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Deutsches Theater Berlin

Witze mit bitteren Beiklängen

»Kommt ein Pferd in die Bar« nach dem Roman von David Grossman am Deutschen Theater in Berlin.

Von Jakob Hayner

Während das Publikum in den Saal strömt, schlägt der Pianist die Tasten an. Samuel Finzi, im seidig-glänzenden Anzug und weißen Hemd, steht daneben, auf seiner Nase eine Sonnenbrille mit glitzerndem Aufsatz, auf der Halterung vor ihm ein Mikrofon mit verchromter Umschalung wie aus der Mitte des vergangenen Jahrhunderts. Er singt ein paar Jazzklassiker an. Kaum haben die Zuschauer in den Kammerspielen des Deutschen Theaters in Berlin die Plätze eingenommen, werden sie von Finzi begrüßt, der an diesem Abend den Alleinunterhalter Dov Grinstein gibt. Das ist der Protagonist in David Grossmans 2016 erschienenem Roman »Kommt ein Pferd in die Bar«. Der Regisseur Dušan David Pařízek hat den Text für die Bühne adaptiert, Regie geführt und das Bühnenbild entworfen. Nach der Aufführung bei den Salzburger Festspielen und im Wiener Burgtheater hatte die Inszenierung am vergangenen Sonntag in Berlin Premiere. Auf der Bühne neben dem Klavier befindet sich ein Kleiderständer mit mehreren Anzügen, in der Mitte ist eine hohe Wand aus hellen Holzbrettern aufgestellt. Auf die werden die Bilder projiziert, die eine Kamera auf der Bühne eingefangen hat.

Dov Grinstein macht Stand-up-Comedy. So auch an seinem 57. Geburtstag in der israelischen Küstenstadt Netanja. Doch diese Vorstellung gerät aus den Fugen. So wie Grinsteins Leben. Es beginnt mit ein paar Witzen, in die sich jedoch schon bittere Beiklänge mischen. Es geht um Frauen und um Männer. Um Familie, Eltern und die eigene Vorhaut. Darum, dass es eine schönere Vorstellung wäre, würde der Körper nach dem Tode weiterleben und nicht die Seele. Um seine drei Ex-Frauen und seine fünf Kinder. Um Juden, Araber, Nazis und Linke. Über alle werden Witze gemacht. Lustig ist es nur, wenn alles und alle in ihrer Beschränktheit und Vergänglichkeit gezeigt werden. Gerade im jüdischen Humor zeigt sich das Komische, das sich immer wieder auf die Seite des Lebendigen schlägt, das es zugleich der Lächerlichkeit preisgibt. Wie in dem Witz, den Grinstein erzählt: »Schlomo sagt zu seiner Rachel: ›Wenn einer von uns sterben sollte, Gott behüte, dann ziehe ich sofort nach Coney Island.‹« Die Liebe ist ewig, aber das Leben geht weiter. Zumindest für Schlomo.

Doch es gibt Dinge, die sich nicht verdrängen lassen. Und so wird Grinsteins Auftritt zu einer schonungslosen Selbstentblößung. Er macht sich nackig, er lässt die Hosen runter - zumindest tut das Finzi, um die Figur zu verdeutlichen. Schon bald hängt der Anzug nur noch in Fetzen vom Körper, das Hemd zerrissen. Die Neurosen werden offenbar. Das ist seit Philip Roths »Portnoys Beschwerden« und Woody Allens »Die Großstadtneurotiker« in der jüdischen Literatur eine außerordentlich wirkungsvolle Methode der Selbsterkundung. Grinstein erzählt von seiner Mutter, die sich auf der Flucht vor den Nazis polnischen Eisenbahnern auslieferte, die sie missbrauchten und dann aussetzten. Sie überlebte die Lager der Deutschen, aber schrie sie in ihren Träumen und versuchte sich umzubringen. Die Überlebensschuld wog schwer, überlebte doch sonst niemand aus der Familie. In der des Vaters war es ebenso. Warum sie? Die beiden und ihr Kind, das war alles. In Israel, einer Gesellschaft im Belagerungszustand. Der junge Dovel macht Späße für seine Mutter, die sonst nicht lachen kann.

Als Grinstein erfährt, dass ein Elternteil gestorben ist (er weiß noch nicht, welches), helfen Witze, um die aufkommende Trauer zu verdrängen. Finzi spielt diese Szene wie den gesamten Abend mit großer Eindringlichkeit. Die zweieinhalb Stunden ohne Pause haben zwar auch quälende Momente, die jedoch in der Sache liegen. Denn hier quält sich einer mit seiner Lebensgeschichte und seinen Schuldgefühlen. Als eine Figur aus der Vergangenheit taucht dann noch die von Kathleen Morgeneyer gespielte Pitz auf. Sie erinnert sich an Dov als Kind, das immer auf den Händen lief, weil es die Welt auf den Kopf stellen wollte.

Bei aller Bitterkeit und auch Traurigkeit ist das wohl die Botschaft: Der Humor entspringt zwar der Verdrängung, weist aber auch über sie hinaus. Er ist »ein kleines Polster gegen die Wucht der Ereignisse«, wie Grinstein sagt, aber auch ein kleines bisschen Verkehrung der schlechten Welt ins Bessere. So erklärt sich das letzte Bild der Vorstellung. Nachdem zahlreiche Blumen von oben nach unten gefallen sind, ist es eine, die den umgekehrten Weg nimmt. Die unwahrscheinliche Hoffnung, die aber doch im Komischen bewahrt ist.

Nächste Aufführungen am 22. und 27. Mai.

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