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Protest gegen Polizeiwache auf Festivalgelände in Lärz

Ehemaliger Leiter der Polizeiinspektion Neubrandenburg kritisiert Polizeipräsidenten scharf

  • Lesedauer: 3 Min.

Lärz. Rund 100 Menschen haben am Sonntag in Lärz (Mecklenburgische Seenplatte) gegen eine Polizeiwache und gegen Polizeistreifen auf dem alternativen »Fusion«-Festival protestiert. »Hier wird ein fiktives Bedrohungsszenario aufgebaut, das es gar nicht gibt«, sagte der Bürgermeister des Ortes, Hartmut Lehmann (CDU), auf einer Kundgebung. Es würde völlig reichen, wenn die Einsatzzentrale der Polizei im Bürgerzentrum von Lärz säße, etwa 500 Meter vom Festgelände entfernt. Dann könnten auch Probleme im Umfeld des Festivals schnell an die Beamten herangetragen werden. »Eine Wache auf dem Fusion-Gelände macht keinen Sinn.«

Gerhard Schneider, einer der Initiatoren der Demonstration, kritisierte: »Es macht den Eindruck, als wenn die Bevölkerung mit den neuen Polizeiforderungen gezielt verunsichert werden soll.« Auf Plakaten war auch der ehemalige DDR-Staatsratsvorsitzende und SED-Chef Walter Ulbricht und der Spruch »Niemand hat die Absicht, die Fusion kaputt zu machen« zu lesen. Von Ulbricht stammte der Satz: »Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten«, den er kurz vor dem Mauerbau 1961 in Berlin gesagt hatte.

Auch der ehemaliger Leiter der Polizeiinspektion Neubrandenburg Siegfried Stang (Polizeidirektor a.D.) kritisierte das Vorhaben des Polizeipräsidenten Nils Hoffmann-Ritterbusch mit deutlichen Worten. Stang hält die Forderung für »grob abwegig«. Er hatte sich mit einem Schreiben an den Nordkurier gewandt, um seine Position öffentlich zu machen. Seiner Ansicht nach habe die Polizei kein Betretungsrecht, da es sich bei dem Festival um eine private, kommerzielle Veranstaltung handele. Stang sagt: »In fachlicher und rechtlicher Hinsicht muss sein [Nils Hoffmann-Ritterbusch; Anm. d. Red.] Ansinnen als völlig überzogen angesehen werden.« Darüber hinaus kritisiert Stang den amtierenden Polizeipräsidenten scharf: »Es wäre bedauerlich, wenn das Ansehen der ganzen Region wegen mutmaßlicher Profilierungsversuche eines relativ unerfahrenen Polizeipräsidenten Schaden nähme.«

Lesen sie auch zum Thema: »Wir dürfen das nicht hinnehmen«. Ist die »Fusion«, Europas größtes unkommerzielles Musikfestival, gefährdet – weil die Polizei es überwachen will?

Das Musik-, Theater- und Kunstfestival soll vom 26. bis zum 30. Juni auf dem Ex-Militärflugplatz etwa 80 Kilometer nördlich von Berlin stattfinden. Nach Angaben des Vereins Kulturkosmos werden wieder etwa 70.000 Besucher erwartet. Mit einer Online-Petition »Für die Freiheit von Kunst und Kultur!« konnten die Veranstalter gegen das polizeiliche Ansinnen bereits mehr als 121.000 Unterschriften sammeln.

Die Polizei fordert erstmals eine Wache und freie Kontrollmöglichkeiten auf dem Gelände. Das lehnt der Verein jedoch mit Verweis auf eigene Sicherheitsdienste ab. Laut Polizei gibt es nach Vorfällen wie bei der Love Parade 2010 gestiegene Anforderungen an Sicherheit. Die Entscheidung trifft das Amt Röbel-Müritz. dpa/nd

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