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München muss warten

Nach dem torlosen Remis des FC Bayern in Leipzig geht es am letzten Spieltag um den Titel

  • Von Frank Hellmann, Leipzig
  • Lesedauer: 4 Min.
Die Kamerascheinwerfer im spärlich beleuchteten Erdgeschoss der Leipziger Arena schienen Uli Hoeneß direkt ins Gesicht - im breiten Rücken des gewichtigen Präsidenten nur der noch mächtigere Mannschaftsbus des FC Bayern. Das Mia-san-mia-Oberhaupt musste sich nicht einmal verstellen, um in diesem Ambiente seinen Optimismus für das von vielen Unwägbarkeiten geprägte Münchner Umbruchjahr nach außen zu kehren. Er sagte, dass er »die nächsten sechs, sieben Nächte wunderbar schlafen« werde, dass er »gar keine Zweifel« an der 29. Meisterschaft habe.

Wenn die Mannschaft nämlich »wieder so kämpft, fightet und sich reinhaut« wie bei der Nullnummer gegen RB Leipzig - ja, dann werden nach dem Heimspiel gegen Eintracht Frankfurt die gewohnten Bilder produziert: Eine Bühne wird aufgebaut, Konfetti regnet herab, und irgendwo inmitten jubelnder Bayern-Profis wandert die Schale herum. Und doch liegt am kommenden Sonnabend zumindest noch ein Anflug von Spannung über der Arena in Fröttmaning. Der Saisonkehraus ist mehr als nur eine Folkloreveranstaltung.

Hinzu kommt die Pointe, dass es für Trainer Niko Kovač gegen seinen Ex-Verein geht, den er vor seiner Aufgabe in München vor einem Jahr noch flugs zum umjubelten Pokalsieg gegen den FCB geführt hatte. »Das Leben schreibt die schönsten Geschichten. Auch die SGE hat noch Ziele«, gab das lebenslange Eintracht-Mitglied zu verstehen: »Europa League oder Champions League.« Seine Schlussfolgerung: »Das wird nicht einfach.« Er habe sich aber sagen lassen, dass es »eine außerordentliche Stimmung« geben werde, denn: »Das hatten wir vor 19 Jahren zuletzt.«

Damit hatte der 47-Jährige die Geschichte seines aktuellen Arbeitgebers richtig studiert: Im Jahr 2000 sicherten sich die Bayern am letzten Spieltag im Fernduell mit Bayer Leverkusen, die damals beim Underdog Unterhaching unterlagen, gegen Werder Bremen im alten Olympiastadion den Titel. Das Gute für Kovač: Schützenhilfe braucht es 2019 keine, schon ein Remis reicht. Entsprechend siegessicher formulierte er: »Wenn’s ein Happy End gibt, kann ich damit leben, eine Woche warten zu müssen.« Überdies kündigte auch der ihm gegenüber so kritisch eingestellte Vorstandsvorsitzende Karl-Heinz Rummenigge eine Versöhnung an: »Ich bin überzeugt, Niko wird nächste Woche seinen ersten Titel holen, und dann werden wir gemeinsam feiern.«

In Leipzig schien der Rahmen irgendwie nicht richtig passend. Das fing schon beim nasskalten Schmuddelwetter an. 25 Minuten brauchten die Bayern, um im Dauernieseln am Sportforum auf Betriebstemperatur zu kommen. Dann waren sie es, die in einem intensiven, spannenden, aber nicht hochklassigen Abnutzungskampf die besseren Chancen besaßen. Aber entweder stand Torwart Péter Gulácsi im Wege, der zweimal gegen Serge Gnabry und einmal beim Hackentrick des eingewechselten Franck Ribery rettete. Oder die Bälle flogen wie beim Freistoß kurz vor Schluss von Robert Lewandowski knapp am Ziel vorbei.

Und dann war da ja noch der Aufreger mit dem Videobeweis, als Leon Goretzka in der 50. Minute die Kugel ins Tor geknallt hatte. Sicherlich bejubelten schon Bayern-Fans auf der ganzen Welt diesen titelverdächtigen Volltreffer, als Schiedsrichter Manuel Gräfe aus Köln mit einiger Verzögerung einen Hinweis ins Ohr geflüstert bekam: Lewandowski hatte eine Fußspitze im Abseits gestanden.

Kovač bemerkte spitzzüngig, entscheidend sei immer, »wann auf den Knopf gedrückt wird« - wann also der Moment der Ballabgabe bestimmt wird. Doch es war Abseits, und deshalb wolle er nicht diskutieren. Sein Vorgesetzter Hoeneß sehr wohl: »Das sogenannte Abseits ist der Witz des Jahres. Das war keine klare Fehlentscheidung. Der Videobeweis ist dazu da, um klare Fehlentscheidungen zu korrigieren«, wetterte der 67-Jährige mit errötetem Haupt. Der Schwarz-Weiß-Denker sei daran erinnert, dass seine Bayern auch deswegen bald im DFB-Pokalfinale die Leipziger wiedertreffen, weil im Halbfinale in Bremen eine klare Fehlentscheidung - der sehr gewollte Fall von Kingsley Coman - nicht korrigiert wurde.

Mit solchen Auslegungen macht sich der Fast-Meister nicht beliebter. Die Leipziger Fußballer jedenfalls kamen nicht so schnell in die Kabine. Vom Anhang wurde ihnen mit langen »Zieht den Bayern die Lederhosen aus«-Gesängen ein klarer Auftrag für den 25. Mai in Berlin mitgegeben.

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