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»Boah, gehen die mir auf die Nerven«

Ex-Amazon-Betriebsrat Tim Schmidt erklärt, warum er optimistisch bleibt, den Kampf gegen einen Riesen zu gewinnen

  • Von Ines Wallrodt
  • Lesedauer: 7 Min.

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Amazon Rheinberg gehört zu den am stärksten organisierten Standorten in Deutschland.
Amazon Rheinberg gehört zu den am stärksten organisierten Standorten in Deutschland.

Vor sechs Jahren organisierte die Gewerkschaft ver.di die ersten ganztägigen Streiks bei Amazon in Bad Hersfeld und Leipzig. Wie kam das in Rheinberg an?

Damals war ich noch selbst Mitarbeiter von Amazon. Und relativ schnell war an unserem Standort der Wunsch da, diesen Schritt auch machen zu können. Aber wir waren noch nicht so weit. Wir hatten im März 2013 gerade erstmals einen Betriebsrat gewählt. Bei über 2800 Beschäftigten dauert es eine Weile, die Leute zu organisieren: Sie müssen sie überzeugen, mutig zu sein, keine Angst zu haben, der Gewerkschaft beizutreten. Vielen mussten wir erst erklären, wofür so etwas überhaupt gut ist. Und dann hatten wir als erstes Gremium am Standort auch einen Haufen anderer Probleme. Wir mussten jeden Stein neu umdrehen. Wir mussten die Geschäftsführung davon überzeugen, dass wir nicht die Bösen sind, sondern vernünftig über ein paar Verbesserungen verhandeln wollen. So. Und dann haben wir auf der Gewerkschaftsseite gewartet, bis wir genügend waren. Es hätte nichts gebracht, wenn wir nach einem halben Jahr mit 100 Leuten vor der Tür gestanden hätten.

Es hat anderthalb Jahre gedauert. Wie viele standen dann beim ersten Streik in Rheinberg vor der Tür?

Annähernd 400. Allein an dem ersten Streiktag gab es weitere 250 Neueintritte in die Gewerkschaft.

Damals wurde auch Kritik in der Belegschaft an ver.di als »Störenfried« öffentlich. Ist die inzwischen verstummt?

Ich denke, in Rheinberg haben wir es geschafft, auch mit Andersdenkenden respektvoll umzugehen. Aber es lässt sich nicht von der Hand weisen, dass immer noch ganz viele Leute gegen unseren Weg sind.

Warum? Weil sie zufrieden mit den Arbeitsbedingungen sind?

Ja, das möchte ich gar nicht abstreiten. Wenn man überlegt, dass manche Leute aus einer langen Zeit der Arbeitslosigkeit kommen, dann sind die froh, wieder einen Job zu haben und pünktlich am Ende des Monats ihr Geld zu kriegen. Das bedeutet aber nicht, dass die vorherrschenden Arbeitsbedingungen innerhalb des Unternehmens in Ordnung sind.

Seit 2013 gibt es regelmäßig Streiks bei Amazon. Aber ein Tarifvertrag ist noch immer nicht in Sicht. Ist dann nicht auch mal die Luft raus?

Über Streikbeteiligung und Organisationsgrad redet man natürlich nicht öffentlich. Aber sagen kann ich auf jeden Fall: Rheinberg gehört zu den am stärksten organisierten Standorten in Deutschland. Es geht voran. Im Moment ist auch der Weg das Ziel. Die Streiks haben die Kolleginnen und Kollegen verändert. In den Anfangstagen waren viele verschüchtert und ängstlich. Heute haben sie keine Angst mehr, mit einem Manager in die Diskussion zu treten oder für Streiks aus dem laufenden Betrieb herauszugehen. Das ist ja etwas völlig anderes, als morgens gar nicht erst am Arbeitsplatz zu erscheinen. Sie müssen Flagge zeigen und ihrem Vorgesetzten direkt ins Gesicht sagen: Ich beende meine Arbeit und streike.

Dennoch reicht der Druck offenbar nicht aus. Amazon will mit den Gewerkschaften nicht einmal sprechen. Haben die Streiks bislang überhaupt etwas bewirkt?

Oh ja, sogar einiges. Wir bekommen regelmäßige Lohnerhöhungen. Jedes Jahr im September macht Amazon eine kleine Lohnrunde und vergleicht sich dann zwar mit sehr untypischen Unternehmen, aber kommt am Ende meistens zu dem Schluss, dass es genau die Lohnerhöhungen weitergibt, die in etwa auch vorher im Einzelhandel in der Tarifrunde waren. Außerdem haben wir interne Verbesserungen erreicht: Es gibt inzwischen vernünftige Kantinen, die Klimatik in den Lagerhallen wurde verbessert. Als wir das Thema Weihnachtsgeld aufgemacht haben, hat Amazon reagiert und, wenn auch ein kleines, aber immerhin, ein Weihnachtsgeld eingeführt. Vorher hieß es immer, Weihnachtsgeld sei eine Zahlung für nicht erbrachte Leistungen.

