Schwarze Kultur

Dialektik in Schwarz-Weiß

Die Berliner Ausstellung «The Black Image Corporation» will anhand der Chicagoer Foto-Archive die schwarze Kultur feiern

Von Bahareh Ebrahimi

Peggy, eine schwarze Frau, trieb gern Gymnastik in ihrer Schulzeit in der DDR. Für Schulwettbewerbe wurde sie aber nie ausgewählt. Sie dachte, sie sei nicht gut genug. 20 Jahre später, nach der Wende, während sie immer noch nicht bei den Wettbewerben mitmachen durfte, hat man ihr endlich gesagt, warum. Weil sie schwarz sei.

Peggys Geschichte erzählt der Choreograph Mac Folkes auf der Pressekonferenz der Ausstellung «The Black Image Corporation» im Gropius-Bau in Berlin. Er selber ist in Jamaika geboren und kam mit fünf Jahren in die USA. «Erst dort wurde ich zum ›Schwarzen‹», sagt er. Folkes, der in Deutschland vor allem als Catwalk-Trainer in der TV-Show «Germany’s Next Top Model» bekannt wurde, war als Gast zur Eröffnung der Ausstellung eingeladen. In Berlin hat er andere schwarze Menschen kennengelernt, etwa Peggy, die das «Schwarzsein» anders - und gleichzeitig auf eine ähnlich diskriminierende Weise - erlebt haben.

Das «Schwarzsein» steht im Mittelpunkt der Berliner Ausstellung. Dabei ist zu erwähnen, dass die typische politische Korrektheit in solch einem Kontext gerade unkorrekt ist. Wie kann man eine Ausstellung besprechen, die mit «Black» betitelt ist, ohne das Wort «Schwarz» zu verwenden?

Der US-amerikanische Künstler Theaster Gates beschäftigt sich in dieser Schau - wie in seinen letzten Projekten - mit den Archiven der Chicagoer «Johnson Publishing Company» (JPC), die ab 1945 das Monatsmagazin «Ebony» und ab 1951 das wöchentliche Blatt «Jet» herausgegeben hat. Seit 2016 erscheinen diese bei «Ebony Media Operations», «Jet» nur noch digital. Diese Zeitschriften hatten einen großen Anteil an der Sichtbarkeit der schwarzen Kultur in den USA. Sie haben zahlreiche Themen, von Politik bis hin zur Mode, abgedeckt; in ihrer Berichterstattung über Ereignisse und Persönlichkeiten waren die schwarzen Menschen schön, erfolgreich und vor allem präsent. So wollten diese Journale eine neue Norm jenseits der weißen Hegemonie festlegen.

«In den 70er Jahren habe ich ›Ebony‹ beim Friseur durchgeblättert», sagt Folkes. «Ebonys» Bilder hätten eine andere schwarze Identität vermittelt. Er habe sonst das Bild vom «Drogendealer oder Zuhälter» gekannt, fügt Folkes hinzu. «Es gab keine Repräsentation der schwarzen Menschen in der Mode.» Erst im Jahr 1974 schaffte es das Model Beverly Johnson als erste Afroamerikanerin auf das Cover der amerikanischen «Vogue».

Neben einigen Exemplaren dieser Magazine sind Porträts von - vor allem - afroamerikanischen Frauen, Schauspielerinnen und Models in vier Kabinetten in der Ausstellung zu sehen. Diese haben die «Ebony»-Fotografen Moneta Sleet Jr. und Isaac Sutton in den 50ern und 60ern aufgenommen, manche Fotos wurden veröffentlicht, manche nicht. Teil dieser Foto-Archive hat Theaster Gates 2018 in der Ausstellung «Black Madonna» in Basel gezeigt. «Wie beim Black-Madonna-Projekt, das die schwarze Schönheit feiern wollte, zelebriert ›The Black Image Corporation‹» die schwarze Kultur in einer positiven starken Art«, sagt die Co-Kuratorin der Schau Daisy Desrosiers.

Die Ausstellung wurde letztes Jahr in Mailand nach der Fashion-Week eröffnet. Wenn in der Mailänder Schau die Schönheit und die Mode im Vordergrund standen, soll die in Berlin etwas politischer wirken. »Die Schönheit der schwarzen Frau ist nur einer der Aspekte dieses Archivs«, erklärt Stephanie Rosenthal, Direktorin des Martin-Gropius-Baus, zur Eröffnung. Die Schau wird also in jeder Stadt anders wahrgenommen, weil auch die Geschichte der schwarzen Menschen in jedem Land unterschiedlich ist. Die Bilder von »Ebony« und »Jet« sind beispielsweise eher in den USA bekannt, daher wollte Theaster Gates seine Ausstellung und das damit verbundene JPC-Archiv nun außerhalb der USA zeigen. »Je mehr wir uns in der Welt bewegen, desto mehr finden wir die Möglichkeit, über diese Bilder zu reden«, sagt Desrosiers.

Die Art und Weise, wie diese Ausstellung die schwarze Community feiern will, erinnert an die früheren Kämpfe gegen Kolonialismus und besonders an die sogenannte Négritude-Bewegung, die nach kultureller Selbstbehauptung afrikanischer Menschen strebte. Frantz Fanon, einer der Theoretiker und Vordenker der Entkolonialisierung, hat in seinem Buch »Schwarze Haut, weiße Masken«, diese Bewegung thematisiert. Er analysiert, wie sich die unterdrückten Schwarzen gegen die entfremdete Selbstwahrnehmung wehrten, indem sie ihre eigene Identität und damit das »Schwarzsein« feierten.

Das war als erste Phase des Kampfes zwar wichtig und notwendig, aber basierte grundsätzlich auf derselben gegensätzlichen Denkweise, die auch im hegemonialen eurozentrischen Diskurs üblich ist. Die Weißen haben jahrzehntelang die weiße Madonna gefeiert, jetzt feiern die Schwarzen die schwarze Madonna. Das funktioniert insofern, als die Normen dekonstruiert werden. Und irgendwann kommt die nächste Phase, in der man keine Madonna mehr feiert. Irgendwann sollte die Hautfarbe keine Rolle spielen. Denn weder die schwarze noch die weiße noch die Supermodel-Schönheit ist zu feiern. Die einzige Schönheit, die eigentlich zu feiern ist, ist die Schönheit der Vielfalt.

»The Black Image Corporation. Theaster Gate«, bis 28. Juli, Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstraße 7, Berlin