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Das Ende eines Schweigegelübdes

Polen debattiert über Doku zu Kindesmissbrauch durch katholische Geistliche

  • Von Wojciech Osinski, Warschau
  • Lesedauer: 3 Min.

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Eine Dokumentation über den Missbrauch von Kindern durch katholische Geistliche erschüttert seit Samstag ganz Polen. In nur drei Tagen wurde der zunächst auf YouTube veröffentlichte Film des TV-Redakteurs Tomasz Sekielski fast elf Millionen Mal angeklickt.

Brisant sind die darin gezeigten Begegnungen von Opfern mit ihren einstigen Peinigern, die mit versteckter Kamera gedreht wurden. Zu sehen sind wortkarge Greise, die etwas überfordert wirken, ihre fürchterlichen Taten jedoch zugeben. Einige der gezeigten Priester wurden bereits wegen Missbrauch verurteilt, arbeiteten aber auch danach noch in Gemeinden, wo sie weiterhin Kontakt mit Kindern hatten. »Die Reaktionen haben unsere Erwartungen übertroffen. Es wird eine Fortsetzung geben, weil sich erst jetzt weitere Opfer gemeldet haben«, sagt Sekielski.

Schon der kontroverse Film »Klerus« hatte im letzten Herbst sämtliche Rekorde gebrochen und eine Diskussion über die teilweise mafiösen Zustände in der polnischen Kirche entfacht. Der Kinofilm hätte damals aber kaum mehr als die Oberfläche des Problems Kindesmissbrauch angekratzt, so Sekielski.

Rechte Medien werfen dem 45-jährigen Reporter vor, er wollte kurz vor den Wahlen der konservativen Regierung Schaden zufügen. Zwar ist Sekielski in der Vergangenheit wiederholt als PiS-Kritiker in Erscheinung getreten, doch in diesem Fall hält dieses Argument nicht stand. Einer der im Film dargestellten Priester ist nämlich der inzwischen verstorbene Franciszek Cybula, der dem legendären Solidarność-Helden Lech Wałęsa nahestand.

Der ehemalige Präsident ist ebenfalls in der Doku zu sehen, und zwar in der unrühmlichen Rolle des Verteidigers von Cybula. Wałęsa wird aber mit der heutigen Opposition in Verbindung gebracht. »Man muss schon sehr engstirnig sein, wenn man die Doku als Wahlkampf wertet«, meint Sekielski.

Während die Reaktionen der Würdenträger bisher verhalten ausfallen, versucht fast jeder Politiker eine eigene Tünche auf sein Konterfei zu legen. PiS-Chef Jarosław Kaczyński betonte, wer sich des Kindesmissbrauchs schuldig mache, müsse »besonders hart« bestraft werden, ganz gleich, ob es sich um Priester oder Prominente handele. Dabei spielte er auf den Starregisseur Roman Polański an, der in linken Kreisen nach wie vor Kultstatus genießt. Andererseits bestehen kaum Zweifel daran, dass Kaczyński schon seit Jahren die gezielte Nähe zur Kirche sucht und für sie stets auch die nötigen Schutzschirme öffnet. Das Medienimperium des Redemptoristenpaters Tadeusz Rydzyk nutzen PiS-Politiker immer wieder als Schaubühne. Rydzyks Radiosender »Radio Maryja« erreicht täglich bis zu drei Millionen Hörer (und Wähler).

Die Opposition bläst dagegen zum Angriff auf die Regierung. »Die PiS misst mit zweierlei Maß«, glaubt der Nowoczesna-Abgeordnete Paweł Pudłowski. Unterdessen kündigte Kaczyński härtere Gesetze gegen Sexualstraftäter an. Diese seien zwar bereits 2016 vorbereitet worden, doch damals hätten die Nowoczesna und die Bürgerplattform (PO) die Änderungsvorschläge im Strafgesetzbuch blockiert, so der Parteilenker. Sachlich bleibt wohl nur Sekielski selbst. »Die im Film gezeigten Fälle sind nur die Spitze des Eisbergs. Es sollte rasch eine unabhängige Untersuchungskommission berufen werden«, hofft der Journalist.

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