beginn), die in Berlin-Kreuzberg in einer sunnitisch-kurdischen, aus der Türkei stammenden Familie aufwächst, die Schule verlassen, um in Istanbul einen von ihrem Vater ausgesuchten Cousin zu heiraten. Sie fügt sich zunächst, doch ihr Ehemann schlägt sie, selbst als sie bereits schwanger ist. Sie flüchtet zu ihrer Familie, die sie zu einem isolierten Leben als Haushaltsgehilfin zwingt. Als die Situation nach der Geburt ihres Sohnes unerträglich wird, verlässt sie die elterliche Wohnung und beginnt einen schwierigen Emanzipationsprozess, immer stärker konfrontiert mit den Drohungen ihrer Brüder, je mehr sie sich von den religiös legitimierten patriarchalen Traditionen entfernt. Sie macht eine Lehre als Elektroinstallateurin, legt das Kopftuch ab, findet einen Freund - bricht aber den Kontakt zu ihrer Familie nie ab. Die Brüder lauschen unterdessen einem islamistischen Prediger. Wenige Tage nach ihrem 23. Geburtstag wird Aynur von ihrem jüngsten Bruder erschossen. Damit endet der Film nicht, Aynur hat auch noch zur Gerichtsverhandlung etwas zu sagen.

Mittels der subjektiven Erzählweise schafft es Regisseurin Sherry Hormann in erstaunlicher Weise, Aynur gewissermaßen wieder lebendig zu machen - was auch dank der Hauptdarstellerin Amila Bagriacik und der Kamera von Judith Kaufmann gelingt, die auf Aynurs Stimmungen und Lebenslagen im Kampf um ihre Selbstbestimmung abgestimmt ist. »Nur eine Frau« porträtiert zudem ein islamisch-partriarchales Milieu, schonungslos, aber ohne zu dämonisieren.

So überreicht Aynurs Mutter Deniya (Meral Perin) ihr bei der Anprobe des Hochzeitskleids heimlich eine Nadel, mit der sie für das nötige Blut sorgen kann, wenn der Mann im Bett nichts zustande bringt. Zugeben würde er das ja niemals, eher stünde die sogenannte Jungfräulichkeit Aynurs in Frage. Die Form muss gewahrt werden, dafür muss die Mutter, die bereits Komplizin des Patriarchats ist, nun auch ihre Tochter gewinnen. In der vielleicht vielsagendsten Szene kommt es zum Eklat, weil Aynur von ihrem Bruder Sinan (Mehmet Atesci) sexuell belästigt wurde. Erstaunlicherweise glaubt ihr Vater Aynur, wirft Sinan sogar kurzfristig aus der Wohnung - sieht aber keinen Anlass, grundsätzliche Schlussfolgerungen aus diesem Vorfall zu ziehen. Hier wird deutlich, wie viel Verlogenheit sich hinter der Fassade ostentativer Wohlanständigkeit verbirgt. Um den Erhalt dieser Fassade, nicht um »Ehre«, geht es beim Kampf gegen Aynurs Emanzipationsstreben, der, auch das wird dem Zuschauer langsam klar, obsessiv länger als ein halbes Jahrzehnt geführt wurde, bevor es zur tödlichen Eskalation kam.

Es ist vorhersehbar, dass »Nur eine Frau« als islamophob und rassistisch bezeichnet werden wird, schon weil die Frauenrechtlerin - und seit einiger Zeit Imanin - Seyran Ates das Filmteam beriet.

Aynur referiert auch die vom Bundeskriminalamt zusammengestellten Gründe für »Ehrenmorde«, die, ebenso wie Zwangsheiraten, weder ursprünglich noch ausschließlich ein islamisches Phänomen sind. Allerdings wird, bestärkt durch politische Entwicklungen in den Herkunftsländern, in einigen reaktionären Milieus im Rahmen des Kampfes für den angeblich wahren Islam patriarchale Gewalt offen gerechtfertigt oder zumindest geduldet - es handelt sich also nicht um ein traditionelles Relikt, sondern um einen Teil einer politischen Offensive; verkörpert im Film durch den Prediger, der die Brüder Aynurs beeinflusst, aber nicht dessen Thema. Eine explizit islamische Heldin gibt es im Übrigen auch. Evin (Lara Aylin Winkler) distanziert sich von ihrer säkularen Mutter, streift das Kopftuch über und freundet sich mit Nuri (Rauand Taleb) an, dem späteren Mörder Aynurs, sagt aber im Prozess gegen die Familie aus und trägt damit maßgeblich dazu bei, dass diese nicht das Sorgerecht für Aynurs Sohn Can erhält. Sie musste danach im Zeugenschutzprogramm leben.

»Nur eine Frau«, Deutschland 2019. Regie: Sherry Hormann. Darsteller: Almila Bagriacik, Rauand Taleb, Aram Arami, Armin Wahedy, Mehmet Atesci, Meral Perin. 97 Min.

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