Fragt man sich, was dann Boni sind.

Eben. (lacht) Vor zwei, drei Jahren haben wir eine Kampagne für besseren Gesundheitsschutz durchgeführt. Und kurze Zeit später gab es an allen Standorten plötzlich Gesundheitsmanager.

Jetzt klingt es fast, als bräuchten Sie gar keinen Tarifvertrag mehr.

Der Tarifvertrag ist selbstverständlich nach wie vor das große Ziel, denn er setzt verbindliche Standards und Mindestbedingungen. Und wir sind von seinem Gesamtniveau auch noch ein großes Stück entfernt. Überstundenzuschläge sind darin fest verankert - Amazon verhandelt hingegen nur in Streik-Hochzeiten mit den Betriebsräten irgendwelche Zuschläge, damit die Leute drin bleiben. Es gibt kein Urlaubsgeld und eben nur ein kleines Weihnachtsgeld. Wenn man das alles zusammenrechnet, dann gehen den Kolleginnen und Kollegen noch ein paar tausend Euro im Jahr verloren.

Manche sagen, das Hauptproblem seien gar nicht die Löhne, sondern Arbeitsdruck und Überwachung am Arbeitsplatz.

Ich finde, beides ist gleichrangig. Auf jeden Fall fehlt es vielen Führungskräften an Respekt. Die Leute müssen jeden Tag unter großem Druck arbeiten und die Launen der Manager über sich ergehen lassen. Sie riskieren durch einen Streik, mit einer schwereren oder schlechteren Arbeit bestraft zu werden. Außerdem werden sie zu Einzelgespräche einbestellt. Dieser Druck macht krank. So ist der Krankenstand nach wie vor sehr hoch. Amazon geht auch massiv mit krankheitsbedingten Kündigungen gegen die Mitarbeiter vor.

Einen marktbeherrschenden Riesen wirtschaftlich so unter Druck zu setzen, dass der einlenkt - geht das überhaupt?

Na klar: Je mächtiger ein Unternehmen ist, desto weniger muss es befürchten, dass ihm irgendwas passiert und es kann nach Gutsherrenart walten und schalten. Insofern wirkt es natürlich utopisch, wenn man gegen ein Unternehmen kämpft, dessen Inhaber der reichste Mann der Welt ist. Im Moment haben wir die Hoffnung, er lässt sich noch ein paar Mal scheiden ... (lacht) Im Ernst: Wenn wir es schaffen, Lieferungen zu blockieren, so dass sie nicht pünktlich beim Kunden sind, dann verursacht das einen wirtschaftlichen Schaden. Denn Primekunden zum Beispiel werden darüber selbstverständlich stinkig. Zum anderen ist es für uns ein Erfolg, wenn Amazon sein Tagesziel durch unsere Streiks nach unten korrigieren muss. Auf der anderen Seite werfen wir in der Öffentlichkeit die moralische Frage auf: Wie kann es sich so ein reiches Unternehmen erlauben, keine vernünftigen Löhne nach Tarif zu bezahlen?

Auch Ryanair war so ein Brocken. Dort haben sich die Beschäftigten schließlich europaweit vereint, der Schlüssel zu ihrem Erfolg. Was macht es bei Amazon schwerer?

Die Vernetzung der Standorte über Ländergrenzen hinweg ist auch bei uns im Gange. Gerade erst gab es in Berlin ein weltweites Treffen. Dabei werden Erfahrungen geteilt und die Basis bereitet, dass sich die Beschäftigten der verschiedenen Standorte nicht gegeneinander ausspielen lassen. Aber Amazon mit allein 16 000 Mitarbeitern in Deutschland ist einfach viel größer als Ryanair. Da dauert die Organisierung ein Stück länger. Deshalb war uns von Anfang an klar: Dieser Kampf wird nicht in fünf Jahren beendet sein.

Bei Ryanair hat am Ende die Politik den Arbeitskampf tatkräftig unterstützt. Was würde Ihnen bei Amazon helfen?

Ganz einfach: Wenn Tarifverträge leichter allgemeinverbindlich erklärt werden könnten. Dann würde der Einzelhandelstarifvertrag branchenweit gelten, also auch für Amazon. Ich würde mir jedenfalls mehr politischen Druck wünschen. Politiker müssten deutlich sagen: Wir stehen an der Seite der Beschäftigten und fordern von Amazon, wenigstens mit den Gewerkschaften zu reden.

Was ist das nächste Etappenziel?

Den Kessel am Kochen halten und den Organisationsgrad weiter erhöhen. Denn das zeigt Wirkung. Wie ich weiß, geht dem Geschäftsführer in Rheinberg die hohe Streikbeteiligung richtig auf den Zeiger. So muss es sein: Die Verantwortlichen bei Amazon müssen morgens aufwachen und denken: Boah, gehen die mir auf die Nerven, ich red besser mal mit denen.

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