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Rosinenbomber und Hungerharke

Mit einem großen Fest begeht Berlin in Tempelhof das Ende der Luftbrücke vor 70 Jahren

  • Von Tomas Morgenstern
  • Lesedauer: 5 Min.

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Historischer Rosinenbomber vom Typ Douglas C-54 »Skymaster« auf dem Vorfeld des ehemaligen Flughafens Berlin-Tempelhof
Historischer Rosinenbomber vom Typ Douglas C-54 »Skymaster« auf dem Vorfeld des ehemaligen Flughafens Berlin-Tempelhof

Was könnte das runde Luftbrücken-Jubiläum in ein schmeichelhafteres Licht rücken als ein royaler Besuch an der Berliner »Hungerharke« am ehemaligen Zentralflughafen Tempelhof? Am Mittwoch legten der britische Prinz Charles und seine Frau Camilla einen Stopp an dem Denkmal für die Opfer der Berliner Luftbrücke ein, um einen Kranz niederzulegen. Die Nummer eins in der Thronfolge von Königin Elisabeth II. repräsentiert das Vereinigte Königreich, damals als Besatzungsmacht eine der drei westalliierten Schutzmächte für die Westzonen. Der ab 1945 durch die Briten genutzte Militärflugplatz, die Royal Air Force Station Gatow, beherbergt heute das Militärhistorische Museum der Bundeswehr.

Das von Eduard Ludwig (1906- 1960) entworfene Luftbrücken-Denkmal erinnert an die gewaltige Rettungsaktion für die von Juni 1948 bis Mai 1949 von allen Land- und Wasserwegen abgeschnittenen Westsektoren Berlins. Seine »Krallen« symbolisieren die drei Luftkorridore zwischen den drei Besatzungszonen im Westen Deutschlands und Berlin. Neben dem Berliner Original, das an den von den US-Streitkräften genutzten Tempelhof Central Airport (TCA) erinnert, stehen Duplikate an der ehemaligen Rhein-Main-Air-Base auf dem Gelände des Frankfurter Flughafens sowie bei der ehemaligen Royal-Air-Force-Station Celle.

Am 12. Mai begeht die Hauptstadt gleich mit mehreren Veranstaltungen den 70. Jahrestag des Endes der sogenannten Berlin-Blockade. Der Begriff umschreibt jene Zwangsmaßnahmen, mit denen die sowjetische Besatzungsmacht ab dem 23. Juni 1948 alle Verbindungswege über Land und auf dem Wasserweg zwischen Berlin und den Besatzungszonen in Westdeutschland militärisch sperrte. Diesem Schritt war eine beispiellose Eskalation der Streitigkeiten zwischen den Kriegssiegern und ehemaligen Verbündeten vorausgegangen. Anlass war die separate Währungsreform im Westen und die Einführung der D-Mark in den Berliner Westsektoren, in deren Folge eine Flutung der Ostzonen mit wertlosen Reichsmarkbeständen und ein wirtschaftlicher Kollaps drohten. So zementierte die Berlin-Blockade den Bruch zwischen den Siegermächten und die Verhärtung der Fronten beiderseits des vom Westen beschworenen Eisernen Vorhangs. US-General Lucius D. Clay, Militärgouverneur der amerikanischen Besatzungszone, stellte damals klar: »Fällt Berlin, dann kommt als Nächstes Deutschland, und dann können wir uns aus Europa zurückziehen.«

Erste Leidtragende wurden die 2,2 Millionen Berliner in den Westsektoren, die mitsamt den westlichen Besatzungssoldaten durch die sowjetische Blockade von heute auf morgen von Strom-, Lebensmittel-, Treib- und Baustofflieferungen abgeschnitten wurden. Dass es die Westmächte USA, Großbritannien, Frankreich vermochten, die Versorgung einer so großen (Teil-)Stadt einzig auf dem Luftwege zu bewerkstelligen, war nicht nur eine einzigartige logistische Leistung. Es war ein Propaganda-Coup im Kampf um die Herzen zumindest der Westberliner und damit ein folgenreicher Schlachterfolg im Kalten Krieg.

