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Hunderttausende auf der Flucht

Die Offensive der syrischen Armee auf Idlib stürzt das Land in eine neue Krise

  • Von Philip Malzahn
  • Lesedauer: 4 Min.

Derzeit ist die syrische Armee unter Führung des Präsidenten Baschar al-Assad auf dem Vormarsch. Seitdem Russland die syrische Armee mit Bodentruppen und Kampfflugzeugen unterstützt, hat sich das Blatt des Krieges gewendet und das Vorhaben Assads, alle von Rebellengruppen besetzten Gebiete wieder unter seine Kontrolle zu bringen, scheint durchaus realisierbar. Nach verstärktem Artilleriebeschuss und Luftangriffen haben nun Bodentruppen der syrischen Armee die erste Stadt, Kafr Nabuda, vollständig eingenommen. Diese liegt auf einer wichtigen Versorgungsroute für die syrischen Rebellen.

Jedoch sind es die Zivilisten, die unter der derzeitigen Offensive am meisten leiden müssen. An dieser Tatsache hat sich seit Beginn des nun bald acht Jahre andauernden Bürgerkriegs nichts geändert. Mit den eskalierenden Kämpfen gerät wieder einmal die syrische Bevölkerung zwischen die Fronten. Die Rebellengruppen gegen das Regime sind zersplittert - in der Provinz Idlib haben diverse Milizen das Sagen. Die weitaus einflussreichste ist Hayat Tahrir al-Scham, eine Gruppe, die ihren Ursprung in der Terrororganisation Al Qaida. Das Leben vieler ist unter der Herrschaft islamistischer Gruppen eine Qual. Assad möchte diese Gebiete von »Terroristen« befreien.

Viele Zivilisten befürchten weitlaufende Racheakte auf die sunnitische Bevölkerung, sollte die syrische Armee die Region wieder unter ihre Kontrolle bringen. Auch die Türkei spielt in der Region eine große Rolle - sie betreibt dort mindestens elf militärische Beobachtungsposten. Der türkische Präsident Reccep Tayyip Erdogan führt dort einen verlängerten Arm der Verwaltung, nachdem seine Truppen 2018 in den Norden Syriens eingedrungen waren, um die kurdische YPG in der Region Afrin zu bekämpfen.

Nach erfolgreicher Offensive blieb das türkische Militär im Land: Offiziell, um sich vor »Terroristen« zu schützen und Kontrolle über den bis dahin nicht abreißenden Flüchtlingsstrom ins eigene Land zu bekommen. In der gesamten Provinz Idlib leben etwa drei Millionen Menschen - die Hälfte davon sind Binnenflüchtlinge, die während des Krieges dort Zuflucht gesucht haben. Aufgrund der verstärkten Kämpfe sind laut UN wieder 150 000 Menschen auf der Flucht. Die Gesundheitsbehörde Idlibs sprach sogar von 300 000 Vertriebenen. Genaue Zahlen über Todesopfer und Verletzte sind nicht bekannt.

Bei den Astana-Gesprächen im Jahr 2017 kam es zu einem Abkommen zwischen Iran, Russland und der Türkei, in dem die Region zu einer Deeskalationszone erklärt wurde. Teil des Deals war es, dass die Türkei sich dort um eine Schwächung islamistischer Milizen bemühen würde - allen voran die Hayat Tahrir al-Scham. Die Nachfolgeorganisation der Jabhat al-Nusra ist für ihre Brutalität berüchtigt und besitzt die gleichen Wurzeln wie der Islamische Staat.

Unter türkischer Obhut aber konnte sie ihre Position weiter festigen. In Bezug auf die neueste Offensive hält sich die Türkei bislang zurück. Doch Assads Truppen stehen nur wenige Kilometer vor dem türkischen Beobachtungsposten. Was passieren wird, wenn das syrische Militär auf das türkische trifft, bleibt abzuwarten. Medial kursieren Gerüchte über ein weiteres Abkommen zwischen Syrien, Russland und der Türkei bezüglich der Zukunft des gesamten Landes. Diese lassen sich derzeit aber nicht bestätigen. Verwunderlich ist die Enthaltung des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan in Sachen Idlib umso mehr, denn vielen Flüchtlingen bleibt nur noch die Türkei als sicherer Zufluchtsort - eine Problematik, die es durch die örtliche Präsenz eigentlich zu vermeiden galt.

Parallel dazu flammt im Zuge der verstärkten Militäroperationen wieder eine mediale Schlacht auf, welche die komplizierte Lage im Syrien-Krieg verdeutlicht: Es häufen sich Berichte über angegriffene medizinische Einrichtungen, welche syrische und russische Flugzeugen angeblich absichtlich ins Visier genommen haben. Bis zu zwölf sollen innerhalb der vergangenen zehn Tage von Bombardierung getroffen worden sein. Ein Aktivist sprach gegenüber der Nachrichtenagentur dpa von Fassbomben, die abgeworfen wurden. Das syrische Regime bestreitet dies. Sicher ist: Keine der Parteien - die syrische Armee und islamistische Rebellen - ist für barmherzige Kriegsführung bekannt.

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