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Volkswagen kuschelt in Brasilien wieder mit Faschisten

Aktivist*innen kritisieren bei der VW-Hauptversammlung fehlende Aufarbeitung der Militärdiktatur - und die Nähe zu Präsident Bolsonaro

  • Von Niklas Franzen
  • Lesedauer: 3 Min.

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VW-Hauptversammlung: Volkswagen kuschelt in Brasilien wieder mit Faschisten

»Die Demokratie in Brasilien ist in schwerer Gefahr. Das hat auch etwas mit ihnen zu tun«, sagt Christian Russau, schaut kurz hoch und blickt in den vollbesetzten City Cube auf dem Berliner Messegelände. Dort haben sich am Dienstag hunderte Aktionär*innen von Volkswagen eingefunden. Russau ist einer von ihnen. Der Berliner Aktivist ist Vorstandsmitglied des Dachverbandes der »Kritischen Aktionärinnen und Aktionäre«. Die Nichtregierungsorganisation mit Sitz in Köln kauft Aktien von deutschen Großkonzernen, um Stimm- und Rederecht bei Hauptversammlungen zu bekommen und dort Menschenrechtsverletzungen vor dem Vorstand anzuklagen. Doch was hat VW mit Menschenrechtsverbrechen in Brasilien zu tun?

Laut Russau hätten sich mehrere Vorstandsmitglieder, wie der Nutzfahrzeugspartenchef Andreas Renschler, positiv auf den neuen, rechtsradikalen Präsidenten Jair Bolsonaro bezogen. Die aktuelle Regierung hetzt nicht nur gegen politische Gegner und baut systematisch Menschenrechte ab, sondern ist auch aktiv daran beteiligt, das Arbeitsrecht zu schleifen und gewerkschaftliche Organisierung massiv zu erschweren. Unlängst warnte auch der Vorstand der IG Metall in einem offenen Brief vor den Maßnahmen der Regierung. »Wenn Arbeiter*innen keine Rechte mehr haben, Löhne gekürzt werden und die Gewerkschaftsfreiheit eingeschränkt wird, macht der Konzern sprudelnde Gewinne«, so Russau.

Auch mit dem ultrarechten Gouverneur von Rio de Janeiro, Wilson Witzel, hat Volkswagen keine Probleme. Im März besuchte Witzel Deutschland und traf sich in Berlin mit dem CEO von VW Bus and Trucks in Brasilien, Roberto Cortes. Russau meint: »Dass Cortes auf Firmenkosten nach Deutschland fliegt, um Witzel die Hände zu schütteln, ist ekelhaft.« Erst vergangene Woche ist Witzel bei einem Hubschrauberflug der Polizei mit geflogen, bei dem Scharfschützen Schüsse auf eine Favela abfeuerten. Vor wenigen Tagen wurde Witzel vor der UN wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt.

Der Gouverneur von Rio de Janeiro, Wilson Witzel, schüttelt dem CEO von VW Bus and Trucks Brasilien, Roberto Cortes, in Berlin die Hand
Der Gouverneur von Rio de Janeiro, Wilson Witzel, schüttelt dem CEO von VW Bus and Trucks Brasilien, Roberto Cortes, in Berlin die Hand

Die Zusammenarbeit von VW mit autoritären und faschistischen Kräften in Brasilien hat Tradition. Volkswagen ist seit 1953 in Brasilien aktiv und beschäftigt aktuell rund 20.000 Menschen dort. In einem der größten Auslandswerke des Konzerns ließ VW während der Militärdiktatur (1964 bis 1985) Mitarbeiter*innen ausspionieren und lieferte Informationen an die Geheimagenten der Diktatur. Mehrere Mitarbeiter*innen wurden daraufhin verhaftet und gefoltert. Eines der damaligen Opfer, Lúcio Bellentani, erklärte, dass der VW-Werkschutz nicht nur seine Verhaftung, sondern auch seine Misshandlung durch die Politische Polizei auf dem Werksgelände geschehen lassen habe.

Ermittlungen haben gezeigt, dass die damaligen Chefs von VW do Brasil, Wolfgang Sauer und Werner Paul Schmidt, über die Folterpraktiken Bescheid wussten. Eine im vergangenen Jahr präsentierte Studie des von VW beauftragten Historikers Christopher Kopper belegt die Verstrickung von Volkswagen do Brasil in die Gräueltaten der Militärdiktatur. Eine Entschuldigung ist bis heute ausgeblieben. Mehrere Folteropfer, wie der VW-Mitarbeiter Heinrich Plagge, sind gestorben, bevor sie entschädigt wurden. Am Montag demonstrierten in Brasilien Folteropfer und forderten: »Wir wollen Gerechtigkeit, bevor wir tot sind.«

Auch Russau findet klare Worte: »Sie sollten sich ihrer historischen Verantwortung stellen, um Entschuldigung bitten, Entschädigungen zahlen und vor allem: Sie sollten mit den Faschisten dieser Welt nicht mehr kooperieren.« Daraufhin fordert Russau den VW-Vorstand auf, sich in Gedenken an die Opfer zu erheben. Niemand kommt der Aufforderung nach. Als der Berliner die gleiche Forderung den Aktionär*innen stellt, erheben sich rund 50 Aktionär*innen. Nach seiner Rede sagt der Aktivist dem »nd«: »Diejenigen, die sich geweigert haben aufzustehen, verbleiben in ihrer geldfixierten Arroganz. Saubande.«

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