Im Vorfeld des Festes nannte Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) die Luftbrücke eine grandiose Leistung und ein wichtiges Datum in der Geschichte der Stadt. Nicht zuletzt durch den Einsatz der Alliierten für die Freiheit Berlins seien aus Besatzern Schutzmächte und Freunde geworden. Um 11 Uhr findet am 12. Mai eine Gedenkfeier auf dem Platz der Luftbrücke statt. Die zentrale Veranstaltung ist das »Fest der Luftbrücke« auf dem Vorfeld und in den Hangars 4 und 5 des ehemaligen Flughafens Tempelhof. Erwartet werden Berliner und Gäste aus aller Welt - gerechnet wird mit 50 000 Besuchern. Das Fest dauert von 13 bis 19 Uhr. Man kann mit Zeitzeugengen ins Gespräch kommen, wobei noch unklar ist, ob der zu besonderer Berühmtheit gelangte US-Luftbrückenpilot Gail Halvorsen kommen kann. Halvorsen hatte als Erster im Landeanflug an selbst gebastelten Taschentuch-Fallschirmen Schokolade und Kaugummis abgeworfen. Ausstellungen und eine Videoinstallation aus Archivmaterial vermitteln Hintergrundwissen. Zu sehen sind historische Fotos und zeitgenössische Fahrzeuge aus der Sammlung des Deutschen Technikmuseums. Und man kann einen der bei der Luftbrücke eingesetzten sogenannten Rosinenbomber bestaunen - die viermotorige Maschine vom Typ Douglas C-54 »Skymaster« steht dauerhaft auf dem Flughafenvorfeld in Tempelhof. Das Musikprogramm bestreiten unter anderem Bands wie die United States Air Forces in Europe Band, aber auch Andrej Hermlin und sein Swing Dance Orchestra.

Besucher können nur über das Tempelhofer Feld, den angrenzenden Park, auf das Festgelände gelangen. Finanziert wird die Feier mit rund einer Million Euro von mehreren Sponsoren, darunter von der Berliner Lotto-Stiftung. Es präsentieren sich dort laut Ankündigung auch mehrere Hilfsorganisationen, so etwa das Deutsche Rote Kreuz. Daneben gibt es Musik und ein Kinderprogramm.

Das Ende der Berlin-Blockade sei ein besonderes Datum in der Geschichte der Stadt, betonte Müller. Die damalige Hilfe der Alliierten für Deutschland sei keine Selbstverständlichkeit gewesen. Die Solidarität habe nicht nur konkret dem Überleben gedient, sondern auch Mut und Kraft zum Durchhalten gegeben. Auch in seiner eigenen Familie, so Müller, habe die Erinnerung an die Luftbrücke immer eine große Rolle gespielt. Sein Vater habe zu den Kindern gehört, die in Tempelhof den Abwurf von Süßigkeiten erwarteten.

Über die Luftbrücke brachten Amerikaner, Briten und Franzosen ab dem 26. Juni 1948 mit 277 569 Flügen 2,34 Millionen Tonnen Güter wie Kohle und Lebensmittel in die Stadt. Auch rund 200 000 Care-Pakete kamen nach West-Berlin. Am 26. Juni 1948 landete der erste C-47 »Skytrain«-Transporter der US-Luftwaffe im Rahmen der »Operation Vittles« (Proviant) in Berlin-Tempelhof. Zwei Tage später begannen die Briten über den Flugplatz Gatow mit ihrer »Operation Plain Fare« (Hausmannskost). Zum Einsatz kamen auch Flugboote, die auf der Havel und dem Großen Wannsee wasserten: Die bis dahin größte humanitäre Flugoperation der Geschichte begann. Aus der Stadt wurden über Tempelhof, Gatow und den in Rekordzeit neu angelegten Flugplatz Tegel 81 730 Tonnen Fracht und 227 655 Passagiere ausgeflogen. Unter ihnen waren viele Kinder, die zur Erholung in Gastfamilien untergebracht wurden.

Am 12. Mai 1949 gab die Sowjetunion schließlich nach und hob die Blockade West-Berlins auf. Der letzte Versorgungsflug fand am 27. August 1949 statt. Mit Agenturen

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