Rollenbilder

Emanzipationsgap

Thomas Gesterkamp mobilisiert Männer für Gleichstellung

Von Thomas Gesterkamp

Die Sozialwissenschaftlerin Mara Kastein vertritt in einem gerade erschienenen Buch die These, gleichstellungsorientierte Männer befänden sich unter einem ständigem Legitimationsdruck. Die Aktivisten, ganz überwiegend weiß und heterosexuell, seien »trotz unbedingter Sympathiebekundung mit feministischen oder geschlechterwissenschaftlichen Theorien« schlicht nicht »markiert« als Betroffene von Diskriminierung. Folgerichtig erhielten sie auch keine Unterstützung im Rahmen einer intersektional ausgerichteten Strategie, die Benachteiligung durch Geschlecht, Alter, Herkunft, sexuelle Identität und Lebensweise, Hautfarbe, Religion oder körperliche Beeinträchtigung in den Mittelpunkt stellt. Bevor Männer zu geschlechterpolitischen Fragen Position beziehen, müssten sie sich erst mal rechtfertigen, um in feministischen Debatten überhaupt Gehör zu finden. Die Autorin fragt daher »Wie lässt sich diese Strömung legitimisieren?«

Gegenfrage: Muss sie das? Für die meisten der in diesem Bereich tätigen Organisationen hat Männerpolitik ganz selbstverständlich eine eigenständige Legitimation. Diese leitet sich aus der Beobachtung ab, dass die gesellschaftliche »Vergoldung« ihrer Rolle Männer zwar grundsätzlich privilegiert, die damit verbundenen Vorteile aber nicht überall ankommen. Bestimmte männliche Teilgruppen profitieren nur wenig von der »patriarchalen Dividende« - ein viel zitierter Begriff, den einst die aus- tralische Geschlechterforscherin Raewyn Connell geprägt hat. Dazu gehören etwa von harter Maloche geschaffte Industriearbeiter, aber auch unfreiwillig randständige Väter oder potenzielle Herzinfarktkandidaten, die sich im beruflichen Hamsterrad bis zur Erschöpfung aufreiben - und deshalb dann auch deutlich früher sterben als Frauen.

Kinder, Küche, Bankgeschäfte
Eine Minderheit der Männer ändert ihr Rollenverhalten - das sollte man nutzen.

Solche Beispiele tauchen in der Debatte um »toxische Männlichkeit« in letzter Zeit verstärkt auf, haben es aber bisher nicht in die staatlichen Gleichstellungsberichte geschafft. Bei der Thematisierung der negativen Folgen männlicher Rollenentwürfe sollten geschlechterdialogisch ausgerichtete Aktivisten einen Wettbewerb der Benachteiligung vermeiden, wie ihn die vor allem im Internet präsenten maskulinistischen Gruppen forcieren. Es geht um die Berücksichtigung des wichtigen Aspektes, dass Männer keineswegs nur verzichten müssen, sondern auch etwas zu gewinnen haben. An die Stelle der patriarchalen tritt sozusagen eine Art Emanzipations-Dividende.

Feministinnen haben recht: Männer sollten sich ihrer Privilegien qua Geschlecht, von denen sie meist unsichtbar profitieren und die gerade am Arbeitsplatz gravierende Auswirkungen haben können, immer bewusst sein - und diese für gleichstellungsorientierte Veränderungen aktiv einsetzen. Männerpolitik ist deshalb gut beraten, wenn sie betriebliche Frauenquoten unterstützt und die weiterhin großen Gehaltsunterschiede zwischen den Geschlechtern im Bündnis mit Frauen skandalisiert. Zugleich sollte sie jedoch auch deutlich machen, dass Männer von Gleichstellungsinstrumenten sogar profitieren können. Zum Beispiel, wenn die eigene Partnerin mehr verdient, weil das Gender Pay Gap endlich geschlossen wird: Dann nämlich können Männer leichter ihren eindimensionalen, ausschließlich am professionellen Fortkommen orientierten Karrierepfad verlassen oder Väter sich mehr um ihre Kinder kümmern, ohne dass das Familieneinkommen sinkt.

Der Ruf nach »Deprivilegierung« steht in der Logik eines in Frauenpolitik und Frauenforschung häufig vertretenen Denkmusters, demzufolge Männer nur etwas abgeben, sich enthalten und verzichten müssen. Die Gewinne, die aus dem Aufschnüren enger Rollenkorsette resultieren können, müssen jedoch stets mitgedacht und vor allem auch innerhalb der männlichen Zielgruppe kommuniziert werden. Das ist schon deshalb wichtig, weil sich die eigenen Geschlechtsgenossen sonst nicht für gleichstellungsorientierte Männerpolitik motivieren und erst recht nicht mobilisieren lassen.

Mara Kastein: Gleichstellungsorientierte Männerpolitik unter Legitimationsdruck: Eine wissenssoziologische Diskursanalyse in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Budrich UniPress, 243 S., 32 €.