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Das wird teuer

Bayer verliert in den USA erneut ein Gerichtsverfahren in Sachen Glyphosat

  • Von Ulrike Henning
  • Lesedauer: 4 Min.

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Ob im Gartenmarkt oder im Internet, auch für Endverbraucher ist das Herbizid frei erhältlich.
Ob im Gartenmarkt oder im Internet, auch für Endverbraucher ist das Herbizid frei erhältlich.

Erneut hat Bayer in den USA einen Prozess gegen Roundup verloren, das Glyphosat-haltige Pestizid seiner Tochter Monsanto - zum dritten Mal in nur neun Monaten. Geklagt hatte das Rentner-Ehepaar Alva und Alberta Pillod. Beide sind an Lymphdrüsenkrebs erkrankt. Das Paar hatte das Produkt jahrzehntelang auf seinem Grundstück in Nordkalifornien verwendet, um die Garageneinfahrt unkrautfrei zu halten.

Nach fünf Verhandlungswochen und zwei Beratungstagen der siebenköpfigen Jury am Bezirksgericht Oakland befand diese am Montag Monsanto in allen Anklagepunkten für schuldig: Roundup sei krebserregend, das Unternehmen hätte die Konsumenten davor warnen müssen und habe fahrlässig gehandelt. Der Schuldspruch ist verbunden mit Strafzahlungen von einer Milliarde Dollar je Kläger und noch einmal 55 Millionen Dollar Schadensersatz für das Paar. Die Höhe der Strafzahlung solle eine Botschaft für Monsanto sein, so hatte einer der Klägeranwälte vorgeschlagen.

Auch dieser Prozess fand wie die beiden vorigen in der nordkalifornischen Bay Area statt. Geschworenengerichte dort haben den Ruf, dass sie sich gern auf die Seite von geschädigten Konsumenten stellen. Insofern halten manche Beobachter die hohen Strafen nur für eine Momentaufnahme. Sie könnten in weiteren Stufen des Verfahrens revidiert werden, und Bayer will auch diesmal in Berufung gehen.

Das Urteil ist für Bayer jedoch auch deshalb brisant, weil in den USA weitere 13 400 Fälle von Gärtnern, Landwirten und weiteren Monsanto-Kunden anhängig sind. Bislang waren Bankanalysten davon ausgegangen, dass die Gerichtskosten in Bezug auf Roundup mit rund fünf Milliarden Dollar einzupreisen seien. Inzwischen lägen die Rechtsrisiken bei fast 90 Milliarden Dollar - und das für ein Produkt, das nur für fünf Prozent der Bayer-Gewinne steht. Andere Rechnungen gehen noch viel höher, indem sie den jetzt absehbaren Klägern jeweils nur zehn Millionen Dollar zusprechen. Das würde am Ende fast doppelt so viel kosten wie 2018 die Übernahme des Unternehmens für 63 Milliarden US-Dollar durch Bayer. Hinzu kommt, dass Roundup nach wie vor frei verkauft wird, die Zahl potenzieller Kläger ist damit fast unabsehbar.

Trotz aller Warnungen hatte Bayer-Chef Werner Baumann den Kauf von Monsanto auch dann noch verteidigt, als die Klagewelle bereits anrollte. Nach dem zweiten verlorenen Prozess im vergangenen August war die Bayeraktie um 40 Prozent eingebrochen, richtig erholt hat sie sich seitdem nicht mehr. Erst bei der Hauptversammlung im April verweigerten die Aktionäre dem Konzernchef die Entlastung, der Aufsichtsrat sprach Baumann aber das Vertrauen aus.

Einige Investoren verlangen von Bayer, den Streit außergerichtlich beizulegen - aber auch das dürfte nicht nur in die Milliarden gehen, sondern enthielte auch das Eingeständnis, dass Roundup tatsächlich gesundheitsgefährdend ist. Sollten die bisherigen Urteile auch nur im Ansatz bestätigt werden und würden Tausende weitere folgen, ahnen manche Beobachter, könnte auch die Existenz des Traditionskonzerns auf dem Spiel stehen: Sobald das Monsanto-Problem »gelöst« sei, verbunden mit einer weiteren deutlichen Wertminderung, könnte Bayer sogar als Übernahmeziel nicht mehr ausgeschlossen werden. Andere Analysten sehen zum jetzigen Zeitpunkt noch keine konkrete Gefahr: Erst nach weiteren Verfahren sei die kommende Belastung tatsächlich abzuschätzen, also nicht vor 2020. Auch die Banker gehen von reduzierten Schadensersatzsummen aus.

Bis es tatsächlich so weit ist, darf jedoch eines nicht vergessen werden: Glyphosat ist nicht allein wegen seiner Giftigkeit für direkte Anwender hoch umstritten. Das meistverkaufte Unkrautvernichtungsmittel der Welt tötet als »Totalherbizid« jede Pflanze, die nicht gentechnisch angepasst wurde. Es trägt maßgeblich zum Artensterben in der Agrarlandschaft bei. In der Europäischen Union und auch in Deutschland schlugen die Wogen hoch, als Ende 2017 der damalige Landwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) im Alleingang mit einem »Ja« zu Glyphosat alle Absprachen zwischen den Regierungsfraktionen brach. Er ermöglichte damit, dass Glyphosat für weitere fünf Jahre in der EU eingesetzt werden kann.

Die jetzt in Frankreich aufgedeckten Aktivitäten von Monsanto zur Manipulation der Öffentlichkeit verstärken noch einmal die Zweifel, ob bei der letzten Verlängerung der EU-Zulassung alles mit rechten Dingen zugegangen sein mag. Warum sollte Monsanto nur in den USA Studien manipulieren oder die Bewertung der Umweltschutzbehörde beeinflussen, wie es im aktuellen Verfahren in Oakland zur Sprache kam?

Aus der Politik kommen bereits Rufe, endlich Langzeitwirkungen und kumulative Effekte des Herbizids zu erfassen. Die Bundesregierung sollte sämtliche Eintragsrisiken von Glyphosat in die Nahrungskette ermitteln und bewerten, fordert etwa Kirsten Tackmann, agrarpolitische Sprecherin der LINKEN im Bundestag.

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