Geschichtserinnerung auf Buchstaben

Die von den Nazis errichtete Neulandhalle in Schleswig-Holstein ist nun ein Lernort

  • Von Dieter Hanisch, Dieksanderkoog
  • Lesedauer: 3 Min.

Sie war eines der Vorzeigevorhaben im Nationalsozialismus: die Neulandhalle von Dieksanderkoog im damaligen Dithmarscher Adolf-Hitler-Koog. Landgewinnung durch Eindeichungen sollte politisch für die Blut-und-Boden-Propaganda genutzt werden. 1935 wurde die Neulandhalle als zentraler Versammlungsort gebaut. Reichsweit und darüber hinaus wurde für eine Ansiedlung direkt an der Nordsee geworben. Nun ist der Ort einer neuen Bestimmung übergeben worden. Er wird künftig als mahnender Lernort fungieren.

In der Nachkriegszeit wurde das Gebäude zunächst als Jugendherberge und Schankwirtschaft genutzt. Von 1971 bis 2011 war es Jugendbegegnungs- und Tagungsort des örtlichen Kirchenkreises. Dann endete dieser zum Schluss defizitäre Betrieb. Es wurde über Verkauf, Neunutzung und Abriss diskutiert, bis die Entscheidung getroffen wurde, einen Lernort einzurichten. Auf mannshohen Buchstaben aus den Wörtern »Leben«, »Volk«, »Raum« und »Gemeinschaft« finden sich Informationen, Dokumente und eine wissenschaftliche Einordnung des Ortes.

Verantwortlich dafür sind Nordkirche und Kirchenkreis Dithmarschen in Zusammenarbeit mit den Volkshochschulen (VHS) in Dithmarschen. Konzipiert und umgesetzt wurde das Projekt von Uwe Danker, dem Direktor der Forschungsstelle für regionale Zeitgeschichte der Universität Flensburg. Zur Eröffnung der renovierten, unter Denkmalschutz stehenden Neulandhalle und der frei zugänglichen Außenausstellung hatten sich am Mittwoch 270 Gäste eingefunden, darunter Kiels Landtagspräsident Klaus Schlie, Bildungsministerin Karin Prien (beide CDU) und Sprengel-Bischof Gothart Magaard.

Unter den Besuchern war auch Priens Vorgängerministerin Anke Spoorendonk (Südschleswigscher Wählerverband). Ihre Bemühungen und Beharrlichkeit führten zur Realisierung des Lernortes, nachdem ein Antrag auf Aufnahme in die Bundesgedenkstättenförderung 2014 noch gescheitert war. Den finanziellen Kraftakt stemmten durch eine 2017 unterzeichnete Vereinbarung zwischen Kirche und Landesregierung die Nordkirche mit einer Million Euro sowie das Land mit 500 000 Euro.

Winfried Lehmann, Lehrkraft an der Schleusen-Gemeinschaftsschule Brunsbüttel, meinte, das sei gut angelegtes Geld. »Das ist zeitgemäßer und ansprechender als Geschichtsunterricht in schulischen Räumen«, ergänzte der Pädagoge, der einer von zurzeit 14 ehrenamtlichen Guides am neuen Lernort ist. Fünf Jahre wird der Kirchenkreis Dithmarschen Träger für den Lernort sein. Was danach passiert, hängt auch von den Finanzen ab.

Das Interesse an der Ausstellung ist groß. Die VHS hat bis Jahresende schon 90 fest vereinbarte Veranstaltungstermine rund um die Neulandhalle. Danker stellte klar: »Es geht um die Vermittlung der damaligen Geschehnisse, auch wenn für manch einen unbequeme Wahrheiten zur Sprache kommen. Es geht nicht um einen anklagenden Pranger.« Der neue Lernort Neulandhalle bedeutet nach seinen Worten »weder Gedenkstätte, noch Heimatmuseum«.

Prien würdigte in ihrer Ansprache die Existenz von Lern- und Gedenkorten wie in Dieksanderkoog. Sie sprach sich anders als ihre Vorgängerin aber gegen einen verpflichtenden Schulbesuch in Gedenkstätten aus.

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