Reichlich Annahmestellen

Berlins Volleyballer haben zum Meisterschaftsfinale endlich ihr Erfolgskonzept gefunden

  • Von Oliver Kern
  • Lesedauer: 3 Min.

Als es geschafft war, rannte Moritz Reichert direkt auf seinen französischen Mitspieler Samuel Tuia zu und hob ihn in die Luft. Beide eint die Position des Außenangreifers und Annahmespielers beim deutschen Volleyballmeister BR Volleys, und genau hier lag in den vergangenen zwei Jahren eine große Schwachstelle der Berliner. Mit Reichert, Tuia, dem Australier Adam White und Nachwuchsspieler Egor Bogachev haben die Volleys vier Spieler auf dieser Position. Nur zwei können spielen, und daher wäre Konkurrenzdenken erwartbar. Doch die Jubelszene nach dem 3:1-Sieg im vierten Finalspiel um die Meisterschaft zeigte, dass sich in Reichert und Tuia zwei gefunden haben, die lieber perfekt zusammenarbeiten statt gegeneinander.

Die Wiederauferstehung der Volleys in den vergangenen Monaten wird oft mit der Verpflichtung von Zuspieler Sergei Grankin erklärt. Der Russe lenkt seit Januar das Berliner Offensivspiel, findet meist den richtigen Angreifer und verwirrt ein ums andere Mal den gegnerischen Block mit überraschenden Anspielen. Damit ein Zuspieler so glänzen kann, ist er jedoch auf die gute Vorarbeit der Annahmespieler angewiesen. Die harten oder herumeiernden Aufschläge der Gegner müssen schließlich zunächst entschärft werden und zum Spielgestalter gelangen. Grankins Vorgänger Jan Zimmermann hatte dies anfangs der Saison viel zu selten genießen können. Berlins Annahme wackelte, Zimmermann fehlten daher die Optionen, und des Gegners Block konnte das Berliner Spiel dadurch zu einfach lesen.

Natürlich hat Grankin großen Anteil daran, dass die Berliner trotz des verpatzten Saisonstarts am Sonntag beim Stand von 2:2 doch noch im entscheidenden fünften Finalspiel in Friedrichshafen den Titel holen können. Doch die benötigte Wende war schon mit der Rückkehr des zu Saisonbeginn lange verletzten Moritz Reichert eingeleitet worden. Er verdrängte White aus der Starformation, fand dann gemeinsam mit Tuia und dessen Landsmann Nicolas Rossard als Libero endlich zu einem stabilen Annahmesystem - und lässt so Grankin glänzen. »Wir haben verschiedene Aufstellungsvarianten getestet, wie wir uns das Feld am besten aufteilen. Jetzt haben wir die stabilste Formation gefunden«, umschrieb Reichert den langwierigen Lernprozess. »So können wir jetzt aktiver und aggressiver angreifen und müssen nicht darauf achten, wie Friedrichshafen spielt.«

Reichert und Tuia kommt ihre bessere Defensivarbeit auch selbst im Angriff zugute. Nicht selten nehmen sie einen Ball an und werden direkt im Anschluss perfekt von Grankin in Szene gesetzt. Da Friedrichshafens Block nun gleichzeitig mindestens drei Angreifer fürchten muss, ist mehr Platz für alle da, und den wussten die Volleys am Mittwochabend in den Sätzen eins, zwei und vier zu nutzen. »Wir sind stabiler in der Annahme. Daraus machen wir dann fast immer den Punkt. So lassen wir keine Aufschlagserien von Friedrichshafen zu, und das ist sehr wichtig, um sie auf Abstand zu halten«, so Reichert.

Das halbe Team hatte die Volleys nach der Meisterschaft 2018 verlassen. Der Annahmeriegel Reichert, Tuia, Rossard ist komplett neu. Abstimmungsprobleme waren also zu erwarten gewesen, doch ein Meister ist immer zum Siegen verdammt. »Jeder hat gedacht, mit diesen guten Spielern wird es einfach. Aber so funktioniert das nicht. Man muss zueinanderfinden und darüber Selbstbewusstsein sammeln«, sagte Samuel Tuia. »Jetzt weiß jeder, was er machen muss, und jeder vertraut seinem Nebenmann. So kommt endlich das heraus, was von uns schon zu Saisonbeginn erwartet wurde.«

Friedrichshafens Vorteil sollte in dieser Saison die Eingespieltheit einer Mannschaft sein, die bereits seit zwei Jahren zusammenarbeitet, doch Berlin hat diesen Vorteil anscheinend aufgeholt. »Wir mussten ein bisschen an den Positionen arbeiten und dann im Training alles immer wiederholen. Wiederholen, wiederholen, wiederholen. Nur so wird man besser«, erläuterte Trainer Cédric Énard die Gründe für die steigende Formkurve, die am Sonntag ihren Höhepunkt erreichen soll. »Wir haben eine lange Saison hinter uns, und jetzt wird alles in einem einzigen Spiel entschieden. Aber die Mannschaft hat immer mehr Selbstvertrauen getankt. So hoffe ich, dass wir im dritten Versuch nun endlich auch in Friedrichshafen gewinnen.«